„Wo ist der Zulassungsschein????“ Vier Fragezeichen.
Julia tippte zurück: „Bei mir. Wozu brauchst du ihn mitten in der Arbeit?“
Drei Punkte erschienen. Dann nichts. Wieder drei Punkte. Noch einmal Stille. Schließlich läutete das Handy.
„Ja“, sagte Julia.
„Wo bist du?“, fragte Lukas. Seine Stimme klang gepresst, als würde er mit der Hand vor dem Mund sprechen.
„Im Büro. Ich muss die Abrechnungen fertigbekommen.“
„Julia … es ist so. Ich brauch den Zulassungsschein. Dringend. Ich wollte die Versicherung verlängern, und da …“
„Die Versicherung läuft bis März, Lukas. Ich hab sie selbst abgeschlossen.“
Am anderen Ende blieb es still.
„Bist du bei der Zulassungsstelle?“, fragte Julia.
Die Stille veränderte sich. Sie wurde dicht, fast hörbar.
„Mit deiner Mutter?“, setzte sie nach.
„Julia, was redest du da für einen Blödsinn …“
„Du brauchst den Zulassungsschein gar nicht weiter suchen. Umschreiben lassen wird sich das Auto sowieso nicht. Es gibt eine gerichtliche Verfügung. Wahrscheinlich haben sie euch das dort eh schon im System gezeigt.“
Irgendwo im Hintergrund hörte Julia die Stimme ihrer Schwiegermutter, scharf und aufgebracht: „Was sagt sie? Was sagt sie, Lukas?“
„Welches Gericht?“, brachte Lukas hervor.
„Ein ganz normales. Das Bezirksgericht. Ich hab am Montag die Scheidung eingereicht und die Aufteilung des Vermögens beantragt. Die Ladung bekommst du in den nächsten Tagen. Da steht dann alles drin.“
„Du … du hast die Scheidung eingereicht?“
„Ja. Anna wartet doch auf dich, ganz ohne Altlasten. Also mach ich dich frei.“
Sie beendete das Gespräch, legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch und wandte sich wieder ihrer Spalte zu. Diesmal rechnete sie sie auf Anhieb zusammen. Bis auf den letzten Cent stimmte alles.
Am Abend kam Lukas um sieben heim. Ohne Einkaufssackerl. Er blieb in der Küchentür stehen, während Julia Karotten für die Suppe schnitt und Lena am Tisch mit Filzstiften einen Herbstwald für den Schulwettbewerb malte.
„Lena“, sagte Julia, ohne sich umzudrehen. „Geh bitte einstweilen in dein Zimmer und zeichne dort weiter. Papa und ich müssen kurz reden.“
Lena schaute zuerst ihren Vater an, dann ihre Mutter. Wortlos sammelte sie die Stifte ein und verschwand. Die Tür zum Kinderzimmer fiel nicht ganz ins Schloss; Julia sah einen schmalen Streifen Licht.
Lukas setzte sich auf den Hocker. Er sah aus wie jemand, der stundenlang in einem alten Bus über Schlaglöcher gefahren worden war.
„Woher weißt du das?“, fragte er.
„Das spielt keine Rolle.“
„Hat Katharina geplaudert?“
„Nein“, sagte Julia. „Deine Mutter. Am Samstag. In der Garage. Sehr laut. Ich war hinter dem Kasten und hab die Reifen hervorgeholt.“
Lukas vergrub das Gesicht in den Händen.
„Verdammt“, murmelte er durch die Finger. „Mama …“
„Ja. Mama.“
„Julia, hör mir zu … Das ist nicht so, wie du glaubst. Das war ihre Idee. Ich hab eigentlich gar nicht …“
„Lukas.“ Julia legte das Messer zur Seite. „Du hast am Samstagabend selbst vorgeschlagen, das Auto zu verkaufen. Du bist heute in der Früh selbst zur Zulassungsstelle gefahren. Du hast ohne mich nach dem Zulassungsschein gesucht. Deine Anna ist achtundzwanzig und hat eine Einzimmerwohnung in Traun. Also bitte, erspar mir das mit deiner Mutter.“
Er nahm die Hände vom Gesicht. Als er sie ansah, erkannte Julia zum ersten Mal seit Jahren in seinen Augen nicht Ärger, nicht Müdigkeit, sondern etwas, das Angst sehr nahekam.
