„Ich geh mit Mama.“ sagte ihr Sohn und legte seinen Schlüssel neben ihren auf den Tisch

Sein feiges Verhalten fühlte sich gleichzeitig befreiend an.
Geschichten

Das Zimmer, das seinem Sohn gehört hatte, blieb so, als würde Lukas jeden Moment wieder hereinkommen. In manchen Nächten stand Florian davor, drückte leise die Klinke hinunter und schaute lange hinein: auf den Schreibtisch, auf die Basketballpokale, auf ein verblasstes Urlaubsfoto, auf dem sie zu dritt noch wie eine richtige Familie wirkten. Immer wieder wählte er Lukas’ Nummer. Meist hob der Bub gar nicht ab. Und wenn er es doch tat, war das Gespräch nach wenigen Sätzen vorbei.

„Brauchst du Geld?“
„Nein.“
„Soll ich dich irgendwo hinbringen?“
„Nein.“
„Geht dir irgendetwas ab?“
„Nein.“

Florian fand keinen Zugang mehr zu ihm. Alles, was er als Vater je angeboten hatte, war an Geld, Komfort und Besitz geknüpft gewesen. Jetzt, da Lukas genau das zurückwies, blieb ihm nichts mehr übrig, womit er ihn erreichen konnte. Ihm fehlten nicht nur die richtigen Worte – ihm fehlte überhaupt eine Sprache für das, was zwischen ihnen zerbrochen war.

Beinahe zwei Monate sind vergangen. Trotz des Umzugs, der mühsamen Wege zur Schule und der vielen Stunden, die Katharina im Geschäft gearbeitet hat, hat Lukas kein einziges wichtiges Basketballtraining ausgelassen. Seine Mannschaft kämpfte sich bis ins Finale der Regionalmeisterschaft vor. Katharina hatte ihm fest zugesagt, im Publikum zu sitzen.

An diesem Nachmittag war die Sporthalle bis auf den letzten Platz gefüllt. Schülerinnen, Lehrer, Eltern, Geschwister – alle drängten sich auf den Rängen. Katharina war früh gekommen und hatte sich einen Platz gesichert, von dem aus sie das Spielfeld gut sehen konnte. Als Lukas im Trikot einlief, wanderte sein Blick sofort zur Tribüne. Kaum hatte er seine Mutter entdeckt, hob sie beide Daumen und lächelte ihm zu.

Das Match war von Anfang an ein Kampf. Kein Team schenkte dem anderen auch nur einen Meter. Kurz vor der Schlusssirene stand es noch immer unentschieden. Dann bekam Lukas den Ball, sprintete über die Seite nach vorne, setzte zum Wurf an und ließ ihn aus der Distanz los. Der Ball knallte ans Brett, drehte sich einen Augenblick über dem Ring – und fiel durch das Netz.

Im nächsten Moment brach die Halle in Jubel aus. Seine Mitspieler stürzten sich auf ihn, der Trainer zog ihn an sich, und Katharina sprang von ihrem Platz auf und schrie vor Freude so laut, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nie getan hatte.

Für ein paar Minuten war alles Schwere der letzten Wochen wie ausgelöscht. Dann erschien Florian in der Halle.

Er kam in einem perfekt sitzenden Mantel, Theresa an seiner Seite, und bewegte sich mit jener überheblichen Sicherheit durch die Gänge, als gehöre der ganze Augenblick ihm. Er hatte offenbar absichtlich bis nach dem Abpfiff gewartet, um genau im Moment des größten Triumphs aufzutreten. Die missbilligenden Blicke des Trainers ignorierte er. Ohne zu zögern marschierte er direkt auf das Spielfeld.

„Das ist mein Bub!“, rief er laut und mit viel zu viel Pathos. „Ich hab gewusst, dass du das schaffst!“

Lukas’ Lächeln erstarb. Florian zog ihn vor allen Leuten ungefragt in eine Umarmung und holte anschließend ein elegantes Etui hervor. Als er es öffnete, blitzte darin eine unfassbar teure Luxusuhr.

„Gratuliere, Champion.“

Lukas rührte sich nicht. Florian tat, als bemerke er es nicht, und redete weiter.

„So, und jetzt ist es genug mit diesem ganzen Theater. Du hast bei deiner Mutter gewohnt, du hast gesehen, wie es ist, jeden Euro zweimal umzudrehen. Deine Lektion hast du gelernt. Komm wieder heim.“

Rundherum wurde es still. Mehrere Leute drehten sich zu ihnen um. Theresa blieb ein paar Schritte entfernt stehen und wirkte plötzlich alles andere als sicher.

„Ich hab noch eine viel bessere Überraschung“, setzte Florian nach. „Ich hab mir schon ein paar Autos angeschaut. Wenn du diese Woche zurückkommst, suchst du dir den Wagen zu deinem achtzehnten Geburtstag selber aus.“

Lukas atmete langsam ein und wieder aus.

„Ich will kein Auto.“

Florian verzog den Mund zu einem angestrengten Lächeln.

