In ihr hat alles gekocht. Weshalb sollte ausgerechnet sie sich rechtfertigen müssen, nur weil sie ihr Zuhause und ihren Frieden verteidigte?
Am Freitag ist Lukas wieder vor der Tür gestanden. Ohne Blumen, ohne Lächeln — er ist einfach gekommen, als hätte ihn jemand vorgeladen.
„Ich habe alles verstanden“, sagte er. „Ich bin bereit, mich auf einen Kompromiss einzulassen.“
„Du meinst, du kommst nur noch an Feiertagen vorbei — und ohne deine Mutter?“
„Na ja … Mama könnte schon kommen, aber eben nach Absprache.“
Anna schnaubte leise.
„Abmachungen mit euch sind wie Diäten im Dezember. Alle reden davon, aber keiner hält sich dran.“
Er machte einen Schritt auf sie zu.
„Ich bin immerhin dein Mann.“
„Du warst es.“
„Warte einmal, geschieden sind wir noch nicht.“
„Das lässt sich ändern.“
Lukas presste die Lippen zusammen.
„Willst du wirklich die ganze Familie zerstören, nur weil Mama ein paar Mal ohne Läuten hereingekommen ist?“
„Lukas, ‚ein paar Mal‘ ist, wenn jemand aus Versehen deine Kekse aufisst. Wenn aber jemand jahrelang in deiner Wohnung ein und aus geht, über deine Küche bestimmt und deine Wochenenden verplant, dann ist das kein Missgeschick mehr. Das ist eine Besetzung.“
Nachdem er gegangen war, ist Anna lange in der Stille sitzen geblieben. Die Angst war noch da — aber nicht vor der Zukunft. Sondern vor der Erkenntnis, wie viele Jahre sie damit verbracht hatte, niemanden kränken zu wollen. Und in diesem ewigen „Bloß niemandem wehtun“ hatte sie sich selbst verloren.
Am nächsten Morgen wusste sie es endgültig: Es reicht. Schluss.
Im Verhandlungssaal roch es nach Papier, altem Linoleum und ein bisserl nach Müdigkeit. Die Richterin — eine kluge Frau mit erschöpften Augen — stellte die erste Frage:
„Frau Anna, halten Sie an der Scheidung und an Ihrem Antrag zur Vermögensaufteilung fest?“
„Ja. Die Wohnung habe ich vor der Ehe gekauft. Sämtliche Unterlagen liegen bei mir.“
Maria wurde sofort lebendig.
„Aber mein Sohn hat dort gewohnt!“
„Er hat dort gewohnt“, nickte Anna ruhig. „Aber wohnen und besitzen sind zwei verschiedene Verben.“
Auch Lukas konnte nicht an sich halten.
„Wir waren doch eine Familie. Du hast versprochen …“
„Ich habe versprochen, dich zu achten, Lukas. Nicht deine Mutter. Verwechsel das bitte nicht.“
Die Richterin klopfte mit dem Kugelschreiber auf den Tisch.
„Ich ersuche, sachlich zu bleiben.“
Doch Maria nützte die kleine Pause sofort aus und setzte wieder an:
„Wenn man es menschlich betrachtet, Anna, du weißt doch selbst, die Wohnung kommt von deinem Vater. Verkauf sie, hilf uns, das Haus fertigzustellen …“
Anna sah sie an — ruhig, müde, aber fest.
„Menschlich betrachtet gehört es sich nicht, das Erbe eines anderen als das eigene zu behandeln.“
Danach wurde es im Saal so still, dass man hören konnte, wie jemand in den Akten umblätterte.
Die Entscheidung ist rasch gefallen: Scheidung, keine Vermögensaufteilung. Die Wohnung bleibt bei Anna. Punkt.
Draußen am Gang sind sie einander noch einmal begegnet. Lukas starrte auf den Boden.
„Also wirklich so?“
„Ja, Lukas. Genau so.“ Anna zog die Schlüssel aus ihrer Tasche. „Die brauchst du nicht mehr.“
Maria konnte sich natürlich nicht zurückhalten.
„Anna, das wirst du noch bereuen!“
Anna lächelte schwach.
„Kann sein. Aber sicher nicht in meiner eigenen Wohnung.“
Am Abend schenkte sie sich wieder ein Glas Wein ein. Die Katze lag zufrieden neben ihr, so wie immer, wenn in der Wohnung endlich Ordnung herrschte.
„Na, schau“, sagte Anna zu ihr, „anscheinend leben wir ab jetzt ohne ungebetene Gäste.“
Und in diesem Satz klang plötzlich keine Einsamkeit mit. Sondern der Anfang von etwas Echtem. Von etwas Neuem. Ruhigem. Ihrem eigenen.
