„Ich sage es jetzt zum dritten Mal: Nein. Aus. Ende.“ — Anna legte das Messer weg und drehte sich zu ihrem Mann um

Diese Forderung ist herzlos und unerträglich.
Geschichten

Aber offenbar hat er den Mut nie gefunden. Darum glaubt sie bis heute, ich sei diese herzlose Karrierefrau, die ihrem kostbaren Sohn keine Enkel schenken will.

— Also wirklich … — Sophie brach ab und schüttelte fassungslos den Kopf. — Hör zu, wäre es nicht gescheiter, du redest selbst mit ihr? Einmal alles klar auf den Tisch legen?

Anna zuckte zusammen.

— Nein. Das würde Lukas mir nie verzeihen. Er ist stolz, weißt du. Für ihn wäre das … na ja, du verstehst schon. Ein Schlag mitten ins Ego.

— Und auf deinem Ego darf man herumtrampeln, oder wie? — Sophie wurde laut. — Seine Mutter darf über dich denken, was ihr gerade einfällt? Anna, du bist viel zu gutmütig. Ich hätte dieser Frau schon längst alles gesagt, und zwar so, dass sie es sich merkt.

— Lass es, — unterbrach Anna sie scharf. — Das ist eine Sache zwischen Lukas und mir. Ich werde mich sicher nicht auf ein Niveau hinunterziehen lassen, auf dem ich mit seiner Mutter abrechne.

Sophie presste die Lippen zusammen und wiegte den Kopf.

— Wie du meinst. Aber vergiss eines nicht: Stille Wasser sind oft die tiefsten. Nicht, dass deiner Schwiegermutter noch irgendeine Gemeinheit einfällt, nur damit sie euch auseinanderbringt.

Anna ist erst spät heimgekommen. In der Wohnung war alles finster, und es war so still, dass sie schon beim Aufsperren merkte, wie leer der Raum wirkte. Sie streifte die Schuhe ab, ging in die Küche und drehte das Licht auf. Auf dem Tisch lag ein Kuvert.

Lukas hatte geschriebene Nachrichten auf Papier immer noch lieber als eine schnelle Nachricht am Handy. Er behauptete, das wirke ernsthafter. „Kein besonders gutes Zeichen“, dachte Anna, während sie mit zitternden Fingern das Kuvert aufriss.

„Anna, ich bleibe eine Zeit lang bei meinen Eltern. Ich muss über uns nachdenken. Über unsere Zukunft. Mama ist wegen deiner Ablehnung sehr verletzt. Sie meint, du hättest keinen Respekt vor unserer Familie. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Vielleicht sollten wir unsere Beziehung wirklich noch einmal überdenken. L.“

Anna las die wenigen Zeilen wieder und wieder, bis die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Typisch Lukas. Selbst jetzt brachte er es nicht fertig, einfach anzurufen oder ihr in die Augen zu schauen. Immer versteckte er sich hinter Papier, hinter Andeutungen, hinter halben Sätzen.

„Unsere Beziehung überdenken.“ Was sollte das überhaupt heißen? Eine Trennung? Scheidung?

Sie nahm ihr Handy, suchte seine Nummer und starrte auf den grünen Anrufknopf. Ihr Finger schwebte darüber. Aber was hätte sie sagen sollen? „Komm zurück, ich verkaufe die Wohnung doch“? Oder: „Entschuldige, dass ich nicht unser gemeinsames Leben opfern will, nur weil deine Mutter unverantwortlich gehandelt hat“? Vielleicht: „Ich liebe dich, aber ich lasse mich nicht erpressen“?

Statt ihn anzurufen, öffnete sie den Messenger und tippte nur einen kurzen Satz: „Gut. Denk nach. Aber vergiss nicht: Das ist deine Entscheidung, nicht meine.“

Es kam keine Antwort.

Eine Woche verging. Anna ging arbeiten, kam abends in die leere Wohnung zurück, kochte für sich allein, ließ Serien nebenbei laufen und schlief schlecht. Lukas meldete sich nicht. Kein Anruf, keine Nachricht. Ein paar Mal sah sie verpasste Anrufe von Marias Nummer, doch sie rief nicht zurück. Was hätte sie dieser Frau auch sagen sollen? „Tut mir leid, dass ich Sie nicht vor den Folgen Ihrer eigenen Dummheiten retten will“?

Am Freitag, als Anna von der Arbeit nach Hause kam, sah sie vor dem Haus ein bekanntes Auto stehen: den alten Toyota von Lukas’ Vater. Ihr Herz machte einen unangenehmen Satz. Waren sie jetzt als ganze Familie angerückt, um ihr ein schlechtes Gewissen einzureden? Oder hatte Lukas sich am Ende doch besonnen und war heimgekommen?