„Darüber reden wir später.“

„Und diese Uhr will ich auch nicht.“

Jetzt war es in der Halle so still, dass man jedes Rascheln hören konnte.

„Mach jetzt keine Szene vor allen“, zischte Florian, ohne die Zähne richtig auseinanderzubekommen.

Lukas sah ihn mit einem Blick an, der kalt und klar zugleich war.

„Die Szene veranstaltest nur du.“

„Ich bin dein Vater!“

„Dann führ dich endlich auch so auf.“

Diese Worte trafen Florian härter, als es ein lauter Vorwurf je gekonnt hätte. Katharina blieb auf der Tribüne wie angewurzelt stehen. Alles in ihr wollte hinunterlaufen und sich schützend vor ihren Sohn stellen. Doch im selben Moment begriff sie, dass Lukas diesen Streit selbst zu Ende bringen musste.

Er deutete auf das geöffnete Etui in Florians Hand.

„Glaubst du wirklich noch immer, man kann so etwas mit Geschenken reparieren?“

„Ich will dir doch nur ein gutes Leben ermöglichen!“

„Nein“, sagte Lukas ruhig. „Du willst zurückkaufen, was du kaputtgemacht hast, ohne auch nur einmal Verantwortung dafür zu übernehmen.“

Florian sah unruhig zur Seite, als suche er einen Ausweg aus den Blicken der anderen.

„Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst.“

Da zog Lukas sein Handy aus der Tasche.

„Doch, hab ich. Mama hat ihre Arbeit verloren, nachdem du deinen Freund angerufen hast. Und unserem Vermieter hast du rund 1.500 Euro zugesteckt, damit er uns binnen drei Tagen aus der Wohnung wirft.“

Theresa fuhr herum und starrte Florian an, als hätte sie ihn gerade zum ersten Mal richtig gesehen.

„Was hast du gemacht?!“

Florian presste den Kiefer zusammen.

„Das sind Dinge, die Erwachsene unter sich regeln!“

„Nicht, wenn du versuchst, meine Mutter auf die Straße zu setzen, nur damit du mich unter Druck setzen kannst!“, hielt Lukas ihm entgegen.

Die Stille in der Halle wurde beinahe körperlich spürbar. Eltern und Lehrkräfte schauten mit unverhohlener Verachtung herüber. Der Trainer verschränkte die Arme vor der Brust. Florian machte einen Schritt auf Lukas zu und wollte ihm an die Schulter greifen, doch Lukas wich angewidert zurück.

„Rühr mich nicht an.“

„Lukas …“

„Mama hat mir nie verboten, dich lieb zu haben“, sagte Lukas. „Sie hat kein einziges schlechtes Wort über dich verloren. Nicht einmal, als wir die Wohnung verloren haben. Da hat sie mir sogar angeboten, zu dir zurückzugehen, damit ich es leichter habe. Weißt du, wer von mir verlangt hat, den anderen zu hassen? Du.“

Er zeigte noch einmal auf die Uhr.

„Dieses Ding kostet mehr, als Mama in Monaten verdient. Aber sie ist jeden Morgen mit mir aufgestanden, wenn ich früh zum Training musste. Sie ist nachts wach geblieben und hat gewartet, bis ich heimgekommen bin. Sie hat heimlich ihren eigenen Schmuck verkauft, damit sie meine Fahrkarten bezahlen kann. Und du bist heute nur hier, weil ich gewonnen hab.“

Florian schnappte nach Luft.

„Ich bin dein Vater. Ich wollte dir immer ein besseres Leben bieten …“

„Ein gutes Leben ist kein großes Haus, in dem man ständig Angst haben muss, irgendwann wie unnötiger Ballast behandelt zu werden.“ Lukas hob seinen Pokal hoch. „Das hier hast du mit deinem Geld nicht kaufen können.“

Dann wandte er den Blick zur Tribüne.

„Mama!“

Katharina stieg die Stufen hinunter. Kaum war sie bei ihm, schloss Lukas sie vor allen Leuten fest in die Arme.

Florian blieb ein paar Meter entfernt stehen, die kostbare Schatulle noch immer in seinen zitternden Händen. In diesem Moment sah sie nicht mehr edel aus, sondern lächerlich und fehl am Platz. Zum ersten Mal begriff er, dass er nicht gegen Katharinas angebliche Armut verloren hatte. Er hatte gegen eine ehrliche Liebe verloren, die er selbst so lange mit Füßen getreten hatte.

Ohne ein weiteres Wort verließ er die Halle. Theresa eilte ihm nach. Draußen am Parkplatz stellte sie sich ihm in den Weg.

„Hast du wirklich Geld bezahlt, damit deine Frau und dein Kind ohne Wohnung dastehen?“

„Ich wollte nur, dass der Bub wieder zur Vernunft kommt!“

„Das hat nichts mit Vernunft zu tun“, fuhr sie ihn an. „Das ist Rache, weil er sich nicht für dich entschieden hat.“

„Halt dich da raus!“

Theresa riss die Autotür auf.

Hedis Stube