„Wässrig“, sagte Barbara und schob den Teller von sich weg — Anna stand fassungslos am Herd

Diese ständige Kritik ist verletzend und schamlos.
Geschichten

Meine Finger hatten sich um die Tischkante gekrallt. So fest, dass die Knöchel weiß hervorgetreten sind. Mein Herz hat nicht zu rasen begonnen. Nein. Es war, als hätte es für einen Atemzug ausgesetzt, und danach hat es ruhig weitergeschlagen. Langsam. Gleichmäßig.

Ich bin aufgestanden.

Ohne ein Wort bin ich zum Herd gegangen, habe den Topf mit der Suppe genommen, mit beiden Händen und einem Geschirrtuch dazwischen, und ihn neben der Küchentür auf den Boden gestellt.

Dann bin ich wieder zum Tisch zurück. Die Pfanne mit den Fleischlaibchen. Die Schüssel mit dem Salat. Das Brotkörberl. Alles habe ich nacheinander weggenommen.

Lukas hob den Kopf.

„Was machst du da?“

Ich habe nicht geantwortet. Ich habe alles in den Vorraum getragen, ein großes Sackerl aufgehalten und Topf, Pfanne und Schüssel hineingestellt. Dann habe ich es zugebunden, meine Jacke angezogen und die Autoschlüssel genommen.

„Anna, wo willst du hin?“ Barbara ist halb vom Sessel hochgekommen.

An der Küchentür blieb ich stehen. Ich schaute sie an. Dann Claudia. Leonie. Lukas.

„Meine Suppe schmeckt euch nicht? Die Fleischlaibchen sind zu trocken? Der Salat ist ohne Käse ungenießbar?“ Meine Stimme war ganz ruhig. Kein Schreien, kein Zittern. „Dann gibt es heute eben kein Mittagessen.“

„Anna, jetzt hör auf“, sagte Lukas und stand auf. „Bist du komplett übergeschnappt? Das ist meine Mutter!“

„Deine Mutter isst seit acht Jahren mein Essen und behauptet seit acht Jahren, es sei nicht gut“, sagte ich und drückte das Sackerl an mich. „Dreihundertvierundachtzig Samstage. Fünfzehntausend Euro für Lebensmittel. Fünf Stunden jedes Wochenende. Und kein einziges Danke. Nicht ein einziges.“

Barbara stand da, den Mund offen. Claudia und Leonie warfen einander unsichere Blicke zu.

„Ihr habt aber immer alles aufgegessen“, sagte ich und sah meine Schwiegermutter direkt an. „Jedes Mal. Die Teller waren leer. Immer. Und danach hieß es: wässrig, Schuhsohle, sie kann nicht kochen. Gut. Dann kocht ihr ab jetzt selber.“

Ich verließ die Küche. Im Vorraum schlüpfte ich in die Schuhe, nahm das Sackerl und ging hinaus zum Auto. Das Essen stellte ich in den Kofferraum. Danach kam ich wieder in die Wohnung zurück.

„Ihr könnt gern in den Kühlschrank schauen“, sagte ich vom Gang aus. „Da ist nichts mehr. Ich habe alles für euer Mittagessen eingekauft.“

Claudia stand auf und riss die Kühlschranktür auf. Die Fächer waren leer. Die Butter hatte ich weggeräumt. Den Sauerrahm auch. Übrig geblieben waren nur ein Glas Senf und ein altes Glas Essiggurkerl.

„Das meinst du jetzt ernst?“ Claudia drehte sich zu mir um.

„Ja“, antwortete ich. „Ganz ernst. Fahrt nach Hause. Oder wartet bis zum Abend, dann kann Lukas etwas bestellen. Von seinem Geld.“

Barbara nahm schweigend ihre Tasche. Genauso schweigend zog sie den Mantel an. Claudia und Leonie folgten ihr, ohne noch etwas zu sagen. Lukas stand im Vorraum und schaute mich an, als hätte er mich noch nie zuvor gesehen.

„Begreifst du eigentlich, was du gerade getan hast?“, fragte er leise.

„Ja“, sagte ich. „Zum ersten Mal seit acht Jahren habe ich aufgehört zu schweigen.“

Sie fuhren weg. Die Tür fiel ins Schloss. Ich blieb in der leeren Küche stehen, in der es noch nach Fleischlaibchen und Suppe roch, aber auf dem Tisch standen nur mehr die leeren Teller. Plötzlich wurden meine Beine schwer. Ich setzte mich auf den Hocker.

Es war still. So still, dass ich draußen ein Auto vorbeifahren hörte. Ich presste die Hände vors Gesicht. Sie rochen nach Zwiebeln und Knoblauch. Diese Hände, die vor fünf Stunden noch Faschiertes geknetet hatten, lagen jetzt einfach in meinem Schoß.

Am Abend holte ich das Essen wieder aus dem Auto. Ich wärmte die Suppe auf und legte mir drei Fleischlaibchen auf einen Teller. Lukas saß im Zimmer und sagte kein Wort. Ich aß allein. Zum ersten Mal seit acht Jahren gehörte dieser Samstag mir.

Die Fleischlaibchen waren saftig. Die Suppe war genau richtig. Eigentlich hatte ich das immer gewusst. Aber an diesem Abend habe ich es mir zum ersten Mal auch geglaubt.

Ein Monat ist vergangen. Barbara ruft nicht an. Kein einziges Mal in vier Wochen. Lukas fährt samstags allein zu ihr, kommt spät heim und erzählt nichts. Claudia hat in den Familienchat nur ein Wort geschrieben: „Egoistin.“ Leonie hat ein Like daruntergesetzt.

Ich koche weiterhin am Samstag. Für mich. Und für meinen Mann, wenn er daheim ist. Ohne Hektik, ohne vierundzwanzig Fleischlaibchen, ohne fünfzig Euro für einen einzigen Einkauf am Markt. Gestern habe ich eine Schwammerlsuppe aus drei Zutaten gemacht. Lukas hat zwei Teller gegessen und gesagt: „Schmeckt gut.“ Zum ersten Mal seit langer Zeit, ohne dabei zu seiner Mutter hinüberzuschielen.

Das karierte Heft liegt in der Kommodenlade. Ich schreibe nichts mehr hinein.

Manchmal frage ich mich trotzdem, ob ich es anders hätte machen sollen. Mich hinsetzen. Reden. Es erklären. Nicht vor allen das Essen wegräumen. Nicht den leeren Kühlschrank herzeigen.

Dann denke ich wieder an dreihundertvierundachtzig Samstage. An fünfzehntausend Euro. Und an „Schuhsohle“, gesagt vor ihrer Freundin.

Bin ich damals zu weit gegangen? Oder sind acht Jahre lang genug, um endlich nicht mehr still zu sein?

Hedis Stube