„Raus aus meiner Wohnung!“ fauchte Frau Hedwig und fegte mit einer wütenden Handbewegung meine Lieblingsvase vom Tisch

Das ist ja eine niederträchtige, unerhörte Zumutung.
Geschichten

„Ich bin die Mutter des Hausherrn! Und du bist hier gar nichts!“

Mit einem Putzfetzen hat sie nach mir ausgeholt. Ich hab ihre Hand noch in der Luft abgefangen.

„Hedwig, hören Sie mir jetzt ganz genau zu“, hab ich gesagt, leise, aber so deutlich, dass jedes Wort gesessen ist. „Diese Wohnung gehört mir. Ich hab sie von meinem Vater per Schenkungsvertrag bekommen. Andreas ist hier nur gemeldet, und das auch nur vorübergehend. Wenn Sie dieses Theater nicht augenblicklich beenden, rufe ich die Polizei. Dann werden Sie freundlich, aber bestimmt hinausbegleitet.“

Sie hat sich losgerissen, als hätte ich sie verbrannt.

„Lügnerin!“, hat sie gezischt. „Mein Sohn würde seine eigene Mutter nie anlügen! Er ist Unternehmer! Er hat eine Firma!“

„Eine Firma?“ Mir ist ein bitteres Lachen ausgekommen. „Er hatte ein Ein-Personen-Unternehmen für Computerreparaturen. Das hat er vor einem Jahr zugesperrt, weil er Schulden gehabt hat. Im Moment fährt er Taxi.“

Hedwigs Gesicht ist regelrecht entgleist.

„Taxi?“, hat sie tonlos wiederholt. „Aber er ist doch Geschäftsführer …“

„Ja. Geschäftsführer von Lenkrad und Pedalen. Hedwig, setzen Sie sich.“

Sie ist auf das Sofa gefallen – ausgerechnet auf das, das ihr gerade noch zu hart gewesen ist. Auf einmal hat sie nicht mehr herrisch gewirkt, sondern völlig verloren.

„Das kann nicht stimmen“, hat sie gemurmelt. „Andreas hat mir doch Geld überwiesen … für Medikamente … für die Kur …“

„Von meinem Gehalt“, hab ich nachgelegt. „Er hat sich von mir ständig Geld geborgt, angeblich für den Ausbau seiner Firma. In Wahrheit hat er seine Mama finanziert, damit alles nach großem Erfolg ausschaut.“

Genau in diesem Augenblick hat sich der Schlüssel im Schloss gedreht. Der Herr „Geschäftsführer“ ist erschienen.

Andreas ist hereingekommen, breit grinsend, als wäre er der Retter des Abends. In der Hand hat er eine Torte gehalten.

„Na, Mädels, nicht streiten! Ich hab was Süßes mitgebracht!“

Dann hat er Hedwigs Gesicht gesehen. Und meines. Sein Lächeln ist ihm sofort eingefroren.

„Andreas …“, hat Hedwig geflüstert. „Sag mir, dass das nicht wahr ist. Die Wohnung gehört nicht dir?“

Sein Blick ist nervös zwischen uns hin und her gehüpft. Er hat die Torte auf das kleine Kästchen beim Eingang gestellt und sich umständlich die Jacke ausgezogen.

„Mama, was macht das denn für einen Unterschied? Wir sind doch eine Familie. Bei uns ist alles gemeinsam. Katharina übertreibt nur wieder …“

„Katharina hat die Nase voll von deinen Lügen!“, bin ich dazwischengefahren. „Sag ihr endlich die Wahrheit. Und zwar jetzt.“

Er hat sich geräuspert, an seinem Ärmel herumgezupft und dann kleinlaut gesagt:

„Also … rein rechtlich gehört die Wohnung Katharina, ja. Aber wir wohnen doch zusammen! Ich hab ja auch renoviert! Die Tapeten hab ich geklebt!“

„Zwei Tage lang hast du Tapeten geklebt, und danach hast du einen Monat gejammert, dass dir der Rücken wehtut!“, hab ich nicht mehr an mich halten können. „Die Materialien hab ich bezahlt. Die Möbel auch. Du bist am Sofa gelegen und hast von deinem großen Geschäft geträumt!“

Hedwig ist langsam aufgestanden. Ganz ruhig ist sie zu ihrem Sohn gegangen. Und dann hat es geklatscht.

Die Ohrfeige war so laut, dass sogar Andreas für einen Moment die Luft weggeblieben ist.

„Schande über dich!“, hat sie hervorgestoßen. „Ich hab all meinen Freundinnen erzählt, was für einen erfolgreichen Sohn ich hab! Eine Wohnung gekauft, die Frau versorgt, ein richtiger Mann! Und du … du lässt dich aushalten!“

Andreas hat sich die Wange gehalten.

„Mama, bitte! Was soll das? Es hat halt noch nicht geklappt! Aber ich bemühe mich doch!“

„Er bemüht sich“, hat Hedwig verächtlich wiederholt. Dann hat sie sich zu mir umgedreht. „Katharina, verzeih mir. Ich hab das nicht gewusst. Er hat mir lauter Märchen erzählt.“

Ich hab tief ausgeatmet. Die Wut in mir ist ein kleines Stück zusammengesackt.

„Schon gut. Lassen wir das jetzt. Aber die Vorhänge bringen Sie bitte wieder an ihren Platz.“

Hedis Stube