„Da stimmt etwas anderes nicht“ — Anna starrte verzweifelt in den Kühlschrank und zweifelte an ihrem Verstand

Dieses stille Verschwinden ist erschreckend und ungerecht.
Geschichten

„Aber wozu braucht sie denn so viel?“, fragte Lukas fassungslos. „Was macht sie mit all dem Zeug? Sie wohnt doch allein.“

„Vielleicht verschenkt sie es an die Nachbarinnen. Vielleicht verkauft sie manches weiter. Oder sie bunkert es einfach wie ein Hamster“, sagte Anna müde. „Im Grunde ist das schon gar nicht mehr der Punkt, Lukas. Entscheidend ist, dass sie uns bestiehlt und uns dabei noch frech ins Gesicht lügt.“

Genau in diesem Augenblick war im Vorzimmer das Geräusch eines Schlüssels zu hören, der im Schloss gedreht wurde.

Anna und Lukas wechselten einen Blick. Offenbar hatte Barbara etwas vergessen. Oder sie war tatsächlich für eine zweite Runde zurückgekommen.

„Lukaserl? Annerl? Seid ihr daheim?“, klang kurz darauf die muntere Stimme seiner Mutter durch die Wohnung. „Ich bin grad in der Gegend gewesen und hab mir gedacht, ich schau schnell vorbei und erkundige mich nach euch.“

Mit einem Lächeln kam sie in die Küche. Doch als sie die Gesichter ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter sah, blieb ihr der Satz im Hals stecken. Der Laptop stand noch immer aufgeklappt am Tisch. Auf dem Bildschirm war das Bild eingefroren: Barbara vor dem offenen Eiskasten, mit prall gefüllten Sackerln in den Händen.

Ihr Blick folgte automatisch den ihren. Dann erkannte sie sich selbst auf dem Monitor. Von einer Sekunde auf die andere veränderte sich ihr Gesicht. Die freundliche, fürsorgliche Mutter verschwand, und an ihre Stelle trat ein in die Enge getriebenes Tier, bereit, um sich zu beißen.

„Was soll das sein?“, kreischte sie. „Ihr habt mich überwacht? Seid ihr noch ganz bei Trost? Die eigene Mutter heimlich filmen! Das ist strafbar, das sag ich euch!“

„Mama“, sagte Lukas und stand auf.

Seine Stimme war so fest und kühl, dass Anna ihn kaum wiedererkannte.

„Stell die Sackerl hin.“

„Welche Sackerl? Ich hab überhaupt nichts genommen!“, fauchte Barbara. „Das ist zusammengeschnitten! Das habt ihr mir untergeschoben, damit ihr mich loswerdet! Deine Frau ist eine Schlange, Lukas. Die hat mich immer schon gehasst!“

Lukas trat dicht vor seine Mutter.

„Mama, ich hab die Aufnahme gesehen. Ich hab gesehen, wie du Fleisch, Fisch und Waschpulver eingepackt hast. Warum? Ich geb dir doch Geld. Fehlt dir irgendwas? Dann sag es mir, und ich kauf es dir. Aber warum stiehlst du bei uns? Warum bei Anna?“

Barbara begriff, dass Abstreiten keinen Sinn mehr hatte. Sie richtete sich auf, und in ihren Augen flackerte plötzlich offene Bosheit.

„Stehlen?“, zischte sie. „Wie kannst du so ein Wort überhaupt in den Mund nehmen? Ich hab dich großgezogen! Ich hab mir Nächte um die Ohren geschlagen! Mein ganzes Leben hab ich dir gewidmet! Und jetzt wirfst du mir ein Stück Fleisch vor? Alles, was in dieser Wohnung ist, gehört auch mir. Du bist mein Sohn. Du hast dafür zu sorgen, dass es mir an nichts fehlt – und zwar ordentlich! Und die da …“

Sie stieß mit dem Finger in Annas Richtung.

