Er wollte noch irgendetwas dagegenhalten, doch Anna beendete das Gespräch.
Zum zweiten Mal meldete er sich etwa einen Monat später. Diesmal versuchte er es nicht mit Empörung, sondern mit Mitleid. Er erinnerte sie an die Kindheit, an den Vater, an die gemeinsamen Fahrten nach Hüttau zu den Großeltern. Daran, wie sie im Bach Fische beobachtet und Beeren gesammelt hatten, wie die Sommer dort endlos gewirkt hatten.
„Du weißt doch noch“, sagte er beinahe flehend. „Das sind unsere Erinnerungen. Die ganzen Ferien dort. Dieses Haus gehört doch irgendwie zu uns.“
Anna hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Erst als er schwieg, antwortete sie ruhig:
„Wenn es so sehr zu dir gehört, Lukas, dann kauf es mir ab. Ich warte auf dein Angebot.“
Diesmal legte er auf.
Maria versuchte danach noch, ein weiteres Treffen einzufädeln. Sie rief mehrmals an, bat Anna vorbeizukommen, damit man „in Ruhe und wie erwachsene Leute“ über alles reden könne. Anna blieb höflich, aber bestimmt. Es gab nichts mehr zu besprechen. Die Entscheidung war gefallen.
Nach zwei Monaten fand sich ein Käufer. Paul, ein Mann mittleren Alters, arbeitete in einer mittleren Position in einer Landeshauptstadt und suchte ein Grundstück für ein Wochenendhaus. Er wollte für seine Familie ein kleines Sommerhäuschen errichten. Das alte Gebäude interessierte ihn überhaupt nicht; er plante, es abzureißen und auf dem bestehenden Fundament etwas Neues in Holzriegelbauweise hinzustellen. Das Grundstück passte ihm. Die Lage ebenfalls: nicht allzu weit von der Stadt entfernt, die Zufahrt in Ordnung.
„4.200 Euro, mehr ist es mir nicht wert. Das ist mein letztes Angebot“, sagte er nach der zweiten Besichtigung.
„Einverstanden“, antwortete Anna und nickte.
Die Abwicklung ging rasch über die Bühne. Kaufvertrag, notarielle Beglaubigung, Antrag auf Eintragung im Grundbuch, Überweisung über ein Treuhandkonto. Alles sauber, alles rechtlich korrekt. Als Anna das Geld erhalten hatte, legte sie es noch am selben Tag auf ein Spar- beziehungsweise Festgeldkonto. Die Zinsen waren nicht berauschend, aber immerhin war es ein kleiner zusätzlicher Polster.
Danach begann sie, nach einer kleinen Garçonnière in der Stadt Ausschau zu halten. Die Miete fraß Monat für Monat fast ein Drittel ihres Gehalts auf, und sie war es leid, ständig für fremde Wände zu zahlen. Sie wollte etwas Eigenes. Klein durfte es sein, am Stadtrand meinetwegen auch, aber es sollte ihr gehören.
An dem Tag, an dem der Kauf endgültig im Grundbuch eingetragen war und Paul den Grundbuchsauszug in Händen hatte, fuhr Anna zu ihrer Mutter. Sie läutete. Maria öffnete mit einem vorsichtigen, fast erschrockenen Ausdruck im Gesicht.
„Darf ich hereinkommen?“, fragte Anna ruhig.
„Natürlich. Komm rein“, sagte Maria und machte einen Schritt zur Seite.
Sie gingen in die Küche. Es war dieselbe Küche wie immer: derselbe Tisch, dieselben Sessel, dieselbe enge Vertrautheit, die plötzlich fremd wirkte. Nur die Schlüssel lagen nicht mehr auf der Tischplatte. Maria hatte sie offenbar weggeräumt. Wortlos stellte sie den Wasserkocher an und holte zwei Tassen aus dem Kasten. Ihre Hände zitterten leicht.
„Das Haus ist verkauft“, sagte Anna, während sie sich setzte.
Maria nickte, ohne aufzuschauen.
„Lukas hat es mir erzählt. Er … er nimmt sich das sehr zu Herzen.“
„Ich weiß. Er hat angerufen.“
„Annerl“, begann Maria und hob endlich den Blick. In ihren Augen standen Tränen. „Ich hab nicht gewollt, dass es so kommt. Wirklich nicht. Ich hab geglaubt, du freust dich darüber. Dass es dir gefallen würde.“
Anna legte beide Hände um die heiße Teetasse.
„Mama, ich möchte nicht, dass du glaubst, ich hätte mich rächen wollen. Oder dass ich jemanden bestrafen wollte. Darum ist es nie gegangen. Es war keine Rache. Es war einfach Hausverstand.“
„Aber warum dann? Warum hast du das getan?“
Anna schwieg einen Moment, weil sie die Worte nicht hart klingen lassen wollte und doch nichts beschönigen konnte.
„Weil ich nicht länger so tun wollte, als wäre alles in Ordnung. Es war nicht in Ordnung, Mama. Lukas hat etwas bekommen, das Geld einbringt. Echtes Geld. 300 Euro im Monat. Aufs Jahr gerechnet mehr als 3.000 Euro. Und ich habe etwas bekommen, das nur gekostet hat. 200 Euro im Jahr sind einfach verschwunden. Und alle haben so getan, als wäre das gerecht. Als wäre das eine faire Lösung.“
Maria wischte sich über die Augen.
