Das wäre doch gerecht, oder?
„Gerecht.“ Ausgerechnet er, der sie für eine andere Frau sitzen hatte lassen, redete nun von Fairness.
— Gerecht ist das, was im Gesetz steht, Lukas. Und laut Gesetz steht dir kein einziger Quadratmeter meiner Wohnung zu — ihre Stimme war plötzlich kühl wie Eis.
— Auf dein Gesetz pfeif ich! — Seine Worte überschlugen sich beinahe, schrill vor Zorn. — Es gibt auch so etwas wie Anstand! Moral! Ich werde doch nicht mit einem Koffer in der Hand abziehen! Ich hab doch nicht zehn Jahre meines Lebens für dich vergeudet!
Er merkte nicht einmal, was er da sagte. Aber Anna hörte es ganz genau. „Vergeudet.“ Wie Geld, das man in ein misslungenes Projekt steckt.
— Aha. Also erwartest du eine Art Abfertigung? Eine Entschädigung dafür, dass du mein Ehemann warst?
— Nenn es, wie du willst! — Er verlor zusehends die Fassung, weil er spürte, dass sein Plan ihm entglitt. — Ich gehe hier nicht mit leeren Händen! Ich klage! Ich werde beweisen, dass ich wesentliche Renovierungen gemacht habe, die man nicht einfach entfernen kann! Und Zeugen finde ich auch!
Anna musterte ihn lange. Diesen fremden Mann, der vor ihr stand, schimpfte, spuckte vor Wut beinahe Gift und Galle. Und seltsamerweise tat der Verrat nicht mehr weh. Was sie empfand, war Ekel … und eine tiefe, alles durchströmende Erleichterung. Die Gewissheit, dass dieser Mensch bald endgültig aus ihrem Leben verschwunden sein würde.
Ohne Hast stand sie auf, legte Geld für ihren Kaffee auf den Tisch und ging Richtung Ausgang.
— Wohin gehst du? Wir sind noch nicht fertig! — rief er ihr nach.
Sie blieb kurz stehen, drehte sich aber nicht um.
— Doch, Lukas. Wir sind längst fertig. Seit einem Jahr. Seit dem Tag, an dem du beschlossen hast, dein Glück bei einer anderen zu suchen. Also sei jetzt wenigstens konsequent. Du bist gegangen. Dann geh auch wirklich. Und nimm deine Berechnungen gleich mit.
Draußen empfing sie der Regen. Trotzdem kam es ihr vor, als hätte sie soeben einen stickigen, verrauchten Raum verlassen und endlich wieder frische Luft in die Lungen bekommen. Sie wusste, dass Lukas klagen würde. Dass unangenehme Monate vor ihr lagen, voller Nervenkrieg, Schmutz und Anwaltskosten. Doch sie wusste ebenso: Sie würde standhalten. Nicht nur das Gesetz war auf ihrer Seite. Sondern auch die Wahrheit.
Als Anna aus dem Café in die nasse, nach Regen duftende Straße trat, schlug sie nicht den Weg nach Hause ein. Stattdessen bog sie in einen kleinen, stillen Park ein. Sie setzte sich auf eine feuchte Bank und erlaubte sich erst dort, tief durchzuatmen. Die Luft strömte schwer in ihre Lungen, als wäre sie gerade aus einem langen, beklemmenden Tauchgang aufgetaucht.
Weinen konnte sie nicht mehr. Diese Phase lag ein Jahr zurück, damals, als Lukas ausgezogen war. Jetzt war da etwas anderes in ihr — eine kalte, beinahe angewiderte Verachtung, vermischt mit einer bitteren, verspäteten Klarheit. Mit einem Mal sah sie die vergangenen zehn Jahre in einem unerbittlichen Licht. Der Betrug hatte nicht erst begonnen, als die andere Frau aufgetaucht war. Er war von Anfang an Teil ihrer Ehe gewesen, wie ein unsichtbarer Faden im Gewebe.
Für ihn war sie nie eine Partnerin gewesen, sondern ein Vorhaben. Eine Investition. Lukas hatte wie ein geschickter Geschäftsmann genau so viel eingebracht, wie nötig war, damit Annas „Wert“ erhalten blieb: ein paar Komplimente, ab und zu ein Blumenstrauß, gelegentliche Gesten der Aufmerksamkeit. Und sie? Geblendet von Liebe und Dankbarkeit darüber, dass so ein Mann ausgerechnet sie, ein angeblich ganz gewöhnliches Mädchen, gewählt hatte, hatte sie alles gegeben — Kraft, Rückhalt, Bewunderung. Sogar ihre Eigentumswohnung, die sie schon vor der Ehe besessen hatte, hatte sie freudig in ihr „gemeinsames Zuhause“ verwandelt.
Sie hatte nicht erkannt, dass es für ihn kein Nest gewesen war, sondern eher ein bequem eingerichtetes Büro mit angeschlossenem Schlafzimmer und kostenloser Rundumversorgung.