„Und was jetzt?“, fragte er.
„Jetzt entscheidet das Gericht. Das Auto wird nach dem Gesetz aufgeteilt. Zwölftausend Euro stammen aus dem Verkauf von Omas Zimmer. Das ist mein Geld. Das fällt nicht in die Aufteilung. Die restlichen siebentausend werden geteilt. Dir stehen dreitausendfünfhundert Euro zu.“
„Dreitausendfünfhundert?!“ Er fuhr halb vom Hocker hoch. „Der Wagen ist zwanzigtausend wert!“
„Neunzehntausend hat er gekostet, als wir ihn gekauft haben. Jetzt ist er weniger wert. Aber du kannst gern ein Gutachten beauftragen. Ich hab nichts dagegen.“
„Julia, das ist … das ist unfair!“
„Unfair, Lukas“, sagte Julia sehr ruhig, „wäre, das Auto deiner Mutter um tausend Euro zu verkaufen, die sie dir am Ende nicht einmal gibt. Das wäre unfair. Dreitausendfünfhundert sind rechtlich sauber. Ich zahle sie dir aus. Ich hab Rücklagen auf einem eigenen Konto, von meinen Prämien. Du bekommst dein Geld, und das Auto bleibt bei mir. Und Lena fährt weiterhin mit dem Auto in die Schule. Nicht mit der Bim.“
Das letzte Wort sprach sie etwas lauter als die anderen. Lukas zuckte zusammen. Er hatte verstanden.
„Und wenn ich nicht einverstanden bin?“
„Dann entscheidet das Gericht. Es dauert nur länger. Und den Anwalt zahlst dann du, nicht ich. Barbara hat gesagt, solche Sachen erledigt sie im Schlaf.“
Lange blieb er sitzen und starrte auf das Schneidbrett mit den halb geschnittenen Karotten. Dann stand er auf.
„Ich fahr zu meiner Mutter“, sagte er.
„Fahr.“
„Meine Sachen hol ich später.“
„Hol sie.“
Noch einen Moment blieb er im Türrahmen stehen, als wollte er etwas sagen. Dann sagte er doch nichts. Kurz darauf fiel die Wohnungstür ins Schloss.
Lena lugte aus ihrem Zimmer.
„Mama, ist Papa gegangen?“
„Ja, Lena. Zur Oma.“
„Für immer?“
Julia ging vor ihr in die Hocke, genauso wie sie in der Garage hinter dem Kasten gehockt hatte. Nur musste sie sich jetzt nicht mehr verstecken.
„Es schaut danach aus. Aber er hat dich lieb. Und du wirst ihn sehen und zu ihm fahren können. Wir wohnen nur ab jetzt getrennt.“
Lena dachte kurz nach.
„Und das Auto bleibt bei uns?“
„Bei uns“, sagte Julia.
„Gut“, nickte Lena, als wäre damit das Wichtigste geklärt. Und vielleicht war es das für ein neunjähriges Kind tatsächlich.
Theresa rief zwei Tage später an. Samstagvormittag, exakt eine Woche nach jener Szene in der Garage.
„Julia“, sagte sie mit einer Stimme wie Eis, „was bildest du dir eigentlich ein? Du willst meinen Sohn vor Gericht zerren?“
„Grüß Gott, Theresa.“
„Komm mir nicht mit Grüß Gott! Das Auto gehört Lukas! Er hat es gekauft! Er hat den Kredit dafür aufgenommen!“
„Den Kredit haben wir gemeinsam aufgenommen und gemeinsam zurückgezahlt. Den größten Teil hab ich aus dem Erbe meiner Großmutter bezahlt. Das steht alles in den Kontoauszügen. Das Gericht wird sich das anschauen.“
„Was für ein Erbe denn bitte? Geld, das in die Familie kommt, gehört der Familie!“
Julia hätte beinahe aufgelacht. Wort für Wort. Wie auswendig gelernt.
