„Ich sage es jetzt zum dritten Mal: Nein. Aus. Ende.“ — Anna legte das Messer weg und drehte sich zu ihrem Mann um

Diese Forderung ist herzlos und unerträglich.
Geschichten

Setz dich bitte.

Lukas liess sich auf einen Stuhl sinken und legte beide Hände auf die Tischplatte. Seine Finger fanden keine Ruhe, sie klopften in einem schnellen, nervösen Rhythmus auf das Holz.

— Wenn es wieder um die Wohnung geht, dann kann ich dir gleich sagen, dass ich…

— Lukas, — fiel Anna ihm ins Wort. Ihre Stimme war ruhig, fast zu ruhig. — Deine Mutter hat keine Schulden.

Er erstarrte. Zwischen seinen Augen bildete sich eine tiefe Falte.

— Was redest du da?

— Die Wahrheit, — sagte Anna fest. — Sie hat sich alles ausgedacht. Dein Vater war heute hier und hat es mir erzählt. Die Bankunterlagen waren gefälscht. Es gibt keine Kredite, keine Inkassofirma, niemanden, der ihr im Nacken sitzt. Das war alles gelogen.

Lukas starrte sie an. Zuerst lag reines Misstrauen in seinem Blick, dann begann sich darunter etwas Dunkleres zu regen — Wut, die er noch nicht einordnen konnte.

— Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Warum sollte sie so etwas tun? Und warum sollte mein Vater lügen? Anna, das ist doch kompletter Wahnsinn!

Anna senkte kurz den Blick, als müsste sie Kraft sammeln.

— Sie hat deine medizinischen Unterlagen gefunden, — sagte sie leise. — Sie weiss von der Diagnose. Und sie hat beschlossen, dass wir uns trennen müssen, weil für sie eine Familie ohne Kinder keine richtige Familie ist. Sie wollte, dass du zu ihr zurückkommst. Nach Hause.

Lukas wurde kreidebleich. Seine Hände begannen zu zittern.

— Nein, — flüsterte er. — Nein. Das kann nicht sein. Du hast da irgendetwas falsch verstanden.

— Ruf deinen Vater an, — sagte Anna. — Frag ihn selbst.

Ohne ein weiteres Wort zog Lukas sein Handy aus der Tasche und wählte. Das Gespräch dauerte nicht lange. Anna hörte nur seine knappen Fragen, die Pausen dazwischen, sein schweres Atmen. Sie sah, wie sich sein Gesicht veränderte: aus Zweifel wurde Fassungslosigkeit, daraus Schmerz. Als er auflegte, standen Tränen in seinen Augen.

— Mein Gott, — stiess er hervor. — Wie konnte sie nur? Meine eigene Mutter… Sie hat meine… meine…

Er brachte den Satz nicht zu Ende.

— Lukas, — Anna berührte vorsichtig seine Hand. — Es tut mir so leid.

Er riss die Hand weg und sprang auf.

— Es tut dir leid? — Seine Stimme bebte. — Meine Mutter hat mich belogen. Sie hat versucht, unsere Ehe kaputtzumachen. Und du… du hast ihr nicht einmal die Wahrheit über uns gesagt! Nicht, dass wir es versucht haben. Nicht, dass wir bei Ärzten waren!

— Du hast mir verboten, darüber zu reden! — rief Anna. — Du hast gesagt, es sei deine Sache. Du wolltest selbst entscheiden, wann du es erzählst und wem!

— Und du hast dich daran gehalten? — Lukas lachte bitter auf. — Du hast gewusst, wie sie dich wegen der Kinder unter Druck setzt. Du hast gesehen, wie das zwischen uns alles vergiftet. Und trotzdem hast du geschwiegen? Nur damit mein Stolz heil bleibt? Oder damit du mir später genau das vorwerfen kannst?

— Lukas, — Anna schüttelte den Kopf. — Das ist nicht fair. Ich habe deine Entscheidung respektiert. Ich war der Meinung, du hast das Recht, selbst zu bestimmen, wer von deiner Diagnose erfährt und wann.

— Ja, natürlich, — sagte er und wandte sich ab. — Respektiert hast du mich. Nur meinen Wunsch, meiner Mutter zu helfen, den hast du seltsamerweise nicht respektiert. Da hast du sofort dichtgemacht: „Die Schulden deiner Mutter gehen mich nichts an.“ Und wenn diese Schulden echt gewesen wären? Hättest du dann auch Nein gesagt?

— Was hat das jetzt damit zu tun? — Anna sah ihn verständnislos an. — Lukas, deine Mutter hat uns beide belogen! Sie wollte uns auseinanderbringen! Und du machst mir Vorwürfe?

— Ich weiss nicht mehr, wem ich Vorwürfe machen soll, — sagte er leise. — Ich weiss überhaupt nichts mehr.

Er ging zum Fenster und blieb dort lange stehen. Draussen rauschte der Verkehr vorbei, irgendwo bellte ein Hund, ein Kind lachte im Hof. Alles klang unerträglich normal. Schliesslich drehte Lukas sich wieder zu Anna um.

— Ich brauche Zeit, — sagte er. — Ich muss das alles verstehen. Mit meiner Mutter reden. Herausfinden, wie es weitergehen soll.

