Anna hat danach eine ganze Woche geweint. Sie war überzeugt, die Kette irgendwo verloren zu haben. Und du … du hast sie auch noch getröstet. Hast ihr gesagt: Macht nichts, Kind, es ist ja nur ein Gegenstand, Hauptsache, man ist gesund.“
„Ich wollte sie ja wieder auslösen!“, schrie Hedwig, weil sie spürte, dass es kein Ausweichen mehr gab. „Ich hab das Geld dringend gebraucht! Mit meinen Zähnen war etwas, und in eine billige Ambulanz geh ich sicher nicht! Ich hätte es zurückgegeben!“
„Du hast dir von dem Geld einen Kuraufenthalt gekauft, Mama. Ich hab die Unterlagen gesehen.“
„Na und?!“ Jetzt kreischte sie beinahe, als müsste sie sich mit der Lautstärke retten. „Ja, hab ich! Ich bin eure Mutter, mir steht auch einmal Erholung zu! Bei euch liegt genug Schmuck herum, davon werdet ihr nicht arm! Wegen so einem Ding!“
„Das war ein Andenken an meinen Vater“, sagte Anna kaum hörbar. „Seinen Tod haben wir damals nur schwer verkraftet.“
Lukas sah seine Mutter an, als stünde plötzlich eine völlig fremde Frau vor ihm.
„Geh“, sagte er leise.
„Du schmeißt mich hinaus? Deine eigene Mutter? Wegen ein bissl Metall?“
„Wegen deiner Lügen. Und weil du uns nicht liebst, Mama. Du brauchst uns nur, wenn du etwas von uns haben willst.“
„Dann bleibt’s halt unter euch!“, fauchte Hedwig, riss ihre Tasche an sich und traf vor lauter Zittern nicht einmal gleich die Henkel. „Lebt doch, wie ihr wollt! Schaut selber, wie ihr zurechtkommt! Ihr werdet schon noch bei mir ankriechen, wenn euch das Wasser bis zum Hals steht!“
Sie stürmte durchs Stiegenhaus hinaus und ließ die Haustür hinter sich ins Schloss krachen. Mit bebenden Fingern bestellte sie ein Taxi, doch die App meldete, dass ihr Guthaben nicht ausreichte. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als zur Bushaltestelle zu gehen. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht, und in ihrem Kopf hämmerte es unaufhörlich: Sie werden es bereuen. Ganz sicher werden sie es bereuen.
Aber sie haben nichts bereut. Und sie haben auch nicht angerufen.
Im ersten Monat hat Hedwig sich noch an ihrem Zorn festgeklammert. Den Rest ihrer Pension gab sie für Mehlspeisen aus, und mit erhobenem Kopf marschierte sie demonstrativ an ihrem Haus vorbei, als wäre sie die Gekränkte.
Dann aber war das Geld weg. Vollkommen.
Der Kühlschrank wurde leer. Zu ihrer eigenen Verwunderung merkte sie, wie teuer der Käse geworden war, den sie früher gedankenlos gekauft hatte, und dass die Betriebskosten fast die Hälfte der Pension verschlangen. Also kaufte sie die billigsten Nudeln und Hühnerklein für Suppe.
In der Wohnung breitete sich eine Stille aus, die sie nicht kannte. Früher hatte sie sich über Annas Anrufe geärgert, jetzt blieb das Telefon tagelang stumm. Nur Werbeanrufe kamen noch, mit freundlichen Stimmen und Kreditangeboten.
„Für Sie wurde bereits ein Betrag bewilligt …“, trällerte es aus dem Hörer.
„Gehen Sie mir zum Teufel!“, brüllte Hedwig und legte auf, nur um eine Minute später in Tränen auszubrechen.
Im dritten Monat ging bei ihren Winterstiefeln der Reißverschluss kaputt. In der Reparaturwerkstatt nannte man ihr einen Preis, bei dem ihr ganz schwindlig wurde.
„Das ist doch eine Arbeit von fünf Minuten!“, empörte sie sich.
„Dann machen Sie’s halt selber“, knurrte der Handwerker.
Daheim holte sie vom oberen Kastenboden einen alten Koffer herunter. Darin lag ihre Nähmaschine. Schwer, solide, verlässlich. Früher, als Lukas noch ein Bub gewesen war, hatte sie für den halben Hof Kleidung geändert und geflickt.
Hedwig fädelte den Faden ein. Ihre Hände, die lange keine solche Arbeit mehr getan hatten, zitterten. Den ganzen Abend saß sie über dem Stiefel, stach sich die Finger wund und brach zwei Nadeln ab. Aber am Ende hielt der Reißverschluss.
Am nächsten Tag schluckte sie ihren Stolz hinunter und hängte beim Hauseingang einen Zettel auf: Kleidungsreparaturen. Günstig. Top 15.
Als Erste kam eine junge Nachbarin, eine Studentin von nebenan.
„Frau Hedwig, meine Jeans ist gerissen.“
