Ich habe deshalb für jeden einzelnen Kunden genaue Unterlagen zusammengestellt – am Ende waren es dreiundzwanzig Seiten. Darin stand jeder Kontakt, jede Eigenheit, jede kleine Falle. Wer lieber angerufen werden wollte und wer ausschließlich E-Mails akzeptierte. Wer Pünktlichkeit als heilig betrachtete und wer selbst grundsätzlich eine halbe Stunde zu spät kam, ohne auch nur ein Wort der Entschuldigung zu verlieren.
Lukas hat meine Kündigung danach mit keinem Wort mehr erwähnt. Er hat sich aufgeführt, als wäre gar nichts passiert. In den kurzen Morgenbesprechungen hat er alle angesprochen – nur mich nicht. Als wäre mein Platz schon leer.
Die Kolleginnen und Kollegen haben verstohlen zu mir hinübergeschaut, aber niemand hat etwas gesagt. Nur das junge Mädel aus der Buchhaltung – genau die, die mir versehentlich diese Gehaltsliste geschickt hatte – ist mir einmal am Gang entgegengekommen und hat leise gemeint:
„Du machst das Richtige, Anna.“
An meinem letzten Tag bin ich um acht im Büro gewesen. Es hat nach Automatenkaffee gerochen und nach dem Staub im Teppichboden. Die Morgensonne ist schräg über den Boden gefallen, und in diesem hellen Streifen sind winzige Staubkörnchen getanzt.
Ich habe meinen Schreibtisch abgewischt. Meine privaten Sachen habe ich in ein Sackerl geräumt: Häferl, Notizbuch, Kugelschreiber, das Foto von meinem Sohn.
Und den Kaktus.
Klein war er, in einem Tontopf mit einem Sprung an der Seite. Acht Jahre lang hatte er dort gestanden. Drei Umzüge hatte er überlebt, zwei Renovierungen und einmal einen Wasserschaden. Die Erde war noch leicht feucht und warm – ich hatte ihn am Abend davor extra gegossen.
Ich nahm den Topf mit beiden Händen. Von der Heizung war er angenehm warm. Raues Tonmaterial, rechts der feine Riss, den ich längst auswendig kannte.
Sophie saß an ihrem Platz. Wieder dieser Vanilleduft. Ihre Nägel klapperten über die Tastatur.
„Du gehst also wirklich?“, fragte sie, ohne aufzuschauen.
„Ja. Ich geh.“
„Na dann, viel Glück“, sagte sie und zuckte mit den Schultern. „Lukas hat gemeint, Ersatz findet er schnell.“
Ich habe nichts darauf erwidert. Ich nahm mein Sackerl, drückte den Blumentopf an mich und verließ das Büro. Die Tür fiel leise ins Schloss. Ohne Knall. Fast höflich.
Im Stiegenhaus roch es nach Frühling. Irgendwer hatte auf dem Absatz ein Fenster offen gelassen. Warme Aprilluft zog herein, von draußen war ganz entfernt das Hupen eines Autos zu hören. Ich ging hinunter ins Erdgeschoß und trat auf die Straße. Die Sonne traf mich direkt in die Augen, und für einen Moment musste ich blinzeln.
Acht Jahre – und damit war es vorbei.
Aber eben nicht ganz.
Der erste Anruf bei Lukas kam fünf Tage später.
Paul von der „Orion-Gruppe“ rief nicht mich an – ich hatte ihm meine neue Nummer nicht gegeben. Er wählte Lukas.
„Lukas, wo ist Anna? Unsere Vertragsverlängerung ist nächste Woche, und Ihre neue Betreuerin kann nicht einmal die einfachsten Fragen beantworten. Sie verwechselt Konditionen, kennt die Besonderheiten nicht. Wir haben mit Anna gearbeitet. Persönlich. Sieben Jahre lang.“
Der zweite Anruf folgte zwei Tage danach. „Vektor“. Der Einkaufsleiter, sonst ein sehr ruhiger Mensch, sprach diesmal kühl und knapp:
„Wir haben sieben Jahre lang alles über Anna abgewickelt. Ihr neues Mädel kennt unsere Bedingungen nicht und erinnert sich an keine einzige Absprache. Wir werden den Vertrag neu bewerten.“
„Neu bewerten“ bedeutete in der Geschäftssprache nichts anderes als: kündigen.
