„Ich sage es jetzt zum dritten Mal: Nein. Aus. Ende.“ — Anna legte das Messer weg und drehte sich zu ihrem Mann um

Diese Forderung ist herzlos und unerträglich.
Geschichten

— Aber das bedeutet nicht, dass Sie über sein Leben bestimmen dürfen. Und über unseres schon gar nicht.

Maria hat langsam genickt.

— Ich weiß, — sagte sie leise. — Jetzt weiß ich es. Es hat mich nur sehr viel gekostet, bis ich es begriffen habe.

Sie ist aufgestanden und hat ihr Tuch zurechtgezogen, als müsste sie sich an irgendetwas festhalten.

— Weiß Lukas, dass Sie hier waren? — fragte Anna.

— Nein, — Maria schüttelte den Kopf. — Er redet kaum noch mit mir. Er kommt zu seinem Vater, aber an mir schaut er vorbei, als wäre ich Luft. Verdient hab ich es wahrscheinlich… — Sie schwieg einen Moment. — Anna, ich bitte dich nicht um Verzeihung. So etwas verzeiht man nicht einfach. Aber vielleicht… irgendwann… könnt ihr noch einmal von vorn beginnen. Du und Lukas.

Anna hob nur die Schultern.

— Ich weiß es nicht. Das liegt nicht allein bei mir.

— Natürlich, — sagte Maria hastig und nickte wieder. — Natürlich. Ich hoffe nur, dass ich nicht wirklich alles endgültig kaputtgemacht habe.

Als ihre Schwiegermutter gegangen war, blieb Anna noch lange in der stillen Wohnung sitzen. Kein Geräusch war zu hören, nur irgendwo im Haus fiel eine Tür ins Schloss. Schließlich nahm sie ihr Handy, öffnete den Chat mit Lukas und schrieb: „Deine Mutter war da. Sie hat sich entschuldigt. Vielleicht sollten wir auch miteinander reden?“

Die Antwort kam beinahe sofort: „Nicht jetzt. Ich brauche noch Zeit.“

Der Winter wurde hart, schneereich und bitterkalt. Anna arbeitete viel, traf sich mit Freundinnen und versuchte, die Leere, die plötzlich in ihrem Alltag entstanden war, irgendwie auszufüllen. Lukas meldete sich nur selten. Wenn Nachrichten von ihm kamen, dann waren sie kurz und sachlich: Betriebskosten, Unterlagen, irgendeine Frage zur Versicherung. Nichts Persönliches. Kein „Wie geht es dir?“, kein Zeichen, dass zwischen ihnen einmal mehr gewesen war als gemeinsame Rechnungen und geteilte Verpflichtungen.

Ende Februar rief er an und bat um ein Treffen. Sie einigten sich auf ein Kaffeehaus — neutraler Boden, ein Ort, an dem keiner von beiden das Gefühl haben musste, in der eigenen Wohnung in die Enge getrieben zu werden.

Lukas war pünktlich. Er hatte noch mehr abgenommen, und der Bart, den er sich hatte wachsen lassen, stand ihm nicht besonders. Er machte ihn älter, ernster, fast fremd. Sie bestellten Kaffee. Danach saßen sie einander gegenüber und schwiegen, als hätten sie die Sprache verlernt.

— Und… wie läuft’s in der Arbeit? — fragte Lukas schließlich.

— Ganz gut, — antwortete Anna und zuckte mit den Schultern. — Ich bin befördert worden. Fünf Leute sind jetzt in meinem Team.

— Gratuliere, — sagte er und nickte. — Das wolltest du immer.

Wieder legte sich Schweigen zwischen sie. Anna drehte die Tasse mit dem inzwischen lauwarmen Kaffee zwischen den Fingern.

— Lukas, warum sind wir wirklich hier? — fragte sie schließlich. — Über meinen Job hätten wir auch am Telefon reden können.

Er holte tief Luft und sah ihr zum ersten Mal direkt in die Augen.

— Ich habe die Unterlagen für eine Versetzung nach Linz eingereicht. Mir ist angeboten worden, dort ein neues Projekt zu leiten. Eine gute Position, echte Perspektiven… — Er brach ab, dann sagte er leiser: — In zwei Wochen bin ich weg.

Anna spürte, wie in ihr etwas nachgab. Drei Monate lang hatte sie auf dieses Gespräch gewartet, sich vorgestellt, was er sagen könnte, wie sie reagieren würde. Und trotzdem traf es sie unvorbereitet.

— Für immer? — brachte sie nur hervor.

— Der Vertrag läuft einmal auf zwei Jahre, — sagte Lukas. — Danach wird man sehen.

— Verstehe, — Anna senkte den Blick. — Und du willst…?

— Die Scheidung, — sagte er ruhig, fast tonlos. — Ich habe geglaubt, ich kriege das hin. Dass ich verzeihen kann, vergessen, irgendwie weitermachen. Aber es geht nicht. Jedes Mal, wenn ich daran denke, nach Hause zurückzukommen, ist alles wieder da. Dieser ganze Albtraum. Meine Mutter, ihre Lügen, dein Misstrauen…

— Mein Misstrauen? — Anna sah ihn fassungslos an. — Lukas, ich hatte recht. Deine Mutter hat tatsächlich gelogen.

