„Du hast dich nach den Regeln meiner Mutter zu richten!“ brüllte Lukas, der zusehends zum Abziehbild seiner Mutter wurde

Diese drängende Kontrolle fühlt sich zutiefst entwürdigend an.
Geschichten

„Was heißt da eigene Dinge?!“ Lukas ist hochgefahren und hat mit der flachen Hand auf den Tisch geschlagen. „Wir sind eine Familie! Das Geld gehört uns gemeinsam!“

Anna hielt seinem Blick stand. „Dann erklär mir bitte eines“, sagte sie leise, aber klar. „Wie viel hast du letzten Monat an Claudia überwiesen?“

Für einen Augenblick war es, als hätte jemand die Luft aus dem Raum gezogen. Lukas wurde kreidebleich. Barbara blieb mitten in der Bewegung stehen, den Teller noch in der Hand.

„Woher hast du …“, setzte er an.

„Hundertzwanzigtausend“, sagte Anna weiter, und in ihr wurde alles eiskalt. „Im Jänner waren es achtzigtausend. Im Dezember hundertfünftausend. Ich habe mir die Auszüge unseres gemeinsamen Kontos angeschaut, Lukas. Hast du wirklich geglaubt, ich kontrolliere das nie? Monat für Monat schickst du riesige Beträge an irgendeine Claudia. Und wenn man sich die Zahlungsnotizen anschaut – ‚für den Sohn‘, ‚für Pauls Essen‘, ‚für Claudia zum Einkaufen‘ –, dann schaut das sehr nach einer zweiten Familie aus.“

Barbara stellte den Teller ab und kam langsam zum Tisch zurück. Auf ihrem Gesicht lag ein seltsames Lächeln. Nicht verlegen. Nicht schuldbewusst. Eher zufrieden.

„Na und?“, meinte sie ruhig. „Lukas hat eben einen Sohn. Einen richtigen Erben. Einen gesunden, kräftigen, gescheiten Buben. Er ist ein Jahr alt. Und was hast du meinem Sohn in drei Ehejahren gegeben? Nichts. Nicht einmal ein Kind hast du zustande gebracht.“

Anna starrte ihre Schwiegermutter an, als hätte sie sich verhört.

„Sie … Sie haben davon gewusst?“

„Natürlich habe ich es gewusst.“ Barbara setzte sich hin, als wäre nichts Besonderes geschehen, und schenkte sich Tee ein. „Ich habe Lukas mit Claudia ja praktisch zusammengebracht. Vor zwei Jahren habe ich sie ihm vorgestellt. Sie arbeitet in seiner Firma, als Sekretärin. Jung, gesund, nicht so wie du. Sie ist gleich schwanger geworden und hat ohne Schwierigkeiten entbunden. Das nenne ich eine Frau.“

„Mama“, fuhr Lukas dazwischen, doch Barbara hob nur die Hand.

„Still. Sie soll die Wahrheit ruhig hören.“ Dann wandte sie sich wieder Anna zu, und in ihren Augen schwamm unverhohlener Hass. „Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, du wärst die richtige Frau für meinen Sohn? Du, die nach drei Jahren noch immer kein Kind bekommen hat? Die nicht ordentlich kochen kann, nicht so zusammenräumt, wie es sich gehört, und ständig mit diesem beleidigten Gesicht herumläuft?“

„Ich werde nicht schwanger, weil Lukas gesundheitliche Probleme hat“, platzte es aus Anna heraus. „Wir waren beide bei Untersuchungen. Die Ärzte haben gesagt …“

„Lüge!“ Barbara schlug mit der Faust auf den Tisch. „Mit meinem Sohn ist alles in Ordnung! Paul ist der Beweis. Ein kerngesunder Bub und seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten!“

Lukas sagte kein Wort. Er saß da, den Kopf gesenkt, und schwieg. Er widersprach nicht. Er verteidigte sie nicht. Er blieb einfach stumm, feig bis ins Mark.

