„Wässrig“, sagte Barbara und schob den Teller von sich weg — Anna stand fassungslos am Herd

Diese ständige Kritik ist verletzend und schamlos.
Geschichten

Ich habe mich auf ein kleines Stockerl gesetzt. Meine Hände haben wie von selbst die Schürze gesucht; ich begann, sie zusammenzulegen, glattzustreichen und wieder neu zu falten.

„Ist sie immer so?“, fragte Sophie leise.

„Seit acht Jahren“, antwortete ich. „Jeden Samstag.“

Sophie schüttelte nur den Kopf. Mehr sagte sie nicht. Aber manchmal wiegt das Schweigen einer Freundin schwerer als ein ganzer Vortrag.

Am Abend rief Lukas seine Mutter an. Zwanzig Minuten lang redete er mit ihr. Danach kam er in die Küche zurück und erklärte:

„Sie ist beleidigt. Du hast sie vor einem fremden Menschen bloßgestellt.“

Vor einem fremden Menschen. Sophie. Meine Freundin. Seit fünfzehn Jahren. Aber dass Barbara mich vor ihr gedemütigt hatte, das war offenbar in Ordnung.

Ich schlug mein Notizheft auf. Samstag, der zwölfte Oktober. Lebensmittel: achtunddreißig Euro. Arbeitszeit: sechs Stunden, inklusive Teig. Ergebnis: „Schuhsohle“ vor meiner Freundin.

Lukas ging schlafen. Ich blieb in der Küche sitzen und rechnete. Vier Samstage im Monat. Acht Jahre. Dreihundertvierundachtzig Samstage. Pro Samstag vierzig bis fünfzig Euro. Am Ende kam eine Summe von über fünfzehntausend Euro heraus. Ich rechnete noch einmal nach. Dann ein drittes Mal.

Am darauffolgenden Samstag stand Barbara wieder vor der Tür, als wäre nichts gewesen. In ihrer Tasche hatte sie dieselbe Pfeffermühle wie immer.

Am dritten Samstag im November bin ich um sechs Uhr wach geworden. Draußen war alles grau, nass und schwer, und am liebsten wäre ich einfach im Bett geblieben. Aber ich bin aufgestanden, weil Lukas am Abend zuvor gesagt hatte: „Mama kommt nicht allein. Claudia und Leonie sind auch dabei.“

Claudia war seine Schwester. Leonie, seine Nichte, war neunzehn. Ich hatte die beiden in meinem Leben vielleicht drei Mal gesehen. Zuletzt vor vier Jahren bei Barbaras Jubiläum. Damals hatte Claudia meinen Salat gekostet und gemeint: „Na ja, für daheim geht’s schon.“

Ich bin auf den Markt gegangen. Rindfleisch, Schweinefleisch für die Laibchen, Gemüse für den Salat, Sauerrahm, frische Kräuter. Danach noch ins Geschäft: Brot, Butter, Käse zum Aufschneiden. Dann heim, direkt an den Herd.

Es gab Suppe mit frischem Kraut. Dazu hausgemachte Fleischlaibchen. Das Faschierte habe ich zweimal durchgedreht, dann eingeweichtes Brot und fein geriebene Zwiebel dazugegeben. Gebraten habe ich sie in der schweren Gusseisenpfanne, die mir meine Mutter einmal geschenkt hatte. Jedes Laibchen fünf Minuten auf der einen Seite, fünf auf der anderen. Vierundzwanzig Stück. Zwei Stunden lang bin ich an der Pfanne gestanden.

Für den Salat habe ich Gurken, Paradeiser, Radieschen, Kräuter und Öl genommen. Nichts Aufwendiges, aber alles frisch vom Markt.

Um zwölf war der Tisch gedeckt. Fünf Teller, fünf Bestecke, Servietten. Das Brot war aufgeschnitten, die Butter stand in der Butterdose. Ich nahm die Schürze ab, wusch mir das Gesicht und zog eine saubere Weste an.

Um Viertel nach zwölf kamen sie. Barbara, Claudia und Leonie. Lukas öffnete die Wohnungstür, küsste seine Mutter und umarmte seine Schwester. Ich stand im Vorzimmer und wartete.

„Ah“, sagte Claudia, hängte ihre Jacke auf und zog die Luft durch die Nase ein. „Es riecht nach Fleischlaibchen. Mama, du hast doch gesagt, sie kann nicht kochen?“

Barbara schwieg. Sie presste nur die Lippen zusammen, genau mit jener Bewegung, die ich schon mehr als dreihundert Mal gesehen hatte.

Wir setzten uns zu Tisch. Ich schöpfte Suppe aus, stellte die Laibchen hin und schob den Salat in die Mitte.

Barbara kostete die Suppe. Dann legte sie den Löffel ab.

„Das Kraut ist zäh.“

Das Kraut war lang genug gekocht. Ich hatte es geprüft.

Claudia schnitt ein Laibchen an, kaute, legte die Gabel zur Seite.

„Ein bissl trocken. Hast du überhaupt Brot ins Faschierte gegeben?“

Ja. Hatte ich. In Milch eingeweicht. Wie jedes Mal.

Leonie stocherte im Salat herum.

„Warum ist da kein Käse drinnen? Mit Käse schmeckt Salat viel besser.“

Es war ein Gemüsesalat. Mit Öl. Ohne Käse. Weil es eben ein Gemüsesalat war.

Lukas aß schweigend weiter. Den Kopf gesenkt, der Löffel wanderte vom Teller zum Mund und wieder zurück. Er mischte sich nicht ein. Er mischte sich nie ein.

Barbara sah Claudia an. Claudia sah Barbara an. Dann sagte meine Schwiegermutter laut, so laut, dass es in der ganzen Küche zu hören war:

„Siehst du, Claudia. Ich hab’s dir ja erzählt. Vierundzwanzig Jahre verheiratet, und sie bringt noch immer nichts Ordentliches zusammen. Keine Suppe, keine Laibchen. In ihrem Alter hab ich für dreißig Leute aufgetischt, und alle haben Nachschlag verlangt.“

Claudia nickte.

„Mama hat recht. Du kannst nicht kochen. Nimm’s nicht persönlich, aber das ist einfach eine Tatsache.“

Eine Tatsache. Vierundzwanzig Fleischlaibchen. Zwei Stunden an der Pfanne. Vierundfünfzig Euro für Lebensmittel, ich wusste den Betrag vom Kassabon noch genau. Dreihundertvierundachtzig Samstage. Und jetzt also: „eine Tatsache“.

In diesem Augenblick spürte ich, wie in mir etwas ganz still und endgültig wurde.

Hedis Stube