Mit jedem Schritt legte sich eine schwerere Stille über den Raum.
Der ganze Saal ist erstarrt. Lukas ist das Blut aus dem Gesicht gewichen. Barbara hat sich langsam erhoben, dabei ist ihr die Gabel aus den Fingern geglitten und mit einem hellen Klang auf den Teller gefallen.
Der Unbekannte blieb direkt vor mir stehen. In seinem Blick lag kein Mitleid. Eher Neugier. Und Zorn.
„Lukas, nicht wahr?“, fragte er, ohne meinen Mann auch nur anzusehen.
„Ja … und wer sind Sie?“, brachte Lukas hervor. Er wollte tapfer klingen, doch seine Stimme kippte kläglich weg.
Der Mann beachtete ihn nicht weiter. Seine Augen ruhten auf meiner Brosche.
„Aus der Werkstatt von Fabergé? Frühe Arbeit?“, erkundigte er sich leise.
„Nein. Bolin“, antwortete ich automatisch und zog die Nase hoch. „Silber, Granate. Ein Erbstück aus der Familie.“
Da lächelte er. Und dieses Lächeln war beinahe unglaublich: warm, hell, als hätte es sein ganzes strenges Gesicht mit einem Mal verwandelt.
„Ihre Frau besitzt einen tadellosen Geschmack, junger Mann“, sagte er nun zu Lukas. „Ganz im Gegensatz zu Ihnen. Und zu diesem ganzen …“ Er ließ den Blick samt Stock über den vergoldeten Saal wandern. „… Kasperltheater hier.“
„Wer sind Sie überhaupt?“, kreischte Barbara. „Sicherheit! Warum lässt man fremde Leute in den Saal?“
Erst jetzt drehte sich der weißhaarige Herr zu ihr um.
„Barbara, erkennst du mich wirklich nicht mehr? Oder hast du den Mann vergessen, der dir in den Neunzigern das erste Geld gegeben hat, damit du deinen kleinen Stand aufmachen konntest?“
Ein Raunen lief durch den Raum. Barbara fasste sich an die Brust und sank schwer auf ihren Sessel zurück.
„Michael …?“, flüsterte Lukas mit farblosen Lippen. „Der Eigentümer der Holding? Aber Sie sind doch … Sie sind doch in London!“
„Ich bin hergekommen, um mir anzuschauen, wem ich die Leitung der Niederlassung übergeben soll“, sagte Michael kühl und musterte Lukas, als wäre er ein schlecht gemachtes Exponat. „Und ich habe genug gesehen. Einen kleinlichen, unverschämten Haustyrannen, der seiner Frau nicht einmal bis zum kleinen Finger reicht.“
Dann wandte er sich wieder mir zu.
„Anna, richtig? Ich habe Ihre Texte über die Architektur Wiens gelesen. Eine hervorragende Sprache.“
Er neigte leicht den Kopf und bot mir seinen Arm an.
„Hier ist es mir zu stickig geworden. Zu viel billiges Parfum und zu viele billige Menschen. Mein Wagen steht vor dem Eingang. Wir fahren essen. In ein anständiges Lokal, wo niemand herumschreit und Frauen wie Dienstbotinnen behandelt.“
Dann beugte er sich zu mir hinunter und flüsterte mir genau jenen Satz ins Ohr, bei dem mir eine Gänsehaut über den Rücken gelaufen ist:
„Häng dich bei mir ein, Kind. Wenn sie sehen, mit wem du hinausgehst, werden sie ihre Zungen verschlucken. In diesem Augenblick bist du die Königin. Und sie sind nur der Hofstaat.“
Ich sah zu Lukas. Er stand mit offenem Mund da, wie ein Fisch, den man ans Ufer geworfen hat. Dann blickte ich zu Barbara, die hastig Wasser trank, als könnte sie damit ihre eigene Blamage hinunterschlucken.
Ich richtete mich auf. Strich über genau jene „Witwenbrosche“, über die sie sich lustig gemacht hatten. Dann legte ich meine Hand auf Michaels Arm. Der Stoff seines Sakkos fühlte sich warm und ein wenig rau an.
„Sehr gern“, sagte ich laut und deutlich.
Gemeinsam gingen wir durch den ganzen Saal zum Ausgang. Die Stille war so dicht, dass ich das leise Rascheln meines angeblichen Trauersamts hören konnte. Niemand wagte auch nur einen Ton.
An der Tür drehte ich mich noch einmal um. Lukas stand immer noch mitten im Raum, klein und erbärmlich in seinem teuren Anzug. Schadenfreude empfand ich keine. Nur Erleichterung.
Ich hatte diese Ehe endlich begraben.
Und die Totenfeier war großartig gelungen.