„Das sehen Sie so“, sagte sie. „Das Gesetz sieht es anders. Eine Erbschaft ist persönliches Vermögen. Auch während einer Ehe. Sie können jede Juristin fragen.“
„Ich frag dich überhaupt nichts! Du … du …“ Ihre Schwiegermutter rang hörbar nach Luft. „Du hast dich absichtlich hinter den Kasten gesetzt! Du hast gelauscht!“
„Ich hab die Reifen geholt, Theresa. Aus Ihrer Garage. Aus der Garage, in der ich laut Ihnen wie eine Tochter alles lagern durfte.“
„Aha, so ist das also! Dann hol deine Reifen! Und zwar alle! Ich will dich in meiner Garage nie wieder sehen!“
„Mach ich“, sagte Julia. „Die Sommerreifen liegen ja ohnehin dort. Am Montag komm ich vorbei.“
„Und den Schlüssel gibst du zurück!“
„Selbstverständlich. Und Sie geben mir bitte den zweiten Schlüsselanhänger von meinem Auto zurück. Den, den Sie ‚für den Notfall‘ behalten haben.“
In der Leitung entstand eine lange Pause. Dann kamen nur noch kurze Töne.
Am Montag war Julia um fünf bei der Garage. Sepp kam aus seiner kleinen Hütte heraus und nickte ihr zu.
„Deine Schwiegermutter hat Bescheid gesagt. Du kommst wegen der Reifen.“
„Genau. Wegen der Reifen.“
„Sie hat auch gesagt, du hättest ihren Sohn ohne Auto dastehen lassen.“ Sepp schnaubte in seinen Schnauzer. „Ich hab zu ihr gesagt: Theresa, und von wessen Geld ist der Wagen damals eigentlich gekauft worden? Da war sie plötzlich still. Ich weiß ja noch, wie du vor zwei Jahren hier gestrahlt hast und erzählt hast, dass das Geld von deiner Oma fürs Auto gereicht hat.“
Julia lächelte. Sie hatte ganz vergessen, dass sie Sepp das damals erzählt hatte. Er aber hatte es offenbar behalten.
Sie sperrte die Box auf und machte das Licht an. Dann ging sie am eisernen Kasten vorbei, an genau diesem Kasten. Vorbei am Fahrrad ihres Schwiegervaters. Vorbei am Regal mit den Einmachgläsern, in dem ein Glas Gurken weniger stand als zuvor.
In der Ecke lagen vier Säcke mit Sommerreifen. „VL“, „VR“, „HL“, „HR“. Ihre Schrift. Ihr schwarzer Marker.
Sie lud die Reifen in den Kofferraum, versperrte die Box und gab Sepp den Schlüssel.
„Bitte gib ihn Theresa.“
„Mach ich. Und wo lagerst du die Reifen jetzt?“
„Bei der Reifenwerkstatt in Mödling. Die bieten Einlagerung an.“
„Dort steht man doch bis zur Bimhaltestelle an.“
„Dann stell ich mich halt an“, sagte Julia. „Ist nicht das erste Mal.“
Eineinhalb Monate später bestätigte das Gericht den Vergleich: Das Auto blieb bei Julia, und Julia zahlte Lukas dreitausendfünfhundert Euro aus. Lukas unterschrieb alles schweigend, ohne den Blick zu heben. Barbara erzählte danach, er sei vor dem Termin angeblich bei drei verschiedenen Anwälten gewesen, und alle drei hätten ihm dasselbe gesagt.
Mit Anna ist es übrigens nichts geworden. Ohne Auto und mit Unterhalt war er dann doch nicht ganz so „ohne Altlasten“. Das erfuhr Julia von Katharina; sie tranken mittlerweile manchmal einen Kaffee, nachdem sie die Kinder vom Training abgeholt hatten. Katharina fuhr nach wie vor ihren Dacia Logan mit der eingedrückten Stoßstange. Und zum ersten Mal in ihrem Leben wirkte sie damit beinahe zufrieden.
Julia strich auch weiterhin jedes Mal, wenn sie sich hinters Steuer setzte, mit der Hand über das Armaturenbrett. Nur wusste sie jetzt ganz genau, dass dieses Auto wirklich existierte. Und dass es ihr gehörte.
