– Dann schau dir die dritte Seite an.
Meine Schwiegermutter rührte das Papier nicht an.
– Wozu?
– Weil ich es genau deshalb mitgebracht habe.
Im Esszimmer war auf einmal nur noch das Ticken der Wanduhr zu hören.
Schließlich zog Claudia die Blätter langsam zu sich heran.
Ihr Blick blieb an einer einzigen Zeile hängen.
Keine Sekunde später klappte sie den Auszug hastig zusammen.
– Darüber reden wir nicht hier.
– Doch – sagte Florian ruhig. – Genau hier reden wir darüber.
– Kann mir jetzt bitte endlich jemand erklären, was da los ist? – mischte ich mich ein.
Zum ersten Mal sah Florian mich direkt an.
Er wirkte erschöpft.
– Vor drei Wochen habe ich von der Bank eine Verständigung wegen eines alten Sparkontos bekommen.
– Was für ein altes Konto?
– Eines, das mein Vater damals für mich eröffnet hat.
Claudia fiel ihm sofort ins Wort.
– Florian, hör jetzt auf damit.
– Nein.
Florians Vater, Markus, war vor vier Jahren gestorben. Er war ein stiller Mensch gewesen, hatte sein ganzes Leben als Elektriker gearbeitet und war bei Streitigkeiten in der Familie meistens lieber in den Garten hinausgegangen, statt sich auf eine Seite zu schlagen.
Ich habe ihn nur sechs Jahre gekannt.
Was ich über ihn wusste: Er hat alles schriftlich festgehalten. Einkaufslisten, Autowerkstätten, Medikamente, sogar die Spritkosten für die Urlaube am Wolfgangsee.
Florian tippte mit dem Finger auf den Kontoauszug.
– Papa hat 2008 ein Sparkonto für mich angelegt. Es war kein Vermögen darauf. Anfangs hat er jeden Monat fünfzig, siebzig Euro eingezahlt, später mehr. Er hat gemeint, irgendwann könnte es für eine Wohnung oder für ein Kind nützlich sein.
– Warum habe ich davon nie etwas erfahren? – fragte ich.
– Ich habe selbst lange nichts davon gewusst.
Claudia stand auf.
– Ich brauche einen Kaffee.
– Mama, setz dich wieder hin.
– In diesem Ton redest du nicht mit mir.
– In welchem Ton soll ich denn sonst mit dir reden?
Ich erstarrte.
So hatte Florian noch nie mit seiner Mutter gesprochen.
Claudia setzte sich langsam wieder.
– Dieses Konto gibt es seit Jahren nicht mehr – sagte sie.
– Ja. Seit 2019.
– Also worüber reden wir dann?
– Darüber, wohin das Geld verschwunden ist.
Claudias Mund wurde zu einer schmalen Linie.
Florian drehte den Auszug so, dass auch ich ihn sehen konnte.
Auf der Seite standen mehrere ältere Buchungen.
Neben einer Zeile war mit dickem Stift ein Betrag eingekreist:
11.950 Euro.
Empfängerin: C. K.
Claudias voller Name war Claudia Kovács.
– Das ist… an dich gegangen? – fragte ich.
Sie sagte nichts.
Florian antwortete an ihrer Stelle.
– Ja.
– Warum?
– Genau das möchte ich auch wissen.
Claudia schüttelte den Kopf.
– Das haben dein Vater und ich schon hundertmal besprochen.
– Ich habe gar nichts besprochen.
– Du warst jung.
– Ich war dreißig.
– Trotzdem.
– Papa hat über zehn Jahre lang Geld für mich auf die Seite gelegt. Und kurz bevor Anna und ich die Wohnung gekauft haben, habt ihr fast alles auf dein Konto überwiesen.
– Nicht „ihr“. Dein Vater hat es überwiesen.
– Weil du ihn darum gebeten hast.
Claudia sah zu mir hinüber.
– Siehst du? Genau deshalb sollte man sich nicht überall einmischen.
– Ich habe kein einziges Wort gesagt.
– Aber deinetwegen kramt er das alles wieder hervor.
Florian schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Nicht fest, aber doch so, dass die Teller klirrten.
– Schieb es nicht auf sie.
Claudia verstummte.
– Seit drei Wochen gehe ich der Sache nach – fuhr Florian fort. – Ich habe bei der Bank angerufen. Ich habe Papas alte Unterlagen gefunden. Und ich habe auch mit Theresa gesprochen.
– Mit Theresa? – fragte ich.
Da veränderte sich Claudias Gesicht wirklich.
– Was hat sie dir gesagt? – fragte sie hastig.
Florian lehnte sich zurück.
– Das, was du mir nie gesagt hast.
Es stellte sich heraus, dass Claudia das Geld nicht für sich selbst ausgegeben hatte.
Zumindest nicht unmittelbar.
Im Frühjahr 2019 war Theresas erstes Kosmetikstudio in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Sie hatte die Miete nicht rechtzeitig bezahlt, stand bei zwei Lieferanten in der Kreide und hatte sich außerdem bei einer Bekannten Geld ausgeborgt.
Insgesamt fehlten ihr knapp 12.500 Euro.
Claudia wusste davon.
Markus ebenfalls.
Theresa hatte jedoch panische Angst davor, dass Florian davon erfahren würde, weil er ihr zuvor schon zweimal geholfen hatte.
Deshalb sagte Claudia zu ihrem Mann, sie sollten dafür Florians Erspartes hernehmen.
