„Hab ich gesehen.“
„Dann schauen Sie, dass Sie den Kopf ja nicht zu hoch heben.“
Ich nickte nur und wandte mich wieder meinem Kübel zu.
Nach dem Mittagessen ist Lena zu mir gekommen. In ihren Augen lag noch diese offene, lebendige Geradlinigkeit, die man hier offenbar mit aller Kraft auszutreiben versuchte. Sie trug einen Stapel Teller und blieb neben mir stehen, als wäre es reiner Zufall.
„Legen Sie sich nicht mit denen an“, sagte sie leise. „Sonst sind Sie Ihre Schicht los.“
„Und was haben Sie verloren?“
Sie verzog den Mund zu einem Lächeln, in dem keine Freude war.
„Den Dienstplan. Geld. Meine Ruhe.“
„Weshalb?“
„Wegen der Listen. Ich hab mich einmal geweigert, für ein Mittagessen zu unterschreiben, das ich nie bekommen hab. Claudia hat gemeint, ich würde mich wichtigmachen. Danach hat Lukas mir erklärt, die Kette sei groß, die Kosten seien kompliziert und ich sei nur ein kleines Rädchen.“
„Und Sie haben ihm geglaubt?“
„Nein. Aber ich brauch die Arbeit.“
Ich wrang den Fetzen aus und schob den Kübel näher an die Wand.
„Haben Sie irgendetwas außer Ihrer Aussage?“
Lena wurde sofort vorsichtig.
„Wozu wollen Sie das wissen?“
„Damit ich begreife, wo hier die Wahrheit liegt.“
Eine ganze Weile sah sie mich schweigend an. Dann griff sie in die Tasche ihrer Schürze und zog ein zusammengefaltetes Blatt heraus.
„Ich weiß nicht einmal, warum ich das aufgehoben hab. Vielleicht, damit ich mir selber nicht irgendwann einrede, ich hätte mir alles nur eingebildet.“
Auf dem Blatt war die Kopie einer Abrechnungsliste. Unten standen die Unterschriften der Mitarbeiter. Neben Lenas Namen war eine Signatur gesetzt — aber nicht ihre.
„Das ist nicht Ihre Unterschrift?“, fragte ich.
„Nein. An dem Tag hab ich ja verweigert.“
„Wer hat dann unterschrieben?“
„Keine Ahnung. Aber das Blatt ist bei Claudia gelandet.“
„Darf ich die Kopie behalten?“
„Nur wenn Sie nicht sagen, dass Sie sie von mir haben.“
„Das werde ich nicht.“
Lena presste die Lippen zusammen.
„Räumen Sie das Häferl weg. Das ist nicht für Sie“, sagte die Administratorin und schob das Glas mit Tee mit zwei Fingern von mir fort.
Ich stand in einer verwaschenen Schürze am Personaltisch. Neben mir lag meine Tasche, am Tischrand klirrte ein Schlüsselbund, und der Boden im Gang glänzte noch feucht vom Wischen. Ich war nicht hergekommen, um mich bewirten zu lassen. Ich wollte herausfinden, weshalb in meinen Lokalen plötzlich Regeln galten, über die sich niemand laut zu sprechen traute.
„Die Köchin hat mir gesagt, dass man nach dem Putzen mit den anderen etwas essen darf“, erwiderte ich ruhig. „Die Schicht ist lang.“
Die Administratorin hob nicht einmal richtig den Blick von ihrem Handy.
„Die Köchin entscheidet bei uns gar nichts. Essen gibt es für ordentliches Personal. Aushilfs-Putzfrauen kommen, putzen und gehen wieder.“
In ihrer Stimme lag weder Müdigkeit noch Unsicherheit. Da war nur die eingespielte Gewohnheit, über die Würde anderer Menschen zu verfügen. Sie wusste nicht, dass dieser Gastraum, die Küche hinter der Wand und die gesamte Restaurantkette mir gehörten. Ich hieß Anna, war achtundfünfzig Jahre alt und konnte längst sehr genau unterscheiden, ob jemand bloß schroff war — oder sich seiner Straflosigkeit allzu sicher fühlte.
Warum ich selbst gekommen bin
Zu meiner Kette gehörten vier Restaurants. Angefangen hatte alles vor vielen Jahren mit einem kleinen Café. Damals habe ich die Waren noch selbst angenommen, Gemüse gewaschen und die Tageslosung bis zum letzten Schein nachgezählt. Später ist der Betrieb gewachsen, und ich habe mich Schritt für Schritt aus dem täglichen Geschäft zurückgezogen. In den letzten drei Jahren hat sich mein Neffe Lukas darum gekümmert. Er schickte mir regelmäßig sauber aufbereitete Berichte.
