„Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns trennen“ sagte er ohne sich umzudrehen — sie reagierte erstaunlich ruhig und fragte schlicht, wohin sie gehen solle

Kalt, ungerecht, doch seltsam befreiend und ehrlich.
Geschichten

Anna hat sich ihm gegenüber hingesetzt.

— Weißt du, was das Merkwürdige ist? Ich bin gar nicht wütend. Im Gegenteil, fast dankbar.

Sie hat ihn ruhig angeschaut.

— Durch dich hab ich begriffen, dass ich viel mehr aushalte, als ich mir je zugetraut hätte.

Lukas hob den Blick.

— Und was hast du jetzt vor?

— Leben. Hier. In meiner Wohnung.

Sie atmete langsam aus, als würde sie zum ersten Mal seit Langem wieder Platz in der Brust spüren.

— Vielleicht fang ich endlich mit dem an, wovon ich immer geträumt hab und wozu mir der Mut gefehlt hat. Zeit für mich hab ich ja jetzt.

— Und Paul?

— Paul ist einundzwanzig. Er ist erwachsen. Ich glaub, er wird schon selbst erkennen, welcher Elternteil sich wie benommen hat.

Lukas stand auf und ging unruhig in der Küche auf und ab.

— Anna, vielleicht finden wir irgendeine Lösung. Ich könnte dir etwas zahlen. Eine Entschädigung oder so …

— Wofür? — Sie klang ehrlich verwundert.

— Na ja … für die Wohnung. Für die ganzen gemeinsamen Jahre.

Anna sah ihn an, als hätte er gerade etwas völlig Absurdes vorgeschlagen.

— Lukas, möchtest du mir allen Ernstes meine eigene Wohnung abkaufen, damit du deine Freundin hier einquartieren kannst?

— So hart hab ich das nicht gemeint …

— Wie denn sonst? Du bietest mir Geld dafür, dass ich freiwillig ohne Dach überm Kopf dastehe?

Da musste Anna lachen. Nicht bitter, nicht gehässig, sondern frei und aufrichtig.

— Weißt du, früher hätt ich wahrscheinlich ja gesagt. Aus Mitleid mit dir. Ich hätte gedacht: „Der Arme, er hat es ja nicht böse gemeint, er hat sich halt verliebt.“

Sie schüttelte leicht den Kopf.

— Dann wär ich zu meiner Schwester gezogen und hätte mich womöglich noch bei dir entschuldigt, weil ich dich nicht halten konnte.

Anna stand auf und trat zum Fenster.

— Jetzt versteh ich aber: Du hast mich einfach für eine bequeme Närrin gehalten. Für eine, die alles schluckt und still bleibt.

Sie drehte sich wieder zu ihm um.

— Und weißt du was?

Du hast dich getäuscht.

Lukas’ Gesicht wurde hart.

— Das heißt, du gehst nicht?

— Nein. Du gehst. Heute noch. Und du nimmst ausschließlich deine persönlichen Sachen mit.

— Und wenn ich mich weigere?

Anna sah ihn an. In ihren Augen lag diese neue Ruhe, die ein Mensch bekommt, wenn er endlich seine eigene Kraft entdeckt hat.

— Dann erfährt Lena morgen, dass ihr Liebster kein freier Mann ist, sondern immer noch verheiratet. Und nebenbei erzähle ich ihr auch, wie elegant er vorgehabt hat, seine Wohnungsfrage zu lösen.

Sie legte den Kopf ein wenig schief.

— Glaubst du wirklich, das wird ihr gefallen?

Lukas sagte kein Wort.

— Du hast eine Stunde, — fügte Anna hinzu. — Meine Freundinnen kommen um fünf. Es wäre mir recht, wenn sie nicht mitten in eine Familienvorstellung platzen müssten.

Dann nahm sie die Sprühflasche vom Fensterbrett und begann, ihre Pflanzen zu besprühen.

In der Wohnung wurde es ganz still. Nur das feine Zischen des Wassers war zu hören, und irgendwo knarrten die Bodenbretter unter den Schritten eines Mannes, der seine Sachen zusammenpackte.

Anna lächelte ihrer Lieblingsviole zu.

Das eigentliche Leben hat gerade erst begonnen.

Hedis Stube