„Unterschreib einfach, Anna“ — forderte Lukas im Hotelzimmer zwanzig Minuten vor dem Ja‑Wort, während die Braut barfuß auf dem Teppich saß

Diese verlogene Ruhe schmerzte auf eine grausame Weise.
Geschichten

— Was soll dieses Theater jetzt?

— Wenn es wirklich nur eine übliche Klausel ist, wird es dir ja wohl nichts ausmachen.

Eine ganze Weile hat er mich nur angestarrt.

Dann ist seine Stimme leiser geworden.

— Du machst dich gerade komplett lächerlich.

— Kann sein. Lies trotzdem weiter.

Er hat mir die Blätter beinahe aus der Hand gerissen.

— „Für den Fall einer Trennung …“

Mitten im Satz ist er verstummt.

— Weiter.

— Anna.

— Lies weiter.

Sein Blick ist zu seinem Vater gewandert.

Das war das zweite Warnsignal.

Und diesmal hat auch Michael Keller nicht mehr so gelassen gewirkt wie zuvor.

Lukas hat wieder auf das Papier geschaut.

— „Für den Fall einer Trennung verpflichtet sich die Ehefrau, auf sämtliche Ausgleichsansprüche zu verzichten, die aus mittelbaren oder unmittelbaren Beiträgen zum Vermögensaufbau des Ehemannes entstanden sind oder entstehen könnten.“

Ich habe kein Wort gesagt.

Er hat umgeblättert.

— „Darunter fallen insbesondere unentgeltlich oder unter dem marktüblichen Wert erbrachte Leistungen zugunsten von Unternehmen, Gesellschaften oder Projekten, an denen der Ehemann oder Angehörige seiner Familie beteiligt sind.“

Mir sind die Finger eiskalt geworden.

Denn genau darum ging es.

Um mich.

Vor drei Jahren hatte Lukas mich gebeten, bei einem größeren Umbau im Familienbetrieb mitzuhelfen.

In Linz sollte eine alte Produktionshalle auf den neuesten Stand gebracht und daneben ein neuer Verwaltungstrakt errichtet werden.

Der Projektleiter, der ursprünglich dafür vorgesehen gewesen war, war kurzfristig ausgefallen.

Ich hatte Kontakte hergestellt, Baupläne durchgesehen, Ausschreibungen überarbeitet und über Monate hinweg nach Dienstschluss telefoniert.

Nicht offiziell.

Nicht über mein eigenes Büro.

Sondern für Lukas.

Damals hatte er lachend gemeint:

— Damit ersparen wir uns locker hunderttausend Euro.

Und ich hatte gesagt:

— Dann bist du mir wenigstens ein ordentliches Abendessen schuldig.

Wir hatten beide darüber gelacht.

Später hat er mich um Unterstützung bei einem zweiten Vorhaben gebeten.

Dann bei einem dritten.

Eine Rechnung habe ich nie gestellt.

Nicht, weil ich gutgläubig oder dumm gewesen wäre.

Sondern weil ich überzeugt gewesen bin, dass wir gemeinsam etwas aufbauen. Ein Leben. Eine Zukunft. Unser Leben.

Ich habe Lukas angesehen.

— Das ist kein gewöhnlicher Ehevertrag.

— Doch, ist es.

— Nein. Diese Passage ist ganz gezielt geschrieben.

Er blieb stumm.

Also habe ich mich an Michael gewandt.

— Wer hat verlangt, dass genau dieser Absatz hineinkommt?

Sein Vater sagte nichts.

Elisabeth erhob sich von ihrem Sessel.

— Jetzt mach daraus bitte kein Drama.

Ich wandte den Kopf zu ihr.

— Sie haben davon gewusst.

— Selbstverständlich haben wir davon gewusst. Es geht hier schließlich auch um Familienvermögen.

— Meine Arbeit ist aber kein Bestandteil Ihres Familienvermögens.

Lukas’ Stimme wurde schärfer.

— Niemand hat dich jemals gezwungen, uns zu helfen.

— Habe ich das behauptet?

— Nein, aber du stellst es gerade so hin, als hätten wir dich ausgenutzt.

Ich legte die Unterlagen langsam auf den Tisch.

— Habt ihr das?

— Anna!

— Dann erklär mir, warum ausgerechnet meine unbezahlte Arbeit in diesem Vertrag ausdrücklich erwähnt wird.

Darauf bekam ich keine Antwort.

Ich griff nach meinem Handy.

— Wen willst du jetzt anrufen?

— Meine Anwältin.

Lukas lachte kurz auf, aber es klang nicht amüsiert, sondern fassungslos.

— Jetzt?

— Ja. Genau jetzt.

Katharina, eine Studienfreundin von mir, arbeitete in Wien als Rechtsanwältin und war auf Familienrecht spezialisiert.

Beim zweiten Versuch ging sie dran.

— Anna? Solltest du nicht gerade heiraten?

— Genau deswegen rufe ich dich an.

Ich machte ein Foto von der betreffenden Seite und schickte es ihr.

Keine zwei Minuten später meldete sie sich zurück.

Ihr erster Satz war:

— Unterschreib das auf keinen Fall.

Lukas stand inzwischen direkt vor mir.

Ich stellte auf Lautsprecher.

Katharina erklärte mit ruhiger Stimme, der Vertrag wäre nicht automatisch nichtig, aber mehrere Bestimmungen seien auffallend einseitig formuliert.

Vor allem die Passage über meine bisherige Mitarbeit sei ungewöhnlich.

— Das liest sich so, sagte sie, als wolle jemand verhindern, dass du später wegen ganz konkreter Leistungen irgendwelche Ansprüche geltend machen kannst.

Lukas schüttelte den Kopf.

— Das ist doch völliger Blödsinn.

Katharina hatte ihn gehört.

— Wer spricht da?

— Lukas.

— Lukas, wer hat diesen Entwurf erstellen lassen?

Er nannte den Namen einer Kanzlei in Graz.

Katharina schwieg einen Augenblick.

— Und wer hat die Kanzlei beauftragt?

Wieder diese winzige Pause.

— Mein Vater.

Ich schloss kurz die Augen.

Katharina sagte:

— Anna, du unterschreibst heute gar nichts. Nicht unter Zeitdruck, nicht im Brautkleid und schon überhaupt nicht ohne eigene rechtliche Beratung.

Ich bedankte mich bei ihr und legte auf.

Lukas ging zum Fenster hinüber.

— Großartig. Jetzt glaubt deine Freundin, meine Familie besteht aus Betrügern.

— Hat sie das gesagt?

— Nein, aber …

— Dann leg ihr keine Worte in den Mund.

Hedis Stube