Mein Mann hat beim Frühstück so nebenbei gesagt: „Ich hab dich satt. Such dir eine Mietwohnung, ab sofort wohnt meine Freundin hier.“ Als wäre das nicht schon demütigend genug gewesen, wollte er auch noch, dass unser Sohn bei ihm bleibt. Ich habe weder geweint noch geschrien. Wortlos habe ich meinen Schlüssel auf den Tisch gelegt und meine Sachen zusammengesucht. Er hat gelächelt, weil er geglaubt hat, er hätte gewonnen – bis unser Sohn in seine Tasche gegriffen, seinen eigenen Schlüssel herausgeholt, ihn neben meinen gelegt und gesagt hat: „Ich geh mit Mama.“
TEIL 1
„Ich hab genug von dir“, sagte Florian, als würde er über das Wetter reden. „Eine Scheidung ist mir im Augenblick aber schlicht zu teuer. Also suchst du dir am besten eine Mietwohnung. Ich bleib hier – mit meiner Freundin.“
Dabei strich er seelenruhig Marillenmarmelade auf sein Brot, ganz gelassen, als hätte er gerade nur den Verkehr in Wien kommentiert. Nicht einmal die Stimme senkte er, obwohl sein Sohn nur ein paar Meter entfernt am Tisch saß.
Katharina erstarrte.

Sie war neununddreißig Jahre alt und seit fünfzehn Jahren mit diesem Mann verheiratet. In all diesen Jahren hatte sie den Haushalt geschupft, ihren Sohn durch Schule, Prüfungen und Krisen begleitet, die Familienfinanzen im Blick behalten, Geburtstage und Treffen organisiert und hingenommen, dass Florian ihre Teilzeitstelle in einer Firma für Dokumentendigitalisierung als lächerlichen Zeitvertreib abtat.
Florian dagegen führte ein gut laufendes Transport- und Logistikunternehmen. Er verdiente hervorragend, fuhr einen wuchtigen Geländewagen, der mehr wert war als manche kleine Eigentumswohnung, und hatte sich längst eingeredet, dass jener, der die Rechnungen bezahlt, auch über das Leben aller anderen bestimmen dürfe.
„Mach jetzt bitte kein Theater daraus“, fuhr er fort. „Theresa ist jung, ehrgeizig, sie versteht mich. Du passt einfach nicht mehr zu dem Leben, das ich führen will. Ich kann dir monatlich etwas überweisen, damit du nicht ganz ohne alles dastehst.“
Katharina schaute zu Lukas hinüber, ihrem sechzehnjährigen Sohn.
Der Bursch starrte reglos in sein Kakaohäferl.
Florian verzog den Mund zu einem selbstzufriedenen Lächeln. Für ihn bedeutete Katharinas Schweigen bereits, dass sie sich kampflos geschlagen gab.
„Und Lukas bleibt natürlich bei mir“, setzte er nach. „Hier hat er sein Zimmer, seinen Computer, die Schule ist gleich ums Eck. Wenn du dich irgendwo eingerichtet hast, kann er dich ja an manchen Wochenenden besuchen.“
Katharina nahm ihre Tasse, trank den Kaffee langsam aus, stand auf und ging ins Vorzimmer. Kurz darauf kam sie mit ihrem Schlüsselbund zurück.
Sie legte ihn genau in die Mitte des Tisches.
Florian lehnte sich zufrieden zurück, als hätte er soeben einen wichtigen Geschäftsabschluss gemacht.
„Na also. Wenigstens bist du vernünftig.“
Katharina sah ihm ruhig in die Augen.
„Lukas kommt mit mir.“
Sein Grinsen verschwand im selben Augenblick.
„Wie bitte?“
„Du hast mich sehr gut verstanden.“
Florian lachte kurz auf, doch es klang nicht mehr sicher.
„Dann frag ihn doch zuerst! Lukas wird sein bequemes Leben bestimmt nicht wegen deiner gekränkten Eitelkeit wegwerfen.“
Langsam hob Lukas den Kopf. Ohne ein Wort griff er in seinen Rucksack, zog seinen Hausschlüssel heraus und legte ihn leise neben den seiner Mutter.
„Ich geh mit Mama.“
Florian wurde kreidebleich.
„Du willst das alles hier gegen irgendeine abgewohnte Billigwohnung eintauschen?“
Lukas stand auf.
