„Anna, mein Kind“, schluchzte sie und krallte sich an der Autotür fest. „Ich hab doch nur gewollt, dass es euch gut geht! Ich hab mir Sorgen gemacht!“
„Sie haben sich um Ihren Sohn gesorgt“, erwiderte ich. „Nicht um uns. Um ihn.“
In diesem Augenblick ist Lukas aus dem Haustor gestürzt. Ohne Jacke, in Hausschlapfen, völlig außer Atem. Als er seine Mutter neben dem Wagen gesehen hat, ist er sofort auf uns zugelaufen.
„Anna, warte!“ Er drängte Barbara zur Seite und umklammerte den Türgriff. „Fahr nicht weg. Bitte.“
Durch die Scheibe sah ich ihn an. Sein Gesicht war kreidebleich, in seinen Augen flackerte nackte Panik.
„Lukas, lass die Tür los.“
„Nein! Ich kann dich nicht einfach gehen lassen! Wir müssen reden!“
„Das haben wir bereits.“
„Wegen dem Geld?“ Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Hör zu, ich versteh ja, dass du es selbst verdient hast. Wirklich. Großartig. Ich bin stolz auf dich. Wir könnten es doch anlegen. Eine größere Wohnung kaufen. Oder ein Haus. Du wolltest doch immer ein Haus mit Garten.“
Da ist in mir endgültig etwas abgerissen. Selbst jetzt, in diesem Moment, drehte sich bei ihm alles ums Geld. Nicht um uns. Nicht darum, dass er mich verlor. Nur ums Geld.
„Lukas“, sagte ich leise und ruhig. „Geh vom Auto weg. Ich bitte dich zum letzten Mal im Guten.“
„Anna, ich liebe dich!“, platzte es aus ihm heraus. Die Worte klangen so hohl, dass ich beinahe gelacht hätte.
Wann hatte er mir das zuletzt gesagt? Vor einem Jahr? Vor zweien? Nebenbei, vor dem Einschlafen, ohne den Blick vom Handy zu heben?
„Lass los.“
Er rührte sich nicht. Er stand da, die Finger um den Griff geklammert, und in seinen Augen lag Verzweiflung. Aber es war nicht die Verzweiflung eines Mannes, der eine geliebte Frau verliert. Es war die eines Menschen, dem etwas Wertvolles aus der Hand genommen wird. Besitz.
„Lukas!“, rief Barbara und packte ihren Sohn an der Schulter. „Auf die Knie mit dir! Geh auf die Knie und bitte sie um Verzeihung!“
Er sah erst seine Mutter an, dann mich. Und plötzlich sank er tatsächlich hinunter. Mitten auf den nassen Asphalt, in seinen Hausschlapfen. Er faltete die Hände wie zum Gebet.
„Anna, ich flehe dich an. Geh nicht. Ich ändere mich. Wir kriegen das wieder hin. Ich werde anders, ich schwör’s dir!“
Vor dem Haustor blieben Leute stehen und starrten herüber. Jemand zog schon das Handy heraus – natürlich, um zu filmen. Der Taxifahrer räusperte sich verlegen.
„Junge Frau, vielleicht reden Sie doch noch kurz mit ihm? Der Mann ist ja komplett…“
Ich zog das Fenster ganz hinauf.
„Fahren Sie bitte.“
„Anna!“ Lukas sprang auf und hämmerte gegen die Scheibe. „Anna, tu das nicht! Bitte!“
Barbara hing an seinem Arm, weinte und jammerte unverständlich vor sich hin. Das Auto setzte sich in Bewegung. Lukas lief noch ein paar Meter hinterher, doch bald blieb er zurück.
Im Rückspiegel sah ich, wie er mitten im Hof stehen blieb, während seine Mutter mit fuchtelnden Händen auf ihn einredete. Dann verschwanden beide hinter der Kurve.
„Das ist sicher nicht leicht für Sie“, meinte der Fahrer nach einer Weile mitfühlend.
„Wissen Sie was?“ Ich lehnte den Kopf gegen die Lehne, und plötzlich liefen mir Tränen über die Wangen. Aber es waren keine Tränen der Trauer. Es war Erleichterung. „Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlt es sich leicht an.“
Er nickte nur und sagte nichts mehr. Ein taktvoller Mensch, dachte ich.
Als wir auf die breite Straße einbogen, begann mein Handy ununterbrochen zu vibrieren. Lukas. Barbara. Wieder Lukas. Nachricht um Nachricht. Anruf um Anruf. Ich stellte es stumm.
Eine Nachricht war von Sebastian: „Wie geht’s dir? Ist alles halbwegs glattgelaufen?“
Ich tippte zurück: „Ja. Alles gut. Danke dir für alles.“
Kaum eine Sekunde später kam seine Antwort: „Hauptsache, du hältst durch. Und falls irgendwas ist – ich bin jederzeit erreichbar.“
Ich musste lächeln. Sebastian war ein guter Mensch. Er war immer auf meiner Seite gewesen.
Das Hotel, zu dem ich mich bringen ließ, war klein, aber gemütlich. Mitten in der Stadt, nicht weit von einem Park. Ich nahm mir ein Zimmer für eine Woche – genug Zeit, um eine vernünftige Wohnung zu finden und die Unterlagen zu ordnen.
Als die Zimmertür hinter mir ins Schloss fiel, setzte ich mich aufs Bett und sah mich um. Sauber. Still. Niemand hier, der mir erklärte, dass ich alles falsch machte. Niemand, der jedes meiner Worte zerpflückte.
Das Handy vibrierte wieder. Lukas. Der siebenunddreißigste Anruf. Ich sperrte seine Nummer. Danach sperrte ich auch Barbaras.
Morgen würde ich den Rechtsanwalt anrufen und die Scheidung in die Wege leiten. Übermorgen würde ich mich mit einer Immobilienmaklerin treffen. Das Leben ging weiter.
Ich trat ans Fenster. Unten leuchteten die Lichter der Stadt, Menschen eilten ihren eigenen Wegen nach. Irgendwo da draußen war Lukas, der nun endlich begriff, was er verloren hatte. Und irgendwo war Barbara, die gerade lernte, dass ihre Schwiegertochter nie so harmlos gewesen war, wie sie geglaubt hatte.
Ich aber stand am Fenster, den Kopf aufrecht, und wusste zum ersten Mal seit acht Jahren mit absoluter Sicherheit: Ich bin frei.
