„Weil ich hier einziehe“ — sagte sie kühl und beanspruchte das Schlafzimmer, ich stand mit dem Kaffeehäferl wie erstarrt

Diese rücksichtlose Ansage fühlte sich unerträglich an.
Geschichten

Doch im selben Augenblick habe ich mir ausgemalt, was aus diesen „paar Tagen“ werden würde.

„Du wirst hier nicht einziehen“, sagte ich, leiser, als ich mich fühlte, aber deutlich genug.

„Das hat mein Sohn zu entscheiden.“

Florian trat einen Schritt näher zu mir, so selbstverständlich, dass mir beinahe die Luft wegblieb.

„Nein. Das entscheiden wir beide. Und von mir bekommst du dieselbe Antwort: nein.“

Theresa ließ sich schwer auf einen Stuhl am Küchentisch sinken. Einen kurzen Moment lang sah es so aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.

Aber dann straffte sie die Schultern.

„Gut. Dann will ich mein Geld zurück. Und zwar noch heute.“

Florian sagte kein Wort.

Nach dem Umzug, den ganzen Gebühren und der plötzlichen Reparatur an der Heizung war auf unserem Konto kaum mehr Spielraum. Theresa wusste das ganz genau.

„Wir zahlen dir die Raten, so wie wir es ausgemacht haben“, erwiderte ich.

„Was ihr ausgemacht habt, interessiert mich jetzt nicht mehr.“

„Uns schon“, sagte ich. „Darum halten wir uns auch daran.“

Meine Finger begannen zu beben. Ich legte beide Hände fest übereinander vor meinen Bauch, damit sie es nicht bemerkte.

Theresa zog ihr Handy aus der Tasche.

„Ich rufe jetzt deine Schwester an. Die soll ruhig mitbekommen, was ihr hier aufführt.“

„Mach das“, sagte Florian nur.

Gerade diese Gelassenheit schien sie aus der Fassung zu bringen.

Keine halbe Stunde später stand Katharina vor unserer Haustür.

Theresa hatte ihr am Telefon erzählt, ihr gehe es elend und wir würden sie praktisch vor die Tür setzen.

Noch bevor Katharina ihre Jacke abstreifen konnte, erklärte Florian ihr, was wirklich passiert war.

Katharina sah zuerst zu den Koffern, dann zu ihrer Mutter.

„Du hast mir gesagt, die zwei hätten dich gebeten, bei ihnen einzuziehen.“

„Muss man in einer Familie denn alles vorher schriftlich genehmigen lassen?“

„Wenn man bei jemandem einziehen will, sollte man es zumindest vorher besprechen.“

Theresa erhob sich ruckartig.

„Dann nehme ich mir eben ein Hotelzimmer. Dort weiß man vielleicht noch, was Anstand bedeutet.“

Katharina blieb erstaunlich ruhig.

„Ab wann sind deine neuen Mieter in deiner Wohnung?“

„Nächsten Monat.“

„Dann kannst du heute wieder heimfahren.“

Darauf sagte niemand etwas.

Durch das gekippte Küchenfenster drang das monotone Brummen eines Rasenmähers herein. Die Uhr über dem Kühlschrank tickte plötzlich so laut, als würde sie den ganzen Raum ausfüllen.

Theresa wandte sich ihrem Sohn zu.

„Ich habe euch allein großgezogen. Hast du überhaupt eine Ahnung, auf wie vieles ich damals verzichtet habe?“

Florian setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.

„Ja, Mama. Das weiß ich. Und ich bin dir dankbar dafür. Aber daraus folgt nicht, dass du bestimmen darfst, wie wir leben und wohnen.“

„Also kann ich mich auf dich nicht verlassen.“

„Doch“, sagte er. „Du kannst mich anrufen. Wir können uns öfter sehen. Ich helfe dir auch dabei, eine vernünftige Lösung für deine Wohnung zu finden.

Aber du ziehst nicht bei uns ein.“

Lange starrte Theresa auf die Tischplatte, als läge dort eine Antwort, die niemand aussprechen wollte.

Schließlich nahm Katharina den Kleidersack. Florian trug einen der Koffer hinaus zum Auto. Den anderen zog Theresa selbst hinter sich her.

Bei der Haustür blieb sie noch einmal direkt vor mir stehen.

„Jetzt hast du, was du wolltest.“

Ich hielt ihrem Blick stand.

„Ich hätte mir gewünscht, du wärst gekommen, hättest dich mit uns gefreut und wärst wieder nach Hause gefahren, ohne uns weh zu tun.“

Theresa schwieg.

Erst als das Auto aus der Einfahrt verschwunden war, machte Florian die Tür zu.

Die Uhr zeigte elf.

Unser Schlafzimmer war noch genauso, wie es am Morgen gewesen war.

Und trotzdem brach ich in Tränen aus.

Florian wollte mich an sich ziehen. Für einen kurzen Augenblick ließ ich es zu, dann löste ich mich wieder von ihm.

„Wir müssen nicht nur über diesen Vormittag reden.“

Er nickte.

Hedis Stube