Der dritte Anruf kam von der „Bau-Allianz“. Genau von jenem Kunden, bei dem Lukas diese „peinlichen“ sieben Prozent Wachstum so lächerlich gefunden hatte.
„Wir haben mit Anna sieben Jahre zusammengearbeitet. Sie hat unser Geschäft besser verstanden als manche von unseren eigenen Leuten. Ohne sie ergibt eine Fortsetzung für uns keinen Sinn.“
Drei Anrufe innerhalb von zehn Tagen. Drei der größten Verträge. 140.000 Euro Umsatz. Genau jene 140.000 Euro, wegen derer ich vier Jahre lang mit 680 Euro Gehalt dagestanden war.
Ich hatte niemanden abgeworben. Ich hatte keine Kunden angerufen. Ich hatte nichts angedeutet, um nichts gebeten, keine Spielchen gespielt. Ich bin einfach gegangen.
Und sie haben mich von selbst gefunden.
Paul hat mich eine Woche später direkt angerufen. Meine Nummer hatte er über gemeinsame Bekannte bekommen.
„Anna, wo sind Sie jetzt? Wir möchten weiter mit Ihnen arbeiten.“
„Bei Renova-Trade. Ich leite dort den Kundenbereich.“
„Ausgezeichnet. Schicken Sie uns bitte den neuen Vertrag.“
So ist es dann weitergegangen. Einer nach dem anderen. „Vektor“ wechselte innerhalb von zwei Tagen. Die „Bau-Allianz“ nach einer Woche. 140.000 Euro Umsatz. Acht Jahre Vertrauen.
Das war keine Stelle. Keine Firma. Kein Logo, kein Markenname. Das war ich. Meine Stimme am Telefon. Meine Antworten auf E-Mails um zehn Uhr am Abend. Mein Gedächtnis für Pauls Hochzeitstag und dafür, dass der Einkaufsleiter von „Vektor“ allergisch auf Blumen reagierte und man ihm deshalb bei Verhandlungen besser keine mitbrachte.
So etwas ersetzt man nicht einfach durch eine neue Managerin mit Vanilleparfum.
Lukas rief mich drei Wochen nach meinem Abschied an. Es war Abend. Ich stand gerade am Fenster meines neuen Büros – groß, hell, mit einem breiten Fensterbrett. Auf dem Display meines Handys erschien sein Name.
Ich sah eine Weile darauf.
Mein Finger schwebte über der Taste.
Ich hob nicht ab.
Er versuchte es noch einmal. Und noch einmal. Drei Anrufe hintereinander. Danach kam eine Nachricht: „Anna, wir müssen reden. Ruf mich zurück.“
Ich rief nicht zurück.
Am nächsten Tag schrieb mir die ehemalige Kollegin aus der Buchhaltung: „Lukas ist außer sich. Sophie schafft es nicht. Zwei Praktikanten haben gekündigt. Die Geschäftsführung hat ihn zum Rapport bestellt. Die ganze Abteilung zerbröselt.“
Ich las die Nachricht. Dann sperrte ich das Handy und legte es mit dem Display nach unten auf den Tisch.
Auf dem breiten Fensterbrett meines neuen Büros stand der Kaktus. Derselbe kleine Kaktus im Tontopf mit dem Sprung. Acht Jahre lang hatte er auf dem schmalen Rand meines alten Schreibtisches ausgeharrt, eingezwängt zwischen Bildschirm und Aktenstapeln. Kaum Licht, kaum Platz, kaum Luft. Er stand dort und schwieg.
Genau wie ich.
Hier aber bekam er Sonne vom Morgen bis zu Mittag. Er hatte Raum auf dem Fensterbrett, warme Luft vom großen Fenster und frische Erde, die ich am Wochenende nachgefüllt hatte.
Und dann blühte er.
Zum ersten Mal in acht Jahren.
Oben auf seiner Spitze saß eine kleine rosa Knospe – ein bisschen lächerlich, viel zu hell, aber unglaublich trotzig.
Ich berührte das Blütenblatt vorsichtig mit der Fingerspitze.
Es war warm.
Manchen muss man nur Platz geben. Und Licht. Und endlich aufhören, sie kleinzuhalten.
Und bei euch in der Arbeit – werdet ihr wirklich geschätzt, oder heißt es auch nur: „Sei froh, dass du überhaupt hier bist“?