Anna stieg in ihren Stock hinauf und blieb vor der Wohnungstür stehen. Dort wartete nicht Maria. Dort stand ihr Schwiegervater, Michael. Ein schwerer, breitschultriger Mann mit müdem Gesicht und dünner werdendem grauem Haar. Seit seinem Schlaganfall hing seine rechte Gesichtshälfte ein wenig herab, und auch die Hand gehorchte ihm nicht mehr richtig. Er verließ das Haus nur selten.

— Michael? — fragte Anna überrascht, während sie näherkam. — Ist etwas passiert?

Er sah sie auf eine seltsame Weise an, zugleich beschämt und hilflos.

— Wir müssen reden, Kind, — sagte er leise. — Unter vier Augen.

Kurz darauf saßen sie in der Küche. Anna hatte Tee gemacht und Kekse auf einen Teller gelegt. Michael rührte nichts davon an. Er hielt nur die Tasse zwischen den Händen und drehte sie langsam hin und her. Lange sagte er kein Wort. Schließlich atmete er schwer aus.

— Maria weiß nicht, dass ich hier bin. Lukas auch nicht.

Anna spannte sich an.

— Was ist los?

— Wir haben ein Problem, — sagte ihr Schwiegervater und schüttelte den Kopf. — Aber nicht so, wie du glaubst. Es gibt keine Schulden, Anna.

Sie starrte ihn an, als hätte sie ihn falsch verstanden.

— Wie bitte, keine? Lukas hat doch die Auszüge gesehen …

— Gefälscht, — sagte Michael bitter und verzog den Mund zu etwas, das kein Lächeln war. — Maria hat sie ausgedruckt. Selbst zusammengebastelt, am Computer. Stell dir vor, so etwas hat sie gelernt.

— Aber … wozu? — Anna spürte, wie ihr übel wurde.

Michael schwieg eine ganze Weile und schaute zum Fenster hinaus. Dann wandte er sich ihr wieder zu.

— Sie hat es erfahren. Von Lukas’ Problem. Sie hat zufällig den ärztlichen Befund in seinen Sachen gefunden, als er bei uns war. Seitdem hat sie nur noch einen Gedanken: ihn wieder nach Hause holen und euch trennen. Sie ist überzeugt, du würdest ihn quälen. Für sie ist eine Familie ohne Kinder keine richtige Familie. — Er rieb sich mit der gesunden Hand über das Gesicht. — Ich habe versucht, ihr das auszureden, wirklich. Aber du kennst Maria. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat …

Anna saß da wie betäubt. In ihren Schläfen pochte es.

— Und Lukas? — brachte sie schließlich hervor. — Weiß er davon? Macht er da mit?

— Nein, um Gottes willen, — antwortete Michael hastig. — Er glaubt seiner Mutter. Sie hat ihm erzählt, die Bank würde uns die Wohnung wegnehmen, irgendwelche Inkassoleute würden ständig anrufen … Lukas war immer leichtgläubig. Besonders, wenn es um seine Mutter geht.

— Ich kann das nicht fassen, — flüsterte Anna. — Wie konnte sie so etwas tun? So etwas gegen uns verwenden? Gegen ihren eigenen Sohn?

— Sie hat sich eingeredet, dass sie nur sein Bestes will, — sagte Michael müde. — Dass sie ihn aus einer unglücklichen Ehe rettet. Sie war ja immer der Meinung, niemand wisse besser als sie, was Lukas braucht.

— Und was soll jetzt passieren? — fragte Anna. — Soll ich Lukas die Wahrheit sagen?

Michael verzog schmerzlich das Gesicht.

— Ich weiß es nicht, Kind. Es wird ihm das Herz brechen. Zu erfahren, dass die eigene Mutter so … — Er beendete den Satz nicht und machte nur eine erschöpfte Handbewegung. — Ich bin gekommen, um dich zu warnen. Und um mich zu entschuldigen. Ich hätte Maria aufhalten müssen. Aber ich habe es nicht geschafft.

Anna stand auf und ging ein paar Schritte durch die Küche. In ihrem Kopf war nur noch Lärm, ein Durcheinander aus Wut, Mitleid und blankem Entsetzen.

— Danke, dass Sie es mir gesagt haben, — sagte sie nach einer Weile. — Aber ich muss Lukas alles erzählen. Er hat ein Recht darauf, die Wahrheit zu kennen. Und er muss selbst entscheiden dürfen.

Michael nickte langsam.

— Ich verstehe dich. Nur … sei bitte behutsam mit ihm, ja? Das wird ein harter Schlag.

Nachdem ihr Schwiegervater gegangen war, blieb Anna lange reglos am Küchentisch sitzen. Dann griff sie nach dem Handy und schrieb ihrem Mann: „Wir müssen reden. Es ist wichtig. Komm bitte vorbei.“

Lukas kam zwei Stunden später. Er sah abgemagert aus, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Unsicher trat er in die Wohnung, blickte sich um, als würde er sie zum ersten Mal betreten.

— Hallo, — sagte er, ohne Anna anzusehen. — Du wolltest reden?

— Ja, — antwortete Anna und deutete in Richtung Küche.

Hedis Stube