Treffen, Pläne, heimliche Verabredungen. Dann ist noch eine andere Frau aufgetaucht. Und danach wieder eine.
Mindestens drei Affären in den letzten fünf Jahren.
Was mich aber wirklich wie ein Schlag getroffen hat: Bei ihnen ist Florian ein völlig anderer Mensch gewesen. Sanft. Aufmerksam. Zärtlich. Komplimente, Blumen, Abendessen im Restaurant. Und für mich sind nur Erniedrigungen übrig geblieben, verpackt als „Schmäh“.
Ich habe alles ausgedruckt. Blatt für Blatt. Und zu einem ordentlichen, flachen Stapel geschlichtet.
Der Schmäh ist eingeschlagen
Drei Tage später ist Florian wieder aufgetaucht. Am Abend ist er heimgekommen, mit dieser selbstsicheren Art, als wäre längst klar, dass ich klein beigeben und mich entschuldigen würde.
„Na, hast dich wieder beruhigt?“, hat er schon im Vorzimmer gefragt. „Johanna, jetzt hör ma auf mit dem Theater. Du weißt eh, ohne dich komm ich zu nix. Daheim schaut’s aus, gekocht ist auch nichts. Vertragen wir uns wieder, ja?“
Ich bin am Tisch gesessen. Vor mir lag der sauber sortierte Stapel Ausdrucke.
„Setz dich, Florian. Wir müssen reden.“
Sein Blick ist auf die Blätter gefallen. Er ist stehen geblieben, als hätte ihn jemand festgenagelt.
„Was ist das?“
„Deine Nachrichten. Anna. Theresa. Julia. Ziemlich spannende Lektüre, weißt du? Besonders gut hat mir die Stelle gefallen, wo du Anna von deiner ,nörgelnden Frau‘ erzählst, die sich endgültig in einen Hausdrachen verwandelt hat. Falls du’s nicht verstanden hast: Damit war ich gemeint.“
Die Farbe ist ihm aus dem Gesicht gewichen. Erst ist er rot geworden, dann aschfahl.
„Johanna … ich kann das erklären …“
„Nein. Musst du nicht. Ich hab’s verstanden. Dreißig Jahre lang hast du systematisch an meinem Selbstwert herumgesägt, damit ich ja nie auf die Idee komm, für irgendwen sonst interessant zu sein. Du wolltest, dass ich glaub, ich bin alt, dick, dumm und kann froh sein, dass du überhaupt noch bei mir bist. Und währenddessen hast du …“
„Johanna, bitte verzeih mir! Das waren doch nur Dummheiten! Du bist die Wichtigste! Du bist meine Frau!“
„Die Puffer-Ehefrau?“, habe ich leise gelacht. „So hast du mich in deinen Nachrichten an Theresa genannt. Es heißt ja immer, in jedem Schmäh steckt ein Körnchen Wahrheit. Bei deinen Schmähs war’s umgekehrt: Das waren Wahrheiten, die du als Witze getarnt hast. Du hast mich wirklich verachtet.“
Florian ist schwer auf den Sessel gesunken.
„Was willst du? Geld? Ich geb dir Geld!“
„Ich will die Scheidung. Und eine ordentliche Vermögensaufteilung. Die Wohnung läuft auf uns beide, das Wochenendhaus auch. Und zusätzlich will ich eine Entschädigung für dreißig Jahre Leben mit einem Tyrannen.“
„Bist du jetzt völlig durchgedreht? Was für eine Entschädigung?“
„Für den seelischen Schaden. Es gibt genug Leute, die deine öffentlichen Demütigungen mitbekommen haben. Katharina ist bereit auszusagen. Lukas auch. Dazu kommen deine Nachrichten, in denen du deine eigene Frau beschimpfst. Ein guter Anwalt kann daraus einiges machen.“
Sein Gesicht hat sich verzogen.
„Du undankbares Miststück! Ich hab dich aus dem Dreck gezogen! Ohne mich bist du gar nichts!“
Da bin ich aufgestanden.
„Jetzt sagst du endlich einmal die Wahrheit. Ganz ohne Schmäh. Weißt du, Florian, ja — ich war wirklich fast nichts mehr. Du hast mich dazu gemacht. Dreißig Jahre lang hast du Stück für Stück alles in mir ausgelöscht, jedes Mal mit einem kleinen ,Witz‘. Aber ich bin aufgewacht. Spät, ja. Aber nicht zu spät.“
Kapitel 6 – Das neue Leben einer alten Frau
Die Scheidung hat ein halbes Jahr gedauert. Es waren schmutzige, zähe, auslaugende Monate. Florian ist zu einem richtigen Ungeheuer geworden, als er begriffen hat, dass er die Kontrolle über mich verliert. Er hat gedroht, erpresst und versucht, gemeinsame Bekannte gegen mich aufzubringen.
Dann ist etwas Seltsames passiert. Frauen aus unserem Umfeld haben begonnen, mich anzurufen. Nach und nach ist herausgekommen: Florian hatte nicht nur mich mit seinen „Witzen“ kleingemacht.
Barbara, die Frau seines Freundes, hatte jahrelang seine Seitenhiebe wegen ihres Lehrerinnengehalts ertragen müssen — „davon geht sich ja nicht einmal Brot aus“, hat er immer gesagt.
Julia, unsere Nachbarin, hatte sich regelmäßig seine Bemerkungen über ihre Figur anhören müssen.