„Nein. Ich tausch das hier gegen meinen Frieden ein.“
Zwei Stunden später verließen Mutter und Sohn das Haus. Sie nahmen nur Kleidung, Dokumente, Bücher und ein paar persönliche Dinge mit.
Noch am selben Abend zogen sie in eine kleine Mietwohnung. Sie war schlicht, die Möbel waren abgenützt, die Küche winzig. Doch als Katharina die Tür hinter ihnen zugemacht hatte, huschte ein echtes Lächeln über Lukas’ Gesicht.
„Hier behandelt uns wenigstens keiner so, als würden wir ein Preisschild tragen.“
Zur selben Zeit räumte Theresa bereits ihre teuren Designertaschen in Florians Ankleidezimmer.
Er hörte ihr kaum zu.
In seinem Kopf kreiste nur ein Bild: die zwei Schlüssel, die verlassen auf dem Küchentisch gelegen hatten.
Und der Gedanke daran, wie er Katharina und Lukas dafür bezahlen lassen würde, dass sie es gewagt hatten, sich seinem Willen zu widersetzen.
Welche Mittel Florian in den nächsten Tagen einsetzen würde, um die beiden auf Knien zur Rückkehr zu zwingen, hätte Katharina sich nicht einmal in ihren finstersten Träumen vorstellen können.
TEIL 2
Drei Tage später wartete Florian vor dem Gymnasium auf seinen Sohn. Seinen protzigen Geländewagen hatte er direkt vor dem Haupteingang abgestellt, genau dort, wo ihn alle Mitschüler sehen mussten.
„Steig ein. Wir reden jetzt wie zwei Männer.“
Lukas stieg nur deshalb ein, weil er keine Szene vor seinen Schulfreunden wollte.
Florian kam sofort zur Sache.
„Genug mit diesem Heldentheater. Deine Mutter verdient fast nichts. Willst du wirklich jeden Euro dreimal umdrehen? Komm wieder nach Hause, und ich kauf dir den besten Computer, den es gibt. Zum achtzehnten Geburtstag bekommst du von mir ein Auto, und jede Privatuni, die du willst, bezahl ich dir auch.“
Lukas sah ihn lange an, ohne etwas zu sagen.
Dann fragte er leise: „Ist das wirklich alles, was du zustande bringst?“
„Wovon redest du?“
„Dinge kaufen. Menschen mit Geld locken, damit sie so funktionieren, wie du es willst.“
Florians Kiefer spannte sich sichtbar an.
„Ich sorge für deine Zukunft!“
„Nein“, erwiderte Lukas. „Du versuchst, mich zu kaufen, weil du es nicht aushältst, dass ich mich für Mama entschieden hab.“
Er stieß die Autotür auf. Bevor er ausstieg und sie zuschlug, drehte er sich noch einmal um.
„Du hast vielleicht viel Geld, Papa. Aber deswegen gehören wir dir nicht.“
Dieser Satz traf Florian tiefer, als er zugeben wollte.
Am nächsten Morgen wurde Katharina ins Büro ihres Abteilungsleiters gebeten. Der Mann saß hinter seinem Schreibtisch und vermied es, ihr in die Augen zu schauen.
„Ihre Stelle wird gestrichen.“
Katharina blinzelte. „Warum?“
„Betriebsbedingt“, sagte er knapp.
Seit vier Jahren arbeitete sie dort. Erst vor zwei Wochen hatte man ihr sogar in Aussicht gestellt, ihre Stunden aufzustocken. Sie musste nicht lange nachfragen, um zu verstehen, was geschehen war: Der Geschäftsführer war ein enger Jugendfreund von Florian.
Katharina protestierte nicht. Sie packte schweigend ihre Sachen zusammen und ging.
Zwei Tage später kam der nächste Schlag. Spät am Abend stand der Vermieter vor ihrer Tür.
„Sie müssen binnen drei Tagen ausziehen“, erklärte er. „Ich verkaufe die Wohnung.“
Katharina hatte das Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Ohne Arbeit, mit immer kleiner werdenden Ersparnissen und einem Sohn an ihrer Seite war es beinahe unmöglich, so rasch eine neue Bleibe zu finden. Bis tief in die Nacht saß sie vor dem Laptop und suchte nach freien Wohnungen, doch ohne aktuellen Einkommensnachweis kam sie nirgends weiter.
