Am 24. Dezember habe ich im Kühlschrank eine Dose mit kaltem Sulz entdeckt und zuerst geglaubt, Florian hätte sie irgendwo im Geschäft mitgenommen. Erst dann ist mir der Zettel aufgefallen, der oben mit einem Gummiringerl befestigt war: „Für den Tisch. Mama.“
„Wozu ist das jetzt?“, habe ich gefragt.
Florian stand im Vorzimmer und klopfte Schnee aus seinem Schuh.
„Für Silvester.“
„Wir wollten doch selber kochen.“

Er zog endlich die Jacke aus, hängte sie auf und sagte in einem Ton, als würde er mich bloß an einen Friseurtermin erinnern:
„Am Einunddreißigsten fahren wir zu meiner Mutter.“
Im ersten Moment war ich sogar erleichtert. Seine Mutter wohnte nicht weit weg, kochte ausgezeichnet, und nach zwei Wochen Dezemberhetzerei klang die Aussicht, nicht den halben Tag beim Herd zu stehen, durchaus verlockend.
„Super. Dann muss ich nur fragen, was ich für die Kinder mitnehmen soll. Lukas isst keinen Heringssalat.“
Florian drehte sich zum Kasten um.
„Die Kinder kommen nicht mit.“
Da habe ich aufgehört, die Einkäufe auszuräumen.
Florian und ich kennen einander seit fast sieben Jahren, verheiratet sind wir seit fünf. Mein Sohn Lukas ist sechzehn, meine Tochter Anna zwölf. Ihr Vater lebt getrennt von uns, zahlt Unterhalt und sieht die beiden regelmäßig. Er ist wieder verheiratet, wir haben unser eigenes Zuhause, und über die Jahre hat sich eine gewisse Ordnung eingespielt. Keine perfekte, aber eine, mit der man leben konnte.
Florian war für die Kinder nie der Papa, und er hat auch nie versucht, sich in diese Rolle hineinzudrängen. Genau das habe ich an ihm geschätzt. Wenn ich keine Zeit hatte, hat er Anna zum Training gebracht. Lukas hat er beim Computer geholfen, wenn etwas nicht funktioniert hat. Und manchmal hat er auch gesagt: „Das soll er mit seinem Vater klären, da misch ich mich nicht ein.“ Jeder wusste, wer für wen was war.
Nur ist dieses „Das soll er mit seinem Vater klären“ im letzten Jahr immer öfter gekommen.
Im Herbst hat Lukas neue Winterschuhe gebraucht. Florian hat nach dem Preis gefragt und gemeint:
„Der Bub hat einen Vater. Wieso bist wieder du dran?“
Ich habe meinen Exmann angerufen, und Tobias hat ohne Diskussion die Schuhe gekauft. Damit war die Sache erledigt.
Später hat Florian sich darüber geärgert, dass Lukas so spät duschen geht und in der Früh das Bad noch feucht ist. Da war ich eher auf Florians Seite: Die Wohnung ist nicht groß, und er steht um halb sieben auf. Also habe ich Lukas gebeten, früher ins Bad zu gehen.
Dann waren da noch Annas Decke am Sofa, ihre Schulbücher auf dem Tisch, Lukas’ Sporttasche neben der Tür. Ganz normaler Familienkram. Darüber raunzte ich selber jeden Tag.
Darum habe ich, als Florian sagte, die Kinder würden nicht zu seiner Mutter mitkommen, zuerst an Platzmangel gedacht.
„Hat sie zu wenig Platz?“
„Dort sind Mama, Tante Barbara, Paul mit Julia. Und wir. Das sind schon sechs Leute.“
„Mit den Kindern wären es acht.“
„Eben.“
Er sagte es ohne Schärfe, und genau deshalb klang das Gespräch am Anfang beinahe vernünftig.
„Und wo sollen sie Silvester feiern?“
„Bei ihrem Vater.“
Ich nahm mein Handy.
„Hast du mit Tobias gesprochen?“
„Warum sollte ich mit ihm reden?“
Ich musste ihm erklären, dass Tobias nun einmal der Vater der Kinder ist und durchaus auch eigene Pläne haben kann.
Florian zuckte unzufrieden mit der Schulter.
„Katharina, dann ruf du ihn halt an.“
Also rief ich ihn an.
Tobias hob im Auto ab. Im Hintergrund piepste irgendetwas, dann schaltete er die Freisprechanlage aus und fragte nach:
„Wie meinst du das, Silvester bei mir?“
„Genauso, wie ich es sage. Seid ihr daheim?“
„Wir fahren am Dreißigsten zu Theresas Eltern. Hast du das vergessen? Wir haben doch schon im Oktober ausgemacht: Silvester sind die Kinder bei dir, nach dem dritten Jänner hole ich sie.“
Ich hatte es nicht vergessen.
Vergessen hatte es Florian. Oder besser gesagt: Er hatte sich überhaupt nicht dafür interessiert.
„Verstehe“, sagte ich. „Gut, wir reden später weiter.“
Als ich aufgelegt hatte, stand Lukas in der Küchentür.
Ich hatte nicht gehört, wie er gekommen war.
„Ich wollte mir nur einen Tee machen.“
Er nahm ein Häferl aus dem Kasten und schaltete den Wasserkocher ein.
Florian war der Erste, der die Stille durchbrach.
„Na gut. Dann bleiben sie eben daheim. Lukas ist eh schon groß, er kann auf Anna schauen.“
Lukas drehte sich langsam zu ihm um.
„Wie, daheim?“
Ich hätte Florian am liebsten aus der Küche geschoben, bevor er antworten konnte. Aber dafür war es schon zu spät.
„Ganz normal daheim. Wir fahren nur kurz zur Oma.“
„Aha.“
Mein Sohn schaltete den Wasserkocher wieder aus, obwohl das Wasser noch nicht gekocht hatte, und ging in sein Zimmer.
Ich sagte nur:
„Wunderbar.“
„Was ist denn dabei? Sie sind zwölf und sechzehn, nicht zwei und sechs.“
„Du schlägst ernsthaft vor, dass ich meine Kinder an Silvester allein in der Wohnung lasse.“
„Für ein paar Stunden.“
„Bis wann?“
„Mein Gott, Katharina, ich hab noch keinen Zeitplan geschrieben.“
An dem Abend haben wir uns zum ersten Mal richtig gestritten. Nicht laut, nicht mit Geschrei. Florian wiederholte immer wieder, ein einziger Abend würde doch nichts verändern, und ich fragte ihn, wieso er überhaupt auf die Idee gekommen sei, über diesen Abend allein bestimmen zu können.
Am nächsten Morgen ist er früher als ich in die Arbeit gegangen. Auf dem Küchentisch stand noch sein Häferl mit halb ausgetrunkenem Kaffee, und ich ertappte mich bei einem völlig naiven Gedanken: Am Abend setzen wir uns ruhig zusammen, reden alles durch und finden sicher eine Lösung.
Zu Mittag rief seine Mutter, Maria, an und kam sofort auf den Salat mit Hendl zu sprechen.