„Also habt ihr beide …“ Annas Stimme bebte, doch sie blieb aufrecht stehen. „Ihr habt mich beide belogen. Drei Jahre lang. Du hast mich betrogen, draußen ein Kind bekommen und unser Geld dorthin überwiesen. Und deine liebe Mama hat alles gewusst und dir auch noch geholfen. Ihr habt aus mir die Närrin gemacht, die putzen, kochen und dankbar nicken soll.“

Barbara verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Du bist ja auch eine Närrin. Glaubst du, wir wissen nichts von deinem geheimen Konto? Lukas hat die Überweisungen längst bemerkt. Wir haben nur gewartet, bis du dich selbst verrätst. Hundertachtzigtausend, nicht wahr? Das ist Familiengeld. Und du wirst es zurückgeben.“

„Niemals.“ Anna erhob sich und griff nach ihrer Tasche. „Das ist mein Geld. Ich habe es verdient, während ihr hier eure schmutzigen Pläne geschmiedet habt.“

Jetzt fand Lukas seine Stimme wieder. „Du gehst nirgendwohin. Die Wohnung läuft auf mich. Das Auto auch. Dir gehört gar nichts.“

„Dafür habe ich ein Gewissen“, schleuderte Anna ihm entgegen. „Und Hirn. Im Gegensatz zu euch.“

Sie drehte sich um und ging Richtung Vorzimmer. Ihr Herz hämmerte so heftig, als wollte es ihr die Brust sprengen. Ihre Hände zitterten, aber sie blieb nicht stehen. Sie riss den Mantel vom Haken und schlüpfte in die Stiefel.

„Bleib stehen!“ Lukas kam ihr nach und packte sie im Vorzimmer am Arm. „Du gibst das Geld zurück! Hast du verstanden?“

„Lass mich los.“ Anna versuchte sich loszureißen, doch sein Griff war fest.

„Lukas, halt sie fest!“, schrie Barbara aus der Küche. „Lass sie ja nicht hinaus!“

In genau diesem Moment ging die Wohnungstür auf. Im Stiegenhaus stand Sepp, der Nachbar, mit einem Müllsackerl in der Hand. Er sah die Szene: Lukas, der seine Frau festhielt, Anna, bleich vor Schreck, und Barbara, rot im Gesicht vom Schreien.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er leise.

„Ja.“ Anna riss noch einmal an ihrem Arm, und diesmal kam sie frei. „Ich gehe gerade.“

Sie schlüpfte an ihm vorbei hinaus ins Stiegenhaus und lief beinahe die Stufen hinunter. Lukas folgte ihr nicht. Vermutlich hatte er Angst vor einem Aufstand vor Zeugen. Draußen schlug ihr die kalte Luft ins Gesicht. Anna ging schnell, ohne sich umzudrehen. Erst zwei Häuserblocks weiter blieb sie stehen und lehnte sich an die Wand eines Wohnhauses.

Mit zitternden Fingern holte sie ihr Handy heraus und wählte die Nummer ihrer Tante Hedwig.

„Ich verlasse ihn“, sagte sie, kaum dass die Verbindung stand. „Heute noch. Kann ich zu dir kommen?“

„Natürlich, mein Kind“, antwortete Hedwig sofort, und ihre Stimme klang warm und verlässlich. „Komm her. Dann schauen wir gemeinsam, wie es weitergeht.“

Anna atmete langsam aus und sah sich um. Die Stadt lief weiter, als wäre nichts geschehen. Autos fuhren vorbei, Menschen eilten ihren Wegen nach, irgendwo bellte ein Hund. Und irgendwo in dieser Stadt lebte eine Frau namens Claudia, bei der ein kleiner Bub namens Paul aufwuchs. Lukas’ unehelicher Sohn. Und eine Schwiegermutter, die sich darüber mehr freute, als sie sich jemals über ein eheliches Enkelkind gefreut hätte.

Gut, dass Anna das Geld rechtzeitig beiseitegeschafft hatte. Gut, dass sie den schönen Reden über Familie und Liebe nicht blind vertraut hatte.

Zwei Wochen lang wohnte Anna bei Tante Hedwig. In dieser Zeit fand sie eine kleine Einzimmerwohnung in einem neueren Viertel, unterschrieb den Mietvertrag und übersiedelte ihre wenigen Sachen: ein paar Kleidungsstücke, den Laptop, ihre Unterlagen. Lukas rief jeden Tag an. Zuerst drohte er ihr, dann bettelte er, sie solle zurückkommen, und versprach, ab jetzt werde alles anders. Anna glaubte ihm kein Wort mehr. Zwischen ihnen lag zu viel Lüge, zu viel Verrat.

Auch Barbara blieb nicht still. Sie schrieb Nachrichten, in denen sie Anna egoistisch, undankbar und unfruchtbar nannte. In der letzten teilte sie ihr mit, Lukas werde die Scheidung einreichen und ihr jeden Cent wegnehmen. Anna blockierte ihre Nummer und spürte zum ersten Mal seit Tagen Erleichterung.

Den Auftrag für das Café-Design brachte sie innerhalb eines Monats zu Ende.

Hedis Stube