„Für Putzkräfte ist kein Mittagessen vorgesehen“, schnauzte die Restaurantleiterin und schob das Häferl mit zwei Fingern von mir fort

Diese herzlose Selbstgefälligkeit ist zutiefst beschämend.
Geschichten

Darin war immer alles in Ordnung: Die Belegschaft sei zufrieden, die Gäste kämen verlässlich wieder, und die wenigen Beschwerden stammten angeblich von Leuten, die sich vor der Arbeit drücken wollten.

Mit der Zeit sind mir diese Unterlagen aber zu makellos vorgekommen. Zu rund, zu glatt, zu sehr nach einer Welt, in der es keine Reibung gibt. Dann lag eines Tages ein Kuvert ohne Absender bei mir. Darin: die Kopie einer Liste über das Personalessen und ein kurzer Zettel. Ich solle in die Filiale in der Gartenstraße kommen — nicht als Eigentümerin, sondern als einfache Reinigungskraft.

Also bin ich hingegangen.

„Auf der Liste stehen siebenundzwanzig Portionen“, hat Sophie, die Köchin, leise gesagt. „Gekocht werden meistens neun. Den anderen sagt man, für sie sei nichts vorgesehen.“

Dieser Satz ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Plötzlich war alles erschreckend klar. Wenn Menschen schweigen, dann meistens nicht, weil alles passt, sondern weil ihnen Angst beigebracht worden ist. Wenn Listen unterschrieben werden, obwohl das Essen gar nicht ausreicht, dann hat irgendwer beschlossen, dass diese Lüge bequem ist. Und wenn gerade jenen die Mahlzeit gestrichen wird, die am wenigsten zu sagen haben, dann geht es längst nicht mehr um Suppe oder Beilagen. Dann geht es um Respekt.

Die Wahrheit hinter der Mitarbeitertür

Als Lukas das Restaurant betreten hat, habe ich ihn schon gehört, bevor ich ihn gesehen habe. Sein Lachen war laut, seine Stimme sicher, sein Auftreten so selbstverständlich, als müsste sich der ganze Betrieb nach seiner Laune richten. Claudia ist ihm beinahe entgegengeeilt. Man hat ihr angesehen, wie sehr sie sich freute, endlich jemanden zu haben, bei dem sie sich über die „neue Putzfrau“ beschweren konnte.

„Sie hat wegen dem Essen gefragt“, sagte sie spitz.

Lukas wandte sich zu mir um. Sein Blick war kühl und flüchtig, als hätte er mich bereits eingeordnet, ohne auch nur einen Gedanken an mich zu verschwenden.

„Hat man Ihnen die Bedingungen erklärt?“, fragte er.

„Man hat mir gesagt, das Essen sei nicht für mich“, erwiderte ich ruhig.

Er verzog den Mund zu einem kurzen Lächeln, das mehr Überheblichkeit als Freundlichkeit zeigte.

„Dann ist eh alles korrekt. Bei uns hat jeder seine Aufgabe. Wer arbeitet, bekommt seinen Lohn. Man sollte eine Anstellung nicht mit einem Besuch bei Verwandten verwechseln.“

Claudia lächelte zufrieden, wie jemand, der gerade die Bestätigung von oben erhalten hat und sich deshalb für unangreifbar hält. Doch ihre Sicherheit bekam bereits Risse. Denn während Lukas sprach, trat Lena zu mir — eine Kellnerin mit einem geraden, müden Blick. Sie sprach so leise, dass kaum jemand es hören konnte, und erzählte mir, was passiert war, nachdem sie sich einmal geweigert hatte, eine Liste für ein Essen zu unterschreiben, das sie nie bekommen hatte.

Danach hatte sie weniger Dienste bekommen. Ihr Einkommen war geschrumpft. Und ihre Ruhe war dahin.

Nach und nach fügte sich das Bild zusammen: In den Aufstellungen wurden regelmäßig mehr Portionen geführt, als tatsächlich gekocht worden waren. Den Mitarbeitenden wurde eingeredet, sie sollten lieber den Mund halten und keine Fragen stellen. Und wer trotzdem wissen wollte, warum etwas nicht stimmte, galt sofort als schwierig, undankbar oder ungehorsam.

Lena zog ein gefaltetes Blatt aus ihrer Schürze. Neben ihrem Namen stand eine Unterschrift, die nicht von ihr war.

In diesem Augenblick war für mich endgültig klar: Das Problem lag nicht nur bei einer überheblichen Administratorin. Es war auch keine einmalige Entgleisung in einer hektischen Schicht. Hier hatte sich ein System festgesetzt — leise, bequem und getragen von Leuten, die sich daran gewöhnt hatten, von oben herab zu reden.

Genau deshalb war ich selbst gekommen. Ich wollte nicht noch einen schön formulierten Bericht lesen, nicht noch eine beruhigende Zusammenfassung hören und keine glänzenden Zahlen sehen. Ich wollte wissen, wie es wirklich aussah, wenn niemand damit rechnete, dass ich hinschaue.

Ich nahm die Kopie der Liste und steckte sie in meine Tasche. Für eine offene Auseinandersetzung war es noch zu früh. Zuerst musste alles sauber geordnet werden. Danach würden jene Antworten geben müssen, die sich viel zu lange sicher gewesen waren, dass ihnen niemand widerspricht.

Manchmal reicht ein einziger Tag, um zu erkennen, was jahrelang hinter höflichen Floskeln versteckt worden ist. Und manchmal genügt ein nicht ganz zufälliges Häferl Tee, damit die Wahrheit endlich ans Licht kommt.

Hedis Stube