Ich habe ihn eine ganze Weile nur angeschaut.
Genau in diesem Augenblick ist mir klar geworden, dass es nicht bloß um eine einzelne Abhebung ging. Das Ganze war viel größer, viel tiefer, als ich es mir bis dahin eingestanden hatte.
Am darauffolgenden Morgen bin ich zur Bank gegangen.
Nicht, weil ich Florian bestrafen wollte.
Auch nicht, weil ich den nächsten Streit provozieren wollte.
Ich wollte einzig und allein verhindern, dass ich eines Tages dastehe und über mein eigenes Geld keine Kontrolle mehr habe.
Ich habe mich beraten lassen, sämtliche Konten durchgesehen und die bisherigen Zahlungswege ändern lassen.
Mein Gehalt sollte ab sofort ausschließlich auf mein eigenes Konto überwiesen werden.
Meinen ausgemachten Anteil an den gemeinsamen Haushaltsausgaben würde ich selbstverständlich weiterhin zahlen.
Alle Belege, Kontoauszüge und Überweisungsbestätigungen habe ich sorgfältig aufgehoben.
Auch die Beträge, die aus unserem gemeinsamen Sparguthaben verschwunden waren, habe ich genau dokumentiert.
Danach habe ich mir noch einmal die Unterlagen zu unserer Wohnung vorgenommen.
Florian hatte immer so getan, als hätten wir sie von Anfang an zu gleichen Teilen finanziert.
In Wahrheit war ein erheblicher Teil der ursprünglichen Anzahlung aus meinen Ersparnissen gekommen, die ich schon vor unserer Ehe beiseitegelegt hatte.
Meine Eltern hatten damals nur einen einzigen Satz zu mir gesagt:
„Gib dich nicht selbst auf, nur damit eine Ehe irgendwie funktioniert.“
Damals hatte ich nicht wirklich begriffen, was sie damit meinten.
Jetzt habe ich es verstanden.
Nach dem Abendessen bei Theresa sind Florian und ich wortlos heimgefahren.
Kaum waren wir in der Wohnung, hat er seine Schlüssel auf die Kommode gepfeffert.
„Was war das heute bitte für ein Auftritt von dir?“
Ich habe langsam meine Jacke ausgezogen.
„Das könnte ich dich genauso gut fragen.“
„Du hast dich benommen, als hättest du irgendetwas in der Hand.“
„Weil ich tatsächlich etwas in der Hand habe.“
Er hat sich ruckartig zu mir umgedreht.
„Was soll das heißen?“
Ich habe aus meiner Tasche eine Mappe genommen und sie vor ihm auf den Tisch gelegt.
„Schau es dir an.“
Er hat sie geöffnet.
Darin waren Kontoauszüge, Überweisungsbelege und sämtliche Unterlagen zu unseren gemeinsamen Finanzen.
Mit jeder Seite, die er gelesen hat, ist sein Gesicht angespannter geworden.
„Was hast du gemacht?“
„Ich habe dafür gesorgt, dass mein Gehalt nicht mehr ohne meine ausdrückliche Zustimmung irgendwohin weitergeleitet werden kann.“
„Du kannst doch nicht einfach alles umstellen!“
Ich habe ihn ruhig angesehen.
„Warum nicht? Es ist mein Einkommen.“
Darauf wusste er zunächst nichts zu sagen.
Ich habe ihm den nächsten Ausdruck hingeschoben.
„Und das hier ist die Aufstellung über das Geld, das du von unserem Sparguthaben genommen hast.“
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich es zurückzahle.“
„Das erzählst du mir seit Monaten.“
„Meine Firma braucht dieses Geld!“
„Dann hättest du mit mir darüber reden müssen, bevor du es nimmst.“
Er hat geschwiegen.
Nach ein paar Sekunden hat er leiser gefragt:
„Und was ist jetzt mit Mama?“
„Wenn sie wirklich Unterstützung braucht, können wir darüber reden.“
„Genau das wollte ich ja!“
„Nein, Florian. Du wolltest, dass mein Gehalt ohne mein Einverständnis auf ihr Konto überwiesen wird.“
„Wir wollten ihr helfen.“
„Dann helft ihr mit eurem Geld.“
Da ist seine Stimme lauter geworden.
„Du stellst dich gegen meine Familie!“
Ich bin ruhig geblieben.
„Nein. Ich stelle mich zum ersten Mal nicht mehr gegen mich selbst.“
Dieser Satz hat ihn zum Schweigen gebracht.
Am nächsten Tag hat Theresa angerufen.
„Florian hat mir alles erzählt.“
„Das habe ich mir schon gedacht.“
„Ich bin maßlos enttäuscht von dir.“
Ich habe tief Luft geholt.
„Ich bin auch enttäuscht.“
„Wir sind eine Familie.“