— Natürlich, — brachte Anna hervor. Sie bemühte sich, ruhig zu klingen, obwohl sich in ihr alles schmerzhaft zusammenzog. — Ich verstehe das.

— Ich fahre zu Tobias, — sagte Lukas. Tobias war sein Freund aus Kindertagen. — Ich bleibe eine Weile bei ihm, bis ich weiss, was ich tun soll.

— Nicht zu deinen Eltern? — fragte Anna. — Nicht nach Hause?

Lukas schüttelte den Kopf.

— Nein. Ich kann meine Mutter im Moment nicht sehen. Ich habe Angst, dass ich Dinge sage, die ich später bereue.

Er packte ein paar Sachen zusammen. Ein Hemd, Unterwäsche, Ladegerät, Zahnbürste. Alles wirkte erschreckend sachlich, beinahe wie eine kleine Dienstreise. Dann ging er. Ohne Anna zu umarmen. Ohne sie zum Abschied zu küssen. Er sagte nur: „Ich ruf dich an.“ Danach fiel die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss.

Ein Monat verging.

Lukas meldete sich hin und wieder. Seine Anrufe waren kurz, seine Stimme trocken, jedes Wort auf das Nötigste reduziert. Er erzählte, dass er mit seiner Mutter gesprochen habe. Dass sie geweint habe. Dass sie um Verzeihung gebeten und immer wieder beteuert habe, sie habe doch nur das Beste gewollt. Anna hörte zu und schwieg. Was hätte sie sagen sollen? „Ich hab’s dir ja gesagt“? Oder: „Du hast mir nicht geglaubt“? Damit wäre nichts besser geworden. Es hätte nur noch mehr zerstört.

Eines Abends läutete es an der Tür.

Anna öffnete und sah Maria im Gang stehen. Die Frau wirkte eingefallen, älter, als wären in wenigen Wochen Jahre über sie hinweggegangen. Ihre Augen hatten den alten Glanz verloren.

— Darf ich hereinkommen? — fragte die Schwiegermutter leise.

Anna trat wortlos zur Seite. Maria ging an ihr vorbei, langsam, fast zögernd. Gemeinsam setzten sie sich in die Küche — ausgerechnet an jenen Ort, an dem der Streit damals begonnen hatte.

— Möchten Sie Tee? — fragte Anna, weil ihr nichts anderes einfiel.

Maria schüttelte den Kopf.

— Nein. Danke. Ich bleibe nicht lange. — Sie hielt ein zerknittertes Taschentuch in beiden Händen und knetete es unentwegt. — Anna, ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen. Für das, was ich getan habe, gibt es keine Entschuldigung. Ich habe alles verdorben. Nicht nur eure Beziehung. Auch meine zu meinem Sohn.

Anna setzte sich ihr gegenüber und verschränkte die Arme vor der Brust.

— Warum haben Sie das gemacht? Wäre es wirklich so unmöglich gewesen, einfach zu reden? Zu fragen?

Maria atmete zittrig ein.

— Ich habe Angst bekommen, — gab sie zu. — Als ich diese Unterlagen gefunden habe, den Befund vom Arzt… Mein Bub. Mein einziger Sohn… — Ihre Stimme brach beinahe. — Ich habe immer von Enkelkindern geträumt. Ich habe mir vorgestellt, wie ich sie im Arm halte, wie Lukas Vater wird. Und dann stand da plötzlich das alles. Ich war wie blind. Ich habe mir eingeredet, du hättest von der Diagnose gewusst und ihn trotzdem geheiratet. Wegen der Wohnung. Wegen des Geldes. Ich dachte, du nützt ihn aus.

— So schlecht haben Sie also von mir gedacht? — fragte Anna bitter.

Maria schlug die Augen nieder.

— Ich habe gar nicht wirklich an dich gedacht. Nur an meinen eigenen Schmerz. An meine zerplatzten Wünsche. Ich war überzeugt, wenn ihr euch trennt, findet Lukas irgendwann eine andere Frau. Eine, die ihm Kinder schenkt… Unsinn, ich weiss. Die Ärzte haben ja gesagt, dass es keine Chance gibt.

— Es gibt Leihmutterschaft im Ausland, es gibt Adoption, — sagte Anna leise. — Lukas und ich haben über solche Möglichkeiten schon gesprochen. Bevor das alles passiert ist.

Maria hob überrascht den Kopf.

— Wirklich? Davon hat er mir nichts erzählt.

— Warum hätte er Ihnen alles erzählen müssen? — fragte Anna. — Vor allem solche intimen Dinge? Das ist unser Leben. Unsere Entscheidung.

Maria sass mit gesenkten Schultern da, klein geworden, verloren, auf eine traurige Weise alt.

— Du hast recht. Ich habe mich viel zu sehr eingemischt. Immer schon. Nur… er ist mein einziges Kind. Ich habe ihm mein ganzes Leben gegeben, all meine Kraft. Und als du gekommen bist — so selbstständig, so sicher, so ganz ohne mich — da habe ich Angst bekommen, dass er mich nicht mehr braucht.

Anna sah sie lange an. Dann sagte sie, ruhiger, als sie sich fühlte:

— Er wird Sie immer lieben. Sie sind seine Mutter.

Hedis Stube