„Mach auf, hab ich gesagt! Sonst ruf ich die Feuerwehr, dann schneiden sie dir die Schlösser herunter, verdammt noch einmal!“ rief Lena und hämmerte mit der Faust gegen die Tür

Diese feige Heimtücke ist abscheulich und unerträglich.
Geschichten

Sie legte einen Bescheid auf den Tisch. „Die befristete Meldung ist rückwirkend aufgehoben worden, weil nachweislich gefälschte Unterlagen vorgelegt worden sind. Das Gutachten bestätigt, dass die Unterschrift der Eigentümerin nachgemacht wurde.“

Lukas ist kreidebleich geworden.

„Und das ist noch nicht alles“, sagte die Mitarbeiterin der Behörde, während sie eine Mappe aufklappte. „Herr Petrov, gegen Sie läuft ein Strafverfahren wegen Betrugs im Zusammenhang mit Sozialleistungen. Sie haben einen gefälschten Vertrag eingereicht, um staatliche Beihilfen zu beziehen.“

„Lena!“, kreischte Anna plötzlich, presste beide Hände auf ihren Bauch und sackte theatralisch zu Boden. „Lena, bitte! Lukas kommt ins Gefängnis! Wir sind doch Familie, wie kannst du nur? Ich krieg ein Kind!“

Ich habe auf ihre aufgesetzten Tränen hinuntergeschaut.

„Ihr habt das Haus meiner Großmutter hinter meinem Rücken verkauft, als ich achtzehn war“, sagte ich ruhig und sah ihr direkt in die Augen. „Jetzt habt ihr versucht, mir auch noch meine Wohnung wegzunehmen. Packt eure Koffer und verschwindet aus meinem Zuhause.“

Damit Lukas einer tatsächlichen Haftstrafe wegen Sozialleistungsbetrugs entgehen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als alles zuzugeben und mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren. Das Gericht hat ihm eine empfindliche Geldstrafe aufgebrummt und ihn verpflichtet, sämtliche zu Unrecht erhaltenen Beträge an den Staat zurückzuzahlen. Eigene Rücklagen hatte er keine. Um die Schulden zu begleichen und den Anwalt zahlen zu können, hat Lukas seinen Anteil an der elterlichen Wohnung weit unter Wert verkauft.

Heute hausen er, Anna und ihr neugeborener Bub in der winzigen Eckwohnung seiner Mutter, einem alten Wohnblock ganz draußen am Stadtrand. Geld fehlt ihnen ständig. Lukas schleppt nun als einfacher Lagerarbeiter auf einem Baumarktgelände schwere Säcke und Kisten, und am Abend betäubt er sich mit billigem Schnaps. Anna streitet täglich mit ihrer Schwiegermutter – einmal wegen des dreckigen Geschirrs, dann wieder wegen der ungewaschenen Böden. Die Nachbarn rufen regelmäßig die Polizei, weil aus der Wohnung wüste Schreie dringen und in der Küche Kochtöpfe durch die Luft fliegen.

Ich weiß das, weil meine Mutter mich manchmal anruft und ins Telefon weint. Sie wirft mir Hartherzigkeit vor. Sie schreit, ich hätte meiner Schwester das Leben zerstört und meinen Neffen ohne eigenes Dach über dem Kopf gelassen.

Ich drücke wortlos auf Auflegen.

Durch die Fenster meiner Wohnung fällt weiches Licht herein und taucht die Wände in einen warmen Goldton. Auf dem flauschigen Teppich neben meinen Füßen liegt Labrador Rich ausgestreckt. Er schnauft träge, die feuchte Nase zwischen den Pfoten vergraben.

Ich habe meine Wohnung verteidigt. Ich habe niemandem etwas gestohlen, mich auf niemandes Kosten ausgeruht – aber meines gebe ich nicht her. Mein Gewissen ist rein.

Hedis Stube