— Mir ist vollkommen wurscht, wer sich da an wem rächt, — schnitt sie ihm das Wort ab. — Ich zahle diese Wohnung nicht, damit hier dein ganzer Hausrat samt Anhang einzieht. Klär das selber. Du hast eine Stunde. Aber über diese Schwelle kommt mir niemand.
— Sophie, wart doch!
— Ich warte seit fünf Jahren, — sagte sie und trat wieder in den Vorraum zurück. — Jetzt reicht’s mir endgültig.
Die Tür fiel ihm direkt vor der Nase ins Schloss.
Mit zitternden Fingern suchte Lukas Annas Nummer heraus. Ein Freizeichen. Ein zweites. Ein drittes.
— Ja? — meldete sie sich ruhig.
— Anna, bitte verzeih mir, — seine Stimme kippte beinahe ins Fiepen. — Ich bin ein Trottel gewesen, ich hab alles kapiert. Nimm mich zurück. Ich hab mich geirrt, hörst du? Keine Sophie, keine Scheidung. Ich komm heim, ich fall vor dir auf die Knie, ich…
— Lukas, — unterbrach sie ihn sanft. — Du stehst gerade in einem fremden Stiegenhaus, neben einem alten Kasten, und bettelst darum, in eine Wohnung zurückzukönnen, die du ein halbes Jahr lang als Last bezeichnet hast. Findest du das nicht selber lächerlich?
— Nein! — Er schluchzte fast. — Ich hab Angst! Wo soll ich denn jetzt hin?
— Das, mein Lieber, ist tatsächlich eine ausgezeichnete Frage, — sagte Anna. — Nur schade, dass sie dir so spät einfällt. Früher hättest du nachdenken sollen, solange das Geld deiner Mutter noch nicht zu Schrott auf vier Rädern geworden ist.
— Ich zahl alles zurück! Ich verdien es wieder!
— Lukas, du wolltest schon einmal mit dem großen Geld hantieren, — erