„Du hast dich nach den Regeln meiner Mutter zu richten!“ brüllte Lukas, der zusehends zum Abziehbild seiner Mutter wurde

Diese drängende Kontrolle fühlt sich zutiefst entwürdigend an.
Geschichten

Kurz darauf überwies man ihr den Rest des Honorars: weitere dreißigtausend Euro. Der Cafébesitzer, ein junger Unternehmer namens Maximilian, war mit dem Ergebnis so zufrieden, dass er sie gleich an Bekannte weiterempfohlen hat. Danach ist eines zum anderen gekommen: neue Aufträge für Logos, komplette Corporate Designs, Verpackungen für eine kleine heimische Kosmetikmarke. Anna saß oft bis spät in die Nacht am Laptop, fiel danach todmüde ins Bett – und war trotzdem glücklich. Zum ersten Mal seit drei Jahren hatte sie das Gefühl, wirklich ihr eigenes Leben zu führen.

An einem Abend, als sie von einem weiteren Termin heimkam, leuchtete auf ihrem Handy eine unbekannte Nummer auf.

„Anna? Hier ist Sepp, Ihr ehemaliger Nachbar.“

„Grüß Gott, Sepp“, sagte sie und blieb vor dem Eingang ihres neuen Wohnhauses stehen. „Ist etwas passiert?“

„Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Lukas gestern aus der Wohnung ausgezogen ist“, begann er verlegen. „Diese Claudia ist mit dem Buben gekommen, sie haben seine Sachen mitgenommen. Barbara ist auch weg. Die drei wohnen jetzt irgendwo am anderen Ende der Stadt. Ich hab nur gehört, wie sie im Stiegenhaus herumgeschrien hat, sie habe jetzt endlich eine ordentliche Familie.“

Anna atmete ruhig aus und lächelte sogar.

„Danke, dass Sie mir Bescheid gegeben haben. Dann hat sich ja alles richtig gefügt.“

„Wissen Sie“, Sepp räusperte sich, „meine Frau hat immer gesagt, Sie seien viel zu gut für ihn gewesen. Er hat Sie nie zu schätzen gewusst. Also … halten Sie die Ohren steif. Und wenn Sie irgendwas brauchen, rufen Sie einfach an.“

Nach diesem Gespräch war es, als wäre auch der letzte dünne Faden gerissen, der sie noch mit ihrem früheren Leben verbunden hatte. Lukas hatte sich entschieden. Für seine Geliebte, für seinen Sohn, für seine Mutter, die ohnehin immer über ihn bestimmt hatte. Sollten sie zu dritt nach Barbaras Regeln leben. Sollte Claudia nun die Sticheleien der Schwiegermutter ertragen und irgendwann auch Lukas’ Untreue – denn wer einmal betrogen hatte, würde es wohl wieder tun.

Hedwig kam von da an jede Woche vorbei. Sie brachte Kuchen mit, half ein bissl beim Zusammenräumen und erzählte, was sie aufgeschnappt hatte. Eines Tages berichtete sie, sie habe Lukas mit Claudia in einem Geschäft gesehen. Die beiden hätten mitten zwischen den Regalen gestritten. Claudia habe geschrien, das Geld reiche hinten und vorn nicht, während Barbara sich sofort eingemischt und ihren Sohn verteidigt habe. Ein Bild, wie aus dem Lehrbuch.

„Weißt du, was daran fast schon komisch ist?“, meinte Hedwig, als sie mit ihrem Häferl Tee auf Annas neuem Sofa saß. „Elisabeth vom Finanzamt sagt, Lukas steckt bis über beide Ohren in Schulden. Zwei Haushalte gleichzeitig zu finanzieren war offenbar doch ein bisserl teuer. Und jetzt muss er auch noch den Kredit für die Wohnung allein zahlen. Claudia soll angeblich ihre Arbeit hingeschmissen haben und daheim beim Kind sitzen.“

Anna zuckte nur mit den Schultern.

„Das ist nicht mehr mein Problem. Ich will darüber gar nicht mehr nachdenken.“

Der Frühling kam ungewöhnlich warm. Im April wurde Anna zu einem Gespräch in eine große Werbeagentur eingeladen; ihr Portfolio hatte dort Eindruck gemacht. Sie schaffte drei Auswahlrunden und bekam schließlich ein Angebot. Vollzeitstelle, gutes Gehalt, Sozialleistungen, echte Perspektive. Lange überlegen musste sie nicht. Sie sagte zu.