„Die ist eine Fremde. Heute deine Frau, morgen vielleicht schon nicht mehr. Eine Mutter hast du aber nur einmal!“

„Das hier ist meine Familie, Mama“, erwiderte Lukas leise, aber hart. „Anna und ich. Unser Zuhause. Unser Geld. Und du hast kein Recht, hier hereinzukommen und die Regale auszuräumen, als wäre das deine Speis.“

„Aha, so redest du also jetzt mit mir?“, schrie Barbara. „Ein Pantoffelheld bist du geworden! Ein Waschlappen! Die hat dich um den Finger gewickelt und gegen deine eigene Mutter aufgehetzt! Na dann erstickt doch an eurem Fleisch!“

Sie wirbelte herum und stürmte in den Gang hinaus. Gleich darauf krachte die Wohnungstür so heftig ins Schloss, dass irgendwo feiner Verputz von der Wand rieselte.

Lukas sank auf einen Sessel und vergrub das Gesicht in den Händen.

„Mein Gott … ist das beschämend“, flüsterte er.

Anna ging zu ihm, legte ihm die Arme um die Schultern und hielt ihn fest. Es tat ihr unendlich leid, ihn so zu sehen. Gleichzeitig breitete sich in ihr eine Erleichterung aus, die sie kaum in Worte fassen konnte. Der Eiterherd war endlich aufgegangen. Keine unausgesprochenen Verdächtigungen mehr. Kein verschwundener Käse, keine leeren Packungen, kein Gefühl mehr, den eigenen Verstand zu verlieren.

Am nächsten Tag tauschte Lukas wortlos das Schloss der Eingangstür aus. Eine Woche lang rief er seine Mutter nicht an. Barbara meldete sich ebenfalls nicht. Vermutlich wartete sie darauf, dass ihr Sohn irgendwann angekrochen kam und um Verzeihung bat. Doch Lukas kam nicht angekrochen.

Etwa einen Monat später begegnete Anna zufällig einer Nachbarin ihrer Schwiegermutter, der Johanna.

„Ach, Annerl!“, zwitscherte sie sofort. „Deine Barbara ist in letzter Zeit aber großzügig geworden! Einmal bringt sie Wurst, dann wieder roten Fisch, ständig teilt sie was aus. Sie sagt, ihr Sohn sei so gut situiert und verwöhne sie mit Lebensmitteln, sie wisse schon gar nicht mehr, wohin damit. So eine fürsorgliche Schwiegermutter hast du!“

Anna verzog nur kurz den Mund zu einem Lächeln.

„Ja, Johanna. Sehr fürsorglich. Nur sorgt sie jetzt aus sicherer Entfernung.“

Das Verhältnis zu Barbara wurde nie wieder richtig heil. Lukas rief sie an Feiertagen an, brachte ihr hin und wieder Einkäufe vorbei – Lebensmittel, die er selbst besorgte und in einem Sackerl übergab, ohne sie in die Wohnung zu lassen. Bargeld bekam sie von ihm keines mehr. Ihre Strom-, Gas- und Betriebskostenrechnungen beglich er online.

Barbara wiederum erzählte sämtlichen Verwandten, die es hören wollten, die Hexe von Schwiegertochter habe sie mit ihrem Sohn entzweit. Anna ließ das an sich abprallen.

Wichtig war nur, dass in ihrem Zuhause endlich Ruhe eingekehrt war. Der Eiskasten war wieder verlässlich gefüllt, das Geld blieb spürbar länger am Konto, und schließlich buchten sie tatsächlich ihren Urlaub am Meer.

Die kleine Kamera warf Anna nicht weg. Sie legte sie in eine hintere Lade. Für alle Fälle. Das Leben war schließlich unberechenbar, und wer wusste schon, welcher Verwandte als Nächster auf die Idee kommen würde, ihre Vorräte auf Belastbarkeit zu prüfen.

Eines aber wusste Anna ganz genau: Ihre Grenzen und ihre Familie würde sie nicht mehr antasten lassen. Und wenn sie dafür in den Augen der Verwandtschaft eine „Schlange“ und eine „Geizige“ sein musste – bitte sehr. Diesen Titel trug sie von nun an mit erhobenem Kopf.

Dafür gab es wieder Käse auf den Broten.

Hedis Stube