„Anna, mein liebes Kind“, stieß sie schluchzend hervor und klammerte sich an die Autotür. „Ich wollte doch nur, dass es euch gut geht! Ich hab mir Sorgen gemacht!“
„Sie haben sich um Ihren Sohn gesorgt“, entgegnete ich leise. „Nicht um uns. Nur um ihn.“
Genau in diesem Augenblick ist Lukas aus dem Hauseingang gestürzt. Ohne Jacke, in Hausschlapfen, völlig außer Atem. Als er seine Mutter neben dem Wagen gesehen hat, ist er sofort auf uns zugelaufen.
„Anna, warte!“ Er drängte Maria zur Seite und krallte sich an den Türgriff. „Fahr nicht weg. Bitte.“
Durch die Scheibe sah ich ihn an. Sein Gesicht war kreidebleich, in seinen Augen stand blanke Panik.
„Lukas, lass die Tür los.“
„Nein! Ich kann dich nicht einfach gehen lassen! Wir müssen reden!“
„Das haben wir bereits.“
„Wegen dem Geld?“ Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Hör zu, ich versteh ja, dass du es selbst verdient hast. Wirklich, ich bin stolz auf dich. Wir könnten … wir könnten es anlegen. Eine größere Wohnung kaufen. Oder ein Haus. Du hast doch immer von einem Haus mit Garten geredet.“
Da ist in mir endgültig etwas abgerissen. Selbst jetzt, in diesem Moment, sprach er vom Geld. Nicht von uns. Nicht davon, dass er mich verlor. Nur vom Geld.
„Lukas“, sagte ich, erstaunlich ruhig. „Geh weg vom Auto. Ich bitte dich zum letzten Mal im Guten.“
„Anna, ich liebe dich!“, platzte es aus ihm heraus.
Die Worte klangen so falsch, so hohl, dass ich beinahe gelacht hätte. Wann hatte er mir das zuletzt gesagt? Vor einem Jahr? Vor zweien? Halb automatisch vor dem Einschlafen, ohne den Blick vom Handy zu heben?
„Lass los.“
Er rührte sich nicht. Er stand da, die Finger um den Griff gekrampft, und ich sah die Verzweiflung in seinem Blick. Aber es war nicht die Verzweiflung eines Mannes, der die Frau verliert, die er liebt. Es war die Panik von jemandem, dem etwas Wertvolles entgleitet. Etwas, das er für seinen Besitz gehalten hat.
„Lukas!“, rief Maria und packte ihren Sohn an der Schulter. „Auf die Knie! Geh auf die Knie und bitte sie um Verzeihung!“
Er schaute zuerst seine Mutter an, dann mich. Und plötzlich sank er tatsächlich hinunter. Mitten auf dem nassen Asphalt, in seinen Hausschlapfen. Er faltete die Hände, als würde er beten.
„Anna, ich flehe dich an. Geh nicht. Ich werde mich ändern. Wir kriegen das alles wieder hin. Ich werde anders, ich schwör’s dir!“
Vor dem Hauseingang blieben die Leute stehen und starrten. Irgendwer zog schon das Handy heraus — natürlich, um zu filmen. Der Taxifahrer räusperte sich verlegen.
„Gnädige Frau, vielleicht reden S’ doch noch einmal mit ihm? Der Mann ist ja völlig fertig …“
Ich drückte den Fensterheber. Die Scheibe glitt ganz nach oben.
„Fahren Sie bitte.“
„Anna!“ Lukas sprang wieder auf und trommelte gegen das Fenster. „Anna, tu das nicht! Bitte!“
Maria hing an seinem Arm, weinte und murmelte irgendetwas Unverständliches. Dann setzte sich das Taxi in Bewegung. Lukas lief noch ein paar Meter hinterher, doch er blieb rasch zurück.
Im Rückspiegel sah ich ihn mitten im Hof stehen, während seine Mutter auf ihn einredete und wild mit den Händen fuchtelte. Kurz darauf verschwanden beide hinter der Kurve.
„Das muss hart sein für Sie“, sagte der Fahrer mitfühlend.
„Wissen Sie was?“ Ich lehnte mich in den Sitz zurück und spürte plötzlich, wie mir Tränen über die Wangen liefen. Aber es waren keine Tränen der Trauer. Es war Erleichterung. „Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlt es sich leicht an.“
Er nickte nur und sagte nichts mehr. Ein taktvoller Mensch.
Als wir auf die breite Straße einbogen, begann mein Handy ununterbrochen zu vibrieren. Lukas. Maria. Wieder Lukas. Nachrichten. Anrufe. Ich stellte es lautlos.
Eine Nachricht war von Tobias: „Wie geht’s dir? Ist alles halbwegs glattgelaufen?“
Ich tippte zurück: „Ja. Alles gut. Danke dir für alles.“
Die Antwort kam fast sofort: „Halt durch. Und wenn irgendwas ist — ich bin jederzeit erreichbar.“
Ich lächelte. Tobias war ein guter Mensch. Er hatte immer zu mir gehalten.
Das Hotel, zu dem ich mich bringen ließ, war klein, aber gemütlich. Mitten in der Stadt, gleich bei einem Park. Ich nahm mir ein Zimmer für eine Woche — genug Zeit, um eine ordentliche Wohnung zu finden und die Unterlagen zu sortieren.
Als die Zimmertür hinter mir ins Schloss gefallen war, setzte ich mich aufs Bett und sah mich um. Sauber. Still. Kein Mensch, der mir erklärte, was ich schon wieder falsch machte. Niemand, der jedes meiner Worte abwog, verdrehte oder kritisierte.
Das Handy vibrierte erneut. Lukas. Der siebenunddreißigste Anruf. Ich blockierte seine Nummer. Danach blockierte ich auch Maria.
Morgen würde ich eine Rechtsanwältin anrufen und die Scheidung in die Wege leiten. Übermorgen würde ich mich mit einem Immobilienmakler treffen. Das Leben ging weiter.
Ich trat ans Fenster. Unten leuchteten die Lichter der Stadt, Menschen eilten ihren Wegen nach, jeder mit seinen eigenen Gedanken, Sorgen und Zielen. Irgendwo da draußen war Lukas, der endlich begriffen hatte, was er verloren hatte. Und irgendwo war Maria, die nun wusste, dass ihre Schwiegertochter nicht so leicht zu brechen war, wie sie geglaubt hatte.
Ich aber stand am Fenster, den Kopf aufrecht, die Schultern gerade — und zum ersten Mal seit acht Jahren wusste ich mit völliger Sicherheit: Ich bin frei.