„Ich dachte, du bist einverstanden“, sagte sie leise. „Du hast damals ja nichts dagegen gesagt.“
„Ich habe zugestimmt, weil ich keinen Streit wollte. Weil ich geglaubt habe, ihr meint es gut mit mir. Aber gut meinen heißt nicht, jemandem eine Last umzuhängen und sie Erbe zu nennen. Gut meinen heißt, gerecht zu sein.“
Maria senkte den Kopf. Einige Sekunden lang sagte sie nichts. Dann atmete sie schwer aus.
„Vielleicht hab ich mich wirklich geirrt. Ich wollte nur, dass alle irgendwie versorgt sind … Lukas helfen, weil er in der Stadt war, Miete gezahlt hat, dauernd Ausgaben hatte. Und du … bei dir hab ich gedacht, du schaffst das schon. Du hast ja immer alles geschafft.“
„Lukas hast du geholfen“, sagte Anna. Ohne Vorwurf, nur als Feststellung. „Mir nicht.“
Maria nickte. Mit einer Serviette tupfte sie sich den Augenwinkel trocken. Sie weinte nicht richtig; sie entfernte nur diese verräterische Feuchtigkeit, die ihr trotzdem gekommen war.
Anna trank ihren Tee aus, spülte die Tasse im Becken ab und stand auf.
„Ich fahre wieder, Mama. Ich wollte nur, dass du es von mir hörst. Ich bin nicht gekränkt. Ich bin nicht wütend. Ich habe nur das getan, was ich schon vor einem Jahr hätte tun sollen. Vielleicht sogar vor eineinhalb.“
„Bleibst du noch ein bissl?“, fragte Maria schwach.
„Nein. Ich muss morgen früh raus. Unterricht.“
Als Anna die Wohnung verließ, drehte sie sich an der Schwelle noch einmal um. Ihre Mutter stand in der Küchentür und sah ihr nach: verloren, müde, in den letzten Monaten sichtbar gealtert. In ihrem Blick lagen Schuldgefühl und das späte Begreifen eines Fehlers. Eine Entschuldigung kam trotzdem nicht. Anna hatte auch keine erwartet. Manche Dinge sitzen zu tief, als dass ein paar Worte sie einfach wieder zurechtrücken könnten.
Lukas rief danach nie wieder an. Anna meldete sich ebenfalls nicht bei ihm. Eine Zeit lang wartete sie noch darauf, dass er doch wieder auftauchen würde, dass er vielleicht noch einmal reden wollte, vielleicht sogar einsehen würde, was passiert war. Doch das Telefon blieb still.
Drei Monate später fand Anna ein passendes Objekt: eine Garçonnière in einem neuen Wohnhaus am Stadtrand. Achtundzwanzig Quadratmeter, frisch hergerichtet, ein höheres Stockwerk mit Blick auf einen Park. Der Preis war für sie machbar: 15.000 Euro. Die 4.200 Euro aus dem Verkauf verwendete sie als Eigenmittel, den Rest finanzierte sie über einen Kredit mit zehn Jahren Laufzeit. Die monatliche Rate betrug 120 Euro. Weniger, als sie zuvor an Miete gezahlt hatte. Und diesmal war es ihre Wohnung. Ihr Eigentum.
Eingezogen ist sie allein. Viel Einrichtung hatte sie nicht: ein Sofa, ein Tisch, ein Kasten. Alles neu angeschafft, zwar auf Kredit, aber überschaubar und kontrollierbar. Als sie mitten in dem noch fast leeren, hellen Raum stand, spürte Anna plötzlich, wie die letzte Schwere von ihren Schultern rutschte. Hier gab es keine alten Erinnerungen. Keinen Geruch nach Feuchtigkeit und morschem Holz. Kein schlechtes Gewissen gegenüber der Vergangenheit und keine Verpflichtung gegenüber Menschen, die nicht mehr lebten. Nur einen weißen Anfang. Und die Möglichkeit, noch einmal von vorne zu beginnen.
Die Schlüssel zum alten Haus hatte sie nie wieder vom Tisch ihrer Mutter geholt. Paul bekam sie am Tag der Vertragsabwicklung zusammen mit den Unterlagen. Er war zufrieden. Den Plan für das neue Haus hatte er bereits in Auftrag gegeben, für den Abriss des alten Gebäudes war eine Firma engagiert. Innerhalb eines Jahres sollte auf dem Grundstück ein ordentliches kleines Holzriegelhaus mit Veranda und Grillplatz stehen.
Die alten Schlüssel aber, jene, die Anna an jenem Abend auf den Tisch gelegt hatte, blieben irgendwo in einer Lade bei Maria zurück. Als stummes Zeichen dafür, dass Befreiung manchmal mit einer ganz einfachen Bewegung beginnt: die Last auf den Tisch legen und einen Schritt zurücktreten. Sie nicht weitertragen. Sich nicht rechtfertigen. Nichts mehr erklären. Einfach loslassen.
Anna fühlte sich der Vergangenheit nicht länger verpflichtet. Sie lebte weiter — nur jetzt als jemand, der endlich aufgehört hatte, fremde Lasten zu schleppen, und gelernt hatte, Gerechtigkeit von bloßer Bequemlichkeit für andere zu unterscheiden. Genau das war ihre Freiheit.
