An der Kassa ist Anna dann noch der Kleber eingefallen, um den sie mich schon ein paar Tage vorher gebeten hatte.
„Mama, den hast du wieder nicht gekauft.“
Da haben wir alle drei losgelacht, und aus irgendeinem Grund ist mir genau dadurch ein bissl leichter ums Herz geworden.
Am Einunddreißigsten hat Tobias die Kinder per Videoanruf erreicht. Danach hat er mich noch extra angerufen.
„Wie seid ihr überhaupt draußen gelandet?“
„Das ist eine längere Geschichte.“
„Mit Florian?“
„Ja.“
Mehr hat er nicht nachgefragt.
Florian hat mir gegen acht am Abend geschrieben: „Guten Rutsch.“
Ich habe dasselbe zurückgeschrieben.
Um Mitternacht hat Lukas den alkoholfreien Kindersekt aufgemacht. Der Korken ist gegen die Decke geschossen, Anna hat gekreischt, und ich habe ihn danach noch fünf Minuten unter dem Tisch gesucht.
Am ersten Jänner hat Florian sich nicht gemeldet.
Am zweiten, ungefähr zu Mittag, ist sein Auto in den Hof gefahren.
Ich habe es durchs Fenster gesehen und als Erstes kontrolliert, ob die Häferl schon vom Tisch weggeräumt sind. Lächerlich eigentlich: Mein Mann kommt, um zu klären, was aus unserer Familie geworden ist, und ich schau auf die Brösel.
Er hat ein Sackerl Mandarinen mitgebracht und Annas Ladekabel, das sie daheim liegen gelassen hatte.
„Da“, hat er zu ihr gesagt.
„Danke.“
Lukas hat kurz gegrüßt und ist gleich hinausgegangen.
Florian hat seine Jacke ausgezogen.
„Kann ich mit dir reden?“
Wir sind in der Küche geblieben.
Er hat nicht mit den Kindern angefangen.
„Mama glaubt jetzt, wir lassen uns scheiden.“
„Wieso?“
„Weil ich allein gekommen bin. Dann hat Paul gefragt. Danach noch Tante Barbara. Ein ausgesprochen lustiger Abend war das.“
„Und was hast du gesagt?“
„Dass wir gestritten haben.“
„Weswegen?“
„Katharina …“
„Ich frag nur.“
Er hat mit der Handfläche über die Tischplatte gestrichen.
„Ich hab gesagt, wir hätten uns wegen der Kinder nicht einigen können.“
„Gut.“
„Was soll daran gut sein?“
„Nichts. Aber wenigstens stimmt es.“
Florian hat sich gereizt gegen die Sessellehne fallen lassen.
„Begreifst du eigentlich, dass ich niemanden rauswerfen wollte? Ich wollte nur einmal Silvester bei meiner Mutter verbringen, ohne diese ganze Menschenmenge. Mehr nicht.“
„Ich versteh das.“
Offenbar hatte er mit einer anderen Antwort gerechnet.
„Und?“
„Und du hättest es mir sagen können, bevor du deiner Mutter mitgeteilt hast, wo meine Kinder sein werden.“
„Wenn ich es dir zuerst gesagt hätte, wäre es genauso ausgegangen.“
„Vielleicht.“
„Na also.“
„Nur wäre es dann ein Gespräch gewesen. Keine fertige Entscheidung.“
Eine Weile hat Florian zum Fenster hinausgeschaut.
„Gut. Das hab ich falsch gemacht.“
Das war keine Entschuldigung. Eher das Eingeständnis eines handwerklichen Fehlers.
Ich habe gefragt:
„Und dass Lukas und Anna daheim bleiben sollten, war für dich in Ordnung?“
„Ich seh nach wie vor keine Katastrophe. Er ist sechzehn.“
„Ich seh auch keine Katastrophe. Ich wollte Silvester nur nicht auf diese Art verbringen.“
„Heißt das, ab jetzt macht jeder, was er will?“
„Nein. Es heißt, dass jeder zumindest vorher erfährt, was geplant ist, bevor andere für ihn etwas ausmachen.“
Er hat spöttisch gelächelt.
„Du kannst wirklich alles drehen.“
„Florian, Lukas hat vorgeschlagen, mit Anna daheimzubleiben, weil er geglaubt hat, wir streiten seinetwegen.“
Mein Mann hat den Kopf gehoben.
Das hatte er nicht gewusst.
„Wann war das?“
„Am Tag nach dem Telefonat mit deiner Mutter.“
„Und dann?“
„Nichts. Ich hab ihn angeschrien. Vor Anna. Und sie hat mich gefragt, ob sie dir im Weg sind.“
Florian ist mit den Fingern am Rand der Tischplatte entlanggefahren.
„Ich hab nie gesagt, dass sie im Weg sind.“
„Sie ist zwölf. Sie führt kein Protokoll. Sie hört nur, was die Erwachsenen sagen.“
Aus dem Zimmer ist Annas Stimme herübergedrungen. Sie hat jemandem eine Sprachnachricht geschickt und dabei gelacht. Florian hat den Kopf in diese Richtung gedreht.
„Ich wollte nicht, dass sie es so verstehen.“
„Das glaub ich dir.“
Diesmal hat er nicht widersprochen.
Am Abend sind wir heimgefahren. Florian ist vorausgefahren, wir hinterher. Vor dem Haus hat Lukas mir geholfen, die Sachen auszuladen, und dann sofort seinen Rucksack hinaufgetragen.
Ein paar Tage später hat Florian gefragt, wann Tobias die Kinder in den Jännerferien abholt.
Ich habe ihm das Datum genannt.
„Gut“, hat er gesagt. „Dann könnten wir am Samstag vielleicht zu meiner Mutter fahren?“
„Du und ich?“
„Ja.“
„Machen wir.“
Und so sind wir gefahren.
Maria hat kein einziges Mal über Silvester gesprochen. Sie hat uns Kuchen aufgetischt, über die Preise geschimpft und erzählt, wie Paul sich schon wieder mit Tante Barbara gestritten hat. Bevor wir gegangen sind, hat sie mir noch einen Behälter mit Fleischlaberln für die Kinder in die Hand gedrückt.
Im Frühling hat die Waschmaschine dann endgültig den Geist aufgegeben. Die neue haben wir gemeinsam ausgesucht. Florian hat mir ohne Diskussion die Hälfte überwiesen.
Und Anfang Dezember hat er an einem Abend sein Handy genommen und gefragt:
„Was machen wir heuer zu Silvester? Aber bitte: zuerst daheim entscheiden und erst danach allen anderen Bescheid sagen.“
Lukas ist am Tisch gesessen und hat so getan, als wäre er ganz in sein Handy vertieft. Anna hat sofort erklärt, sie fahre nirgendwohin, wenn es dort kein ordentliches Internet gebe.
Ich habe den Kalender aufgeschlagen.
„Dann finden wir zuerst heraus, wer überhaupt was möchte.“
Florian hat genickt.
Damit haben wir angefangen.