— Darum geht es nicht, — erwiderte er und schüttelte den Kopf. — Es geht darum, wie schnell du bereit warst, das Schlimmste über meine Familie zu glauben. Wie selbstverständlich du angenommen hast, meine Mutter wäre eine Manipulatorin, die uns auseinanderbringen will. Ohne einen einzigen Beweis.

Anna lachte kurz auf, bitter und müde.

— Ich hatte Erfahrung. Jahrelang habe ich erlebt, wie sie versucht hat, unser Leben zu steuern. Und weißt du was? Als alles herausgekommen ist, habe ich nicht einmal gesagt: „Ich hab’s dir ja gesagt.“ Obwohl ich jedes Recht dazu gehabt hätte.

— Siehst du? — Lukas lächelte traurig. — Genau das meine ich. Wir streiten schon wieder. Es hat sich nichts geändert.

Anna atmete langsam ein und versuchte, den Knoten in ihrer Brust zu lösen.

— Hast du schon mit einem Anwalt gesprochen? — fragte sie.

— Ja, — sagte Lukas. — Wir können alles einvernehmlich regeln, ohne Gerichtsstreit. Die Wohnung bleibt bei dir, das Auto nehme ich. Die Konten teilen wir halbe-halbe.

— Großzügig, — entfuhr es Anna. — Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Hauptanzahlung für die Wohnung von mir gekommen ist.

Lukas verzog das Gesicht.

— Anna, ich will nicht streiten. Wirklich nicht. Lass uns das einfach ordentlich und zivilisiert beenden.

Sie sagte nichts. Stattdessen betrachtete sie sein Gesicht. Früher war es ihr so vertraut gewesen, dass sie jede kleine Falte, jeden Schatten unter seinen Augen gekannt hatte. Jetzt saß ihr ein Mann gegenüber, der aussah wie eine Erinnerung an jemanden, den sie einmal geliebt hatte. Drei Jahre Ehe. Fünf Jahre Beziehung. Und am Ende sollten ein paar Unterschriften auf Papier stehen und ein kurzes Lebwohl.

— Und was ist mit… unseren Plänen? — fragte sie leise. — Adoption? Leihmutterschaft?

— Das waren unsere gemeinsamen Träume, — antwortete Lukas. — Jetzt wird jeder von uns seine eigenen haben müssen.

Anna hob den Blick.

— Gibt es jemanden? — fragte sie direkt. — In Linz?

Er sah zur Seite.

— Nein. Aber ich kann nicht ausschließen, dass es irgendwann passiert. Und du wirst auch neu anfangen können. Mit jemandem, der dir geben kann, was ich dir nicht geben konnte.

— Kinder, meinst du? — Anna merkte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. — Ich habe dich nicht geheiratet, weil ich den Vater meiner zukünftigen Kinder gesucht habe, Lukas. Ich habe den Mann geheiratet, den ich geliebt habe. Dich.

— Ich weiß, — sagte er sehr leise. — Und ich bin dir dankbar dafür. Ehrlich. Aber manchmal reicht Liebe nicht.

Sie verließen das Kaffeehaus gemeinsam. Draußen fiel weicher, dichter Schnee, der die Geräusche der Stadt verschluckte. Lukas blieb stehen und drehte sich zu ihr um.

— Ich schicke dir die Unterlagen zum Unterschreiben, — sagte er. — Und… es tut mir leid. Alles.

Anna nickte nur. Sie traute ihrer Stimme nicht. Er berührte unbeholfen ihre Schulter, als wüsste er nicht mehr, ob er sie umarmen durfte, und ging dann rasch zu seinem Auto.

Sie blieb stehen und sah ihm nach. Dabei dachte sie, wie eigenartig das Leben doch funktionierte. Eine einzige Lüge. Ein Eingriff zu viel. Und alles war eingestürzt wie ein Kartenhaus. Maria hatte ihr Ziel erreicht, wenn auch anders, als sie es geplant hatte. Es würde keine Familie geben. Keine Enkelkinder. Nur Einsamkeit — für alle.

Anna atmete die frostige Luft tief ein. Vor ihr lag Leere, Unsicherheit, ein dunkler Raum ohne erkennbare Tür. Aber irgendwo in dieser Leere war auch etwas anderes verborgen. Freiheit. Freiheit von Manipulation, von fremden Erwartungen, von dem ständigen Zwang, sich erklären und beweisen zu müssen.

Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und suchte Sophies Nummer.

— Servus, — sagte sie, als ihre Freundin abhob. — Hast du heute Abend Zeit? Ich muss etwas trinken. Und reden.

— Ist etwas passiert? — fragte Sophie sofort besorgt.

— Ja, — antwortete Anna. — Mein Leben hat endlich begonnen, sich zu verändern…

Hedis Stube