— Aber die Wohnung … — Lukas hat sich an der Sessellehne festgehalten, als müsste er sich abstützen. — Wir haben doch beide etwas hineingesteckt. Die Renovierung, die Einrichtung …
— Die Renovierung? — Jetzt erst hat Anna den Blick vom Brett gehoben. — Meinst du die, die mein Vater gemacht hat? Mit seinen eigenen Händen und ohne einen Cent dafür zu verlangen?
Oder meinst du die Möbel, die von meinem Gehalt bezahlt worden sind, während du noch auf der Suche nach deiner großen Berufung warst?
— Ich habe immer gearbeitet!
— Ja, gearbeitet hast du. Nur ist es seltsamerweise meistens so gelaufen, dass dein Lohn für dich selbst draufgegangen ist und ich daheim alles getragen habe. Weißt du noch, wie du das genannt hast?
„Ein Mann braucht eigenes Geld, damit er sich respektieren kann.“
Lukas schwieg.
Anna legte das Messer zur Seite, aber ihre Stimme blieb ruhig.
— Und ich weiß auch noch, wie du erklärt hast, du seist für Kinder noch nicht bereit. Später, als Paul auf der Welt war, hast du gesagt, die Vaterrolle mache dir Angst.
Heute erzählst du dafür jedem, was für ein fürsorglicher Papa du bist.
— Was hat das jetzt damit zu tun?
— Sehr viel. Weil ich längst begriffen habe, dass du nicht erst gestern beschlossen hast zu gehen. Nicht einmal erst vorige Woche.
Sie drehte sich ganz zu ihm um.
— Sag mir, Lukas: Gefällt Lena eigentlich diese Wohnung? Oder wollt ihr euch lieber gleich etwas Eigenes suchen?
Er wurde bleich.
— Welche Lena?
— Die Lena, mit der du seit einem halben Jahr schreibst. Achtundzwanzig, arbeitet in deiner Firma, hat noch keine Kinder, wünscht sich aber sehr welche. Habe ich mir das richtig gemerkt?
— Du hast mir nachspioniert?
— Wozu denn? Du hast es mir ja selber erzählt. Erinnerst du dich an den Abend vor drei Wochen? Du bist heimgekommen, ganz aufgekratzt, und hast von einer Kollegin geschwärmt.
So klug. So ehrgeizig. So viel Potenzial.
Und am nächsten Tag hast du dir zufällig ein neues Hemd gekauft.
Anna nahm ein Geschirrtuch und trocknete sich langsam die Hände ab.
— Außerdem gehst du auf einmal jeden Morgen duschen. Früher hast du das immer am Abend gemacht. Ein neues Parfum hast du auch. Und im Fitnessclub bist du angemeldet, zum ersten Mal seit zehn Jahren.
— Anna …
— Dein Handy nimmst du inzwischen sogar mit ins Bad. Früher ist es dir völlig egal gewesen, wo es liegt.
Und wenn du auf den Bildschirm schaust, lächelst du ständig.
In diesem Moment leuchtete auf Lukas’ Smartwatch eine Nachricht auf. Reflexartig sah er hin, dann zog er hastig den Ärmel darüber.
— Schreibt Lena gerade? — fragte Anna, fast neugierig.
Lukas sank auf einen Sessel.
— Ich hatte das nicht geplant …
— Was genau nicht? Dass du dich verliebst? Oder dass es auffliegt?
— Es ist einfach passiert. Wir haben in der Arbeit geredet, zuerst ganz normal, und dann …
— Und dann hast du dir gedacht, es wäre bequemer, wenn ich von selbst gehe. Sehr praktisch.
Die Wohnung bleibt dir, dein Ansehen bleibt sauber: Die Frau ist ja freiwillig ausgezogen, also wird sie schon schuld sein. Und mit Lena könntest du dann ganz unbelastet neu anfangen.
