„Wo bist du …“
„Das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass ich meinen Platz jetzt kenne. Und der ist ganz bestimmt nicht in eurer Familie.“ Anna ist aufgestanden und zum Fenster gegangen. Draußen hat das Feuerwerk noch immer den Himmel zerrissen. „Ach ja: Prosit Neujahr. Von dir ist ja kein Glückwunsch gekommen.“
Dann hat sie aufgelegt und das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch gelegt.
Lukas ist am Morgen des zweiten Jänners zurückgekommen. Zerknittert, blass, mit einem grauen Gesicht.
„Mama ist im Spital. Austrocknung. Julia redet kein Wort mit mir. Die Gäste sind alle abgerauscht, ohne sich zu verabschieden“, hat er leise gesagt und dabei auf den Boden gestarrt. „Es war der reine Albtraum. Ein Fest mit Nachwirkungen.“
Anna ist mit ihrem Häferl Kaffee am Fenster gestanden.
„Tut mir leid“, sagte sie ruhig.
„Du findest das wirklich in Ordnung?“
Er hat den Blick gehoben.
„Und du findest es in Ordnung, deine Frau zwölf Jahre lang wie eine Dienstbotin zu behandeln? Sie nicht einmal an den Tisch deiner Familie zu lassen? Sie zu zwingen, ihr letztes Geld für Menschen auszugeben, die sie verachten?“
Lukas hat geschwiegen.
„Weißt du, was daran fast komisch ist? Ich hätte dir verziehen. Wenn du nur ein einziges Mal auf meiner Seite gestanden wärst. Wenn du deiner Mutter ein einziges Mal gesagt hättest, dass ich deine Frau bin und nicht eure Köchin. Aber du hast geschwiegen. Zwölf Jahre lang.“
„Ich hab nicht gewusst, dass dir das so viel ausmacht …“
„Genau das ist es. Du hast es nicht gewusst, weil du nie über mich nachgedacht hast.“ Anna hat seine Jacke von der Garderobe genommen und ihm hingehalten. „Zieh dich an. Fahr zu deiner Mutter, ihr geht’s schlecht. Und ich überlege mir inzwischen, ob ich einen Mann brauche, der in mir nur die Frau für die Küche sieht.“
Lukas hat die Jacke genommen. Einen Moment ist er dagestanden, als wollte er etwas sagen. Doch es ist kein Wort gekommen. Er hat sich angezogen und ist hinausgegangen.
Anna hat die Tür zugemacht und sich an den Rahmen gelehnt. Die Stille in der Wohnung war ohrenbetäubend. Aber diesmal hat sie nicht gedrückt. Sie hat sich leicht angefühlt, als wäre endlich eine Last von ihr abgefallen, die sie viel zu lange mitgeschleppt hatte.
Draußen war es frostig, hell und friedlich. Das neue Jahr hatte gerade erst begonnen. Und diesmal gehörte es ihr.