Im Mai begegnete sie Maximilian, dem Cafébesitzer, wieder – bei der Eröffnung einer Designausstellung. Sie kamen ins Plaudern, und er lud sie zum Abendessen ein. Anna zögerte. Die Wunden waren noch nicht verheilt, nicht ganz. Doch Hedwig ließ nicht locker: „Du hast dir Glück verdient, Mädel. Hab keine Angst davor, weiterzuleben.“

Maximilian erwies sich als aufmerksam, klug und angenehm humorvoll. Vor allem aber interessierte er sich ehrlich für das, was Anna dachte. Er drängte sie zu nichts, stellte keine Forderungen und verglich sie mit niemandem. Er war einfach da. Er ging mit ihr ins Theater, spazierte mit ihr durch die Stadt, hörte zu, wenn sie von ihrer Arbeit erzählte. Nach und nach taute Anna auf. Vorsichtig, Schritt für Schritt, lernte sie wieder zu vertrauen.

Im Sommer kamen die Scheidungspapiere. Lukas verzichtete darauf, wegen Geld vor Gericht zu ziehen; vermutlich hatte er begriffen, dass er dort kaum etwas beweisen konnte. Die Wohnung blieb bei ihm, die Schulden ebenso. Anna unterschrieb die Unterlagen mit ruhiger Hand und leichtem Herzen. Drei Jahre Ehe waren damit zu Ende, und sie bereute keinen einzigen Tag ihres neuen Lebens.

Das geheime Konto, das sie einst aus purer Verzweiflung eröffnet hatte, wurde nun regelmäßig gefüllt. Anna legte Geld für die erste Rate eines Wohnkredits zurück. Sie träumte von einer eigenen Wohnung. Klein durfte sie sein, aber sie sollte ihr gehören. Ein Ort, an dem niemand Vorschriften machte, niemand ihr Essen kritisierte und niemand verlangte, dass sie nach fremden Maßstäben lebte.

An einem herbstlichen Abend gingen sie und Maximilian am Donaukanal entlang. Plötzlich blieb er stehen und nahm ihre Hand.

„Weißt du, woran ich gerade denke?“, fragte er. „Daran, wie viel Glück du gehabt hast, rechtzeitig zu gehen. Und wie viel Glück ich gehabt habe, dich zu treffen.“

Anna sah auf das Wasser hinaus und lächelte. Die Lichter der Stadt spiegelten sich darin, der Wind spielte mit ihrem Haar. Irgendwo in dieser Stadt lebte Lukas nun mit Claudia und Barbara, zahlte Kredite ab und begriff vielleicht, was er verloren hatte. Vielleicht begriff er es auch nie. Menschen wie er erkannten ihre Fehler selten.

„Ich habe auch Glück gehabt“, sagte sie leise. „Ich habe gelernt, mich selbst ernst zu nehmen. Ich habe verstanden, dass ich nichts aushalten muss, nur damit andere zufrieden sind. Ich muss mich nicht verbiegen und nicht nach Regeln leben, die mir jemand aufzwingt. Ich habe eine Arbeit, die ich liebe. Ich habe Geld, das ich selbst verdient habe. Und ich habe die Freiheit zu entscheiden, mit wem ich sein will und wie ich leben möchte.“

„Und du hast mich“, fügte Maximilian lächelnd hinzu.

„Und ich habe dich“, bestätigte Anna.

Sie gingen weiter, und Anna dachte daran, wie eigenartig das Leben manchmal seine Wege nahm. Vor drei Jahren war sie noch eine verliebte junge Frau gewesen, die an ein Märchen geglaubt hatte. Danach war sie zu einer unglücklichen Ehefrau geworden, die Tag für Tag ein Stück von sich selbst verlor. Jetzt aber war sie einfach Anna. Mit eigenen Träumen, eigenen Zielen, eigenen Plänen. Eine Frau, die keine Angst mehr davor hatte, noch einmal von vorn anzufangen.

Das geheime Konto hatte sie nicht nur finanziell gerettet. Es hatte ihr beigebracht, vorauszudenken, zu handeln und nicht aufzugeben. Jede einzelne Überweisung war ein kleiner Schritt in Richtung Freiheit gewesen. Und wenn Anna nun zurückblickte, wusste sie: Sie hatte alles richtig gemacht. Sie war rechtzeitig gegangen. Sie hatte ihre besten Jahre nicht an einen Menschen verschwendet, der sie nie geschätzt hatte. Vor ihr lag nun ein ganzes Leben – ihr eigenes, echtes Leben. Genau das Leben, das sie verdient hatte.

Hedis Stube