„Ach geh, du bist doch die Hausfrau! Das machst du schon schnell“, sagte die Schwiegermutter selbstgefällig – Anna setzte sie und Lukas an ihrem runden Geburtstag vor die Tür

Diese Familie ist kalt, verletzend und zutiefst unfair.
Geschichten

Anna schob sich an ihm vorbei und warf ihre Tasche aufs Sofa. Für Zorn hatte sie keine Kraft mehr; in ihr blieb nur ein dumpfes, gleichmäßiges Dröhnen zurück. Alles drehte sich im Kreis: dieselben Gespräche, dieselben Vorwürfe, dieses ewige „Du verstehst das doch“. Ja, eines verstand sie inzwischen sehr genau: Ihre eigenen vier Wände fühlten sich schon lange nicht mehr wie ein Zuhause an.

Am nächsten Morgen hatte Anna gerade erst den Kaffee aufgebrüht, da flog die Wohnungstür auf. Ohne Läuten.

Auf der Schwelle stand Maria, herausgeputzt wie für eine Schlacht, mit einem Sackerl in der Hand und diesem selbstsicheren Gesichtsausdruck, den nur Menschen haben, die bereits beschlossen haben, dass ihnen niemand widersprechen wird.

„Anna, ich hab ein Hendl gekauft! Wir machen’s bei dir im Rohr, deines ist besser.“

Anna hob ihr Häferl und sah sie ruhig an.

„Ginge das nicht bei euch daheim?“

„Bei uns ist es zu eng. Hier haben alle Platz. Lukas, sag ihr das!“

Lukas stand bereits in der Küchentür, die Krawatte schief, das Gesicht müde und zerknittert.

„Anna, Mama hat doch gesagt …“

„Lukas“, sagte Anna und schaute ihn so an, dass sogar die Katze klugerweise unter dem Bett verschwand, „es kommen keine Gäste. Das haben wir schon geklärt.“

Maria seufzte, als hätte man ihr soeben das Leben ruiniert.

„Immer dasselbe. Ich denke an die Familie, und du denkst nur an dich.“

„Wenigstens denkt überhaupt jemand an mich“, erwiderte Anna leise und nahm einen Schluck Kaffee.

Bis zum Abend wünschte sie sich nur noch eines: Ruhe. Doch unten im Stiegenhaus warteten drei fein angezogene Damen mit Blumensträußen und einer Torte.

„Wir sind zu Maria gekommen! Sie feiert!“, rief eine von ihnen fröhlich.

Anna ging hinauf. Als sie ihre Wohnungstür öffnete, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Drinnen summte und lärmte es. Gelächter, der Geruch von Sekt, Schüsseln mit Salaten, Maria in einem neuen Kleid, Lukas, der Gläser füllte.

„Seid ihr komplett wahnsinnig geworden?!“, fuhr Anna sie an.

Maria verzog keine Miene.

„Du kommst ja ohnehin immer spät heim. Da haben wir gedacht, wir können uns gleich hier zusammensetzen.“

Anna zog langsam ihren Mantel aus, stellte die Tasche ab und richtete sich auf.

„Gut. Dann gehen jetzt alle. Die Feier ist vorbei.“

„Was soll das werden?“, zischte Lukas.

„Ich bring den Mist hinaus“, sagte Anna und schleuderte ihm sein Sakko entgegen. „Und ich fang mit dir an.“

Maria wurde kreidebleich.

„Anna, das ist eine Unverschämtheit!“

„Nein“, sagte Anna. „Das ist Ordnung. Jeder hat sein eigenes Zuhause. Ihres ist nicht hier.“

Die Gäste erstarrten, wechselten verlegene Blicke und begannen dann hastig, ihre Sachen zusammenzuraffen. Keine fünf Minuten später fiel die Tür hinter der Letzten ins Schloss.

Lukas blieb im Vorzimmer stehen, blass und völlig verstört.

„Du bist verrückt geworden“, flüsterte er.

„Nein, Lukas. Ich hab mir nur meine Wohnung zurückgeholt.“

Anna holte seinen Koffer hervor und stellte ihn ihm direkt vor die Füße.

„Pack ein. Noch heute.“

Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlte sich die Luft in der Wohnung wieder leicht an.

Lukas stand mitten im Zimmer und sah sich um, als hoffte er, gleich aufzuwachen und alles als schlechten Traum abtun zu können. Doch der Koffer lag offen auf dem Boden, und nach und nach wanderten seine Sachen hinein: Hemden, Pullover, Kleinkram, all diese Dinge, die jahrelang im Kasten gelegen und unmerklich den Geruch eines alten Lebens angenommen hatten. Anna packte ruhig. Ohne Schreien, ohne Vorwürfe, mit derselben nüchternen Miene, mit der man einen abgelaufenen Joghurt wegwirft: unangenehm, aber notwendig.

Eine Stunde später war alles vorbei. Der Koffer war mit seinem Besitzer verschwunden, die Tür war geschlossen, und in der Wohnung breitete sich eine schwere, wirkliche Stille aus.

Hedis Stube