„Unerreichbar spielen könnt ihr mit wem anderen. Ich hab heute einen Termin zur Maniküre, und ihr bringt mir alles durcheinander?“ zischte Hedwig, nachdem der Bankomat ihre Karte ausgespuckt und Anna nicht ans Telefon gegangen war

Diese Unzuverlässigkeit ist unverschämt und zutiefst verletzend.
Geschichten

„…und für eine neue hab ich im Moment wirklich kein Geld. Könnten Sie mir helfen?“

Hedwig hat die Hose genommen und sich gleich darangesetzt. Stich für Stich hat sie den Riss sauber geschlossen, so ordentlich, als würde sie nicht eine alte Jeans, sondern ein Festkleid richten. Das Mädchen hat ihr zum Schluss einen zerknitterten Schein hingelegt und noch eine Tafel Schokolade dazu.

„Danke, Frau Hedwig! Sie haben mich echt gerettet!“

Später ist Hedwig in ihrer Küche gesessen, vor sich ein Häferl Tee ohne alles, dazu genau diese Schokolade. Und auf einmal ist ihr bewusst geworden: Das war seit vielen Jahren das erste Geld, das sie selbst verdient hatte. Nicht erbettelt. Nicht eingefordert. Sondern bekommen, weil sie etwas Nützliches getan hatte.

Nach und nach sind weitere Aufträge gekommen. Kleine Sachen, für ein paar Euro nur. Eine Hose kürzen. Einen Reißverschluss austauschen. Einen Rock enger machen. Der Rücken hat ihr wehgetan, die Augen sind am Abend gebrannt. Aber wenn sie in der Dämmerung dem gleichmäßigen Rattern der Nähmaschine zugehört hat, hat sich in ihr etwas zu bewegen begonnen.

Sie hat nicht mehr nur an Kränkungen gedacht. Plötzlich sind ihr andere Bilder eingefallen. Wie Anna ihr einen guten Arzt gesucht hatte. Wie Lukas den neuen Fernseher für sie bis in den fünften Stock hinaufgeschleppt hatte. Wie die beiden sich wirklich bemüht hatten, Familie zu sein. Und sie selbst? Sie hatte in ihnen bloß eine Geldbörse gesehen.

Und die Kette … Herrgott, wie hatte sie das nur tun können? Ein Andenken an Annas Vater. Hedwig hatte es gewusst. Natürlich hatte sie es gewusst. Und trotzdem war sie damit zur Pfandleihe gegangen, nur damit sie es sich ein paar Tage bequem machen konnte.

Ein halbes Jahr später ist sie an einem trüben Samstag vor der Wohnungstür ihres Sohnes gestanden. Ihr Herz hat so heftig geschlagen, als wollte es ihr aus der Brust springen. In der Hand hielt sie ein Sackerl.

Sie drückte auf die Klingel. Am liebsten wäre sie davongelaufen, bevor jemand öffnete. Doch da knackte schon das Schloss.

Lukas stand vor ihr. Schmäler war er geworden, ernst im Gesicht.

„Mama? Ist was passiert?“

„Servus, Lukas. Ich … ich stör nur ganz kurz.“

Aus dem Vorzimmer schaute Anna heraus. Als sie ihre Schwiegermutter erkannte, wurde ihr Gesicht sofort angespannt.

„Ich hab etwas gebracht“, sagte Hedwig und drückte Lukas das Sackerl in die Hand. „Da.“

Lukas sah hinein. Darin lagen ein Glas Stachelbeermarmelade und ein Kuvert.

„Was soll das sein?“

„Die Marmelade hab ich selber eingekocht. Und im Kuvert … da ist nicht viel drinnen. Aber ich werd nach und nach alles zurückzahlen. Wegen der Kette.“

Anna trat einen Schritt näher.

„Hedwig, wozu denn? Das müssen Sie nicht.“

„Doch“, sagte Hedwig fest und schaute ihrer Schwiegertochter direkt in die Augen. „Ich war beim Versatzamt und hab nachgefragt, was sie wert war. Ich geb alles zurück. Ehrlich. Ich arbeite jetzt. Ich nähe.“

Sie zog den Handschuh aus. Anna sah ihre Hände: kurze Nägel, kleine Einstiche, raue Stellen an den Fingern. Hände, die gearbeitet hatten.

„Ich …“ Hedwigs Stimme brach. „Ich war eine Närrin, Anna. Verzeih mir. Nicht wegen dem Geld. Sondern weil ich mich nicht wie ein Mensch aufgeführt hab. Ich hab geglaubt, man muss mich einfach so lieben. Aber Liebe … Liebe muss man hüten.“

Rasch drehte sie sich um, damit niemand ihre nassen Augen sah.

„Mama, bleib da.“

Lukas fasste sie am Ärmel ihres Mantels.

„Wo willst denn hin? Bei uns ist grad der Wasserkocher fertig.“

Anna nahm Lukas schweigend das Sackerl ab. Sie holte das Glas heraus, hielt es gegen das Licht und betrachtete den goldgrünen Inhalt.

„Mit Stachelbeeren?“, fragte sie leise.

„Ja. So smaragdgrün, wie Lukas sie als Kind am liebsten gehabt hat.“

Anna atmete aus.

„Kommen Sie herein, Hedwig. Aber bitte Schuhe ausziehen, ich hab gerade aufgewaschen.“

Dann saßen sie gemeinsam in der Küche und tranken Tee. Die Kette war natürlich nicht mehr zurückzuholen. Doch in diesem Augenblick, als Hedwig sah, wie ihr Sohn die Marmelade auf eine Scheibe Weißbrot strich, begriff sie: Etwas anderes, etwas viel Wichtigeres, hatten sie vielleicht doch noch retten können. Im allerletzten Moment.

Hedis Stube