„Trinken Sie, solang Claudia es nicht sieht“, flüsterte sie. „Bei uns ist es nicht üblich, sich um die zu kümmern, die unten stehen.“
„Unten?“, fragte ich leise nach.
„Na ja … alle, die nicht hinter der Theke sind und nicht im Büro sitzen.“
„Und wer bestimmt, wo bei einem Menschen oben und unten ist?“
Sophie erschrak, als hätte ich etwas Verbotenes ausgesprochen.
„Bitte, reden Sie nicht so laut. Für ein falsches Wort werden einem hier gleich die Dienste gestrichen.“
„Wem ist das passiert?“
Sie warf einen raschen Blick zur Tür.
„Lena. Sie ist Kellnerin bei uns. Sie hat gefragt, warum in den Unterlagen das eine steht und in der Küche etwas ganz anderes passiert. Seitdem bekommt sie deutlich weniger Schichten.“
„Was steht denn in den Unterlagen?“
Sophie presste die Lippen zusammen.
„Mittagessen. Laut Liste werden siebenundzwanzig Portionen verrechnet. Gekocht werden meistens neun. Den übrigen Leuten sagt man, es stehe ihnen nichts zu.“
Ich drehte mich nicht gleich zu ihr um. Die Rechnung war zu einfach, als dass sie niemandem auffallen konnte. Also war sie aufgefallen. Und wenn alle schwiegen, dann nicht, weil sie nichts sahen, sondern weil sie Angst hatten.
„Wer unterschreibt diese Liste?“, fragte ich.
„Claudia. Manchmal kommt auch Lukas vorbei.“
„Weiß er davon?“
Sophie schluckte, als wäre ihr das nächste Wort im Hals stecken geblieben.
„Er weiß alles.“
In genau diesem Moment kam Claudia in den Nebenraum.
„Sophie, vor lauter Herzensgüte kocht dir noch die Suppe über“, sagte sie zuckersüß. „Und Sie, Anna, stehen nicht herum. Der Gang wischt sich nicht von allein.“
„Natürlich“, antwortete ich.
„Und das Häferl bringen Sie zurück. Ich habe es schon gesagt: Für Aushilfen ist kein Essen vorgesehen.“
Sophie senkte den Blick. Ich nahm den Fetzen und ging hinaus in den Gang.
Gegen Mittag betrat Lukas das Lokal. Seine Stimme habe ich schon vom Gastraum aus gehört: laut, selbstsicher, so, als gehöre ihm hier nicht nur der Betrieb, sondern auch die Luft darin. Er lachte mit dem Barmann, nickte den Köchen zu und bemerkte nicht einmal, wie sie im selben Augenblick stiller wurden.
Claudia straffte die Schultern und eilte ihm entgegen.
„Lukas, bei uns ist alles ruhig“, sagte sie. „Nur die neue Putzfrau ist ein bissl zu neugierig.“
„Welche Putzfrau?“
Er sah zu mir herüber. Sein Blick glitt über Kopftuch, Schürze und Kübel, blieb nirgends hängen und wanderte weiter. Er erkannte mich nicht.
„Die da“, sagte Claudia und deutete mit dem Kinn auf mich. „Sie hat wegen des Mittagessens herumgefragt.“
„Anna, nicht wahr?“, fragte Lukas.
„Ja.“
„Hat man Ihnen die Bedingungen erklärt?“
„Man hat mir gesagt, dass das Essen nicht für mich bestimmt ist.“
Er verzog den Mund zu einem kurzen Grinsen.
„Dann hat man es Ihnen eh erklärt. Bei uns macht jeder seine Arbeit.“
„Auch wenn jemand den ganzen Tag arbeitet?“
„Dann bekommt dieser jemand seinen Lohn. Man sollte Arbeit nicht mit einem Besuch bei Verwandten verwechseln.“
Claudia lächelte, als hätte sie soeben eine Auszeichnung bekommen.
„Genau das habe ich auch gesagt.“
„Passt“, meinte Lukas und wandte sich wieder an sie. „Die Mappe wegen der Verpflegung bringen Sie mir später ins Büro.“
Ich hob den Blick.
„Wegen der Verpflegung?“
Diesmal sah Lukas mich einen Augenblick länger an.
„Das geht Sie nichts an.“
„Das Wort kam mir nur bekannt vor.“
„Einer Putzfrau ist das Wort ,Verpflegung‘ bekannt?“, schnaubte Claudia. „Eine sehr belesene Putzfrau haben wir da.“
„Claudia“, sagte Lukas ruhig. „Verschwenden Sie keine Zeit.“
Er ging ins Büro. Claudia sah ihm beinahe verzückt nach, dann richtete sie den Blick wieder auf mich.
„Gesehen? Hier wird alles ganz oben entschieden.“
