ob ich ihn mache. Falls ja, solle ich bitte nicht übertreiben, Julia bringe ja auch noch irgendetwas mit.
Wir haben kurz besprochen, was gebraucht wird und was nicht, dann meinte sie:
„Gut ist wenigstens, dass ihr diesmal nur zu zweit kommt. Mir wird es ohnehin schon voll genug.“
Ich hakte nach.
„Zu zweit – also Florian und ich?“
„Na ja, ja.“
„Und die Kinder?“
Am anderen Ende war es plötzlich still.
„Hat Florian dir das nicht gesagt?“
„Was genau?“
„Er hat schon am Sonntag gemeint, dass Lukas und Anna bei ihrem Vater sind. Darum hab ich Paul erlaubt, Julia und ihre Schwester auch einzuladen.“
Es war Dienstag.
Am Sonntag hatte Florian seiner Mutter also bereits erzählt, dass meine Kinder bei Tobias sein würden. Mit mir hatte er erst zwei Tage später überhaupt darüber gesprochen.
Maria dürfte an meiner Stimme gemerkt haben, dass sie etwas ausgeplaudert hatte, was sie besser nicht gesagt hätte.
„Katharina, bitte, das müsst ihr euch selber ausmachen. Ich hab nur gebeten, dass es diesmal keine riesige Runde wird. Für zehn Leute zu kochen, das pack ich einfach nicht mehr so leicht.“
Das konnte ich sogar verstehen.
„Natürlich. Es ist ja Ihr Zuhause.“
„Nur geh bitte nicht gleich auf Florian los. Er wollte halt, dass es für alle passt.“
Nach dem Telefonat bin ich noch sicher fünf Minuten im Auto vor der Arbeit sitzen geblieben. Mein Handy lag am Beifahrersitz, auf dem Display stand eine Nachricht von Anna: „Mama, kaufst du Kleber?“
Eine ganz normale Nachricht.
Am Abend hab ich keinen Kleber gekauft. Ich hab es vergessen.
Dafür hab ich Florian gleich an der Tür gefragt:
„Du hast deiner Mutter schon am Sonntag gesagt, dass die Kinder bei Tobias sind?“
Er hat sofort begriffen, woher ich das wusste.
„Hat Mama angerufen?“
„Antworte einfach.“
„Ja, hab ich. Na und?“
„Am Sonntag?“
„Wahrscheinlich. Ich führ kein Protokoll über jeden Tag.“
„Mir hast du es erst gestern gesagt.“
Florian stellte das Einkaufssackerl auf die Kommode.
„Weil ich zuerst mit Mama klären wollte, wie viele Leute überhaupt kommen.“
„Du hast nicht geklärt, wie viele Leute kommen. Du hast entschieden, welche Leute zu viel sind.“
Er verzog das Gesicht.
„Bitte fang jetzt nicht wieder damit an.“
„Womit?“
„Mit diesem Gerede von ‚zu vielen Kindern‘. Das hab ich nie gesagt.“
Und das stimmte sogar. Gesagt hatte ich es für ihn.
Dann legte Florian seine Version dar. Seine Mutter sei müde. Letztes Jahr nach Silvester habe sie zwei Tage lang die Wohnung wieder auf Vordermann gebracht. Paul und seine Frau kämen selten. Tante Barbara sei allein. Lukas und Anna seien keine kleinen Kinder mehr. Sie hätten einen Vater. Und wir beide hätten in fünf Jahren noch kein einziges Mal Silvester nur mit seiner Familie verbracht.
Jeder Satz für sich genommen klang beinahe vernünftig.
Das Problem war nur: Damit es für alle anderen bequem blieb, hätten meine Kinder irgendwo verschwinden müssen.
Am nächsten Tag hat mich Lukas in der Küche abgefangen, als Florian gerade unter der Dusche war.
„Mama.“
„Was ist?“
„Wir können auch daheim bleiben, Anna und ich.“
Ich schnitt weiter Brot, obwohl das Abendessen schon längst am Tisch stand.
„Nein.“
„Ist echt kein Drama. Wir schauen einen Film, und ich bestell ihr eine Pizza.“
„Ich hab Nein gesagt.“
„Aber ihr streitet ja nur wegen uns.“
Da ist mir der Faden gerissen.
„Lukas, tu bitte nicht so, als wärst du hier der Erwachsene und könntest alles lösen! Mir fehlt gerade noch, dass du dir deine Schwester umhängst, nur weil Florian einmal in Ruhe dasitzen will!“
Mein Sohn trat einen Schritt vom Tisch zurück.
Im selben Moment wusste ich, dass ich zu weit gegangen war.
Anna stand im Vorzimmer. Wahrscheinlich hatte sie uns zum Essen holen wollen.
„Stören wir ihn?“, fragte sie leise.
Ich kam nicht mehr dazu, etwas zu sagen. Florian kam aus dem Bad.
„Wer stört wen?“
„Niemand“, sagte Lukas und verschwand in seinem Zimmer.
Beim Abendessen haben die Kinder kaum ein Wort geredet. Florian versuchte zweimal, Lukas nach der Schule zu fragen, aber der gab nur einsilbige Antworten.
Nach dem Essen klopfte ich bei meinem Sohn an.
„Ich hätte dich nicht so anschnauzen dürfen.“
Er saß vor dem Computer.
„Passt schon.“
„Nein, passt nicht.“
„Mama, ich kann wirklich daheim bleiben. Ich bin sechzehn. Ich will nur nicht, dass ihr deswegen…“
„Aus. Genug.“
Ich machte die Tür zu und ging in die Küche.
Florian räumte gerade das Essen in den Kühlschrank.
„Habt ihr euch geeinigt?“, fragte er.
Genau dieser Satz hat mir den Rest gegeben.
„Worüber?“
„Dass sie daheimbleiben.“
„Nein. Wir haben uns darauf geeinigt, dass mein Sohn nicht länger versucht, unsere Probleme zu lösen.“
Florian schlug die Kühlschranktür deutlich fester zu als nötig.
„Welche Probleme? Du machst doch erst welche daraus. Ich hab um einen Abend gebeten. Einen einzigen. Nicht um eine Woche, nicht um ein Monat.“
„Du hast mich nicht gebeten.“
„Was hab ich denn deiner Meinung nach gemacht?“
„Entschieden. Zuerst mit deiner Mutter, und danach hast du mich vor vollendete Tatsachen gestellt.“
„Weil ich gewusst hab, dass genau das kommt.“
„Was genau kommt?“
Er machte eine wegwerfende Handbewegung in Richtung der Kinderzimmer.
„Jedes Wort über die Kinder nimmst du so, als würde ich sie vor die Tür setzen. Ich muss nicht jede freie Minute mit ihnen verbringen wollen.“
„Hab ich das je von dir verlangt?“
„Aber Silvester feiern wir ohne deine Kinder.“
Er sagte es und schwieg.
Wahrscheinlich hörte er in diesem Moment selbst, wie es geklungen hatte. Nur zurücknehmen ließ es sich nicht mehr.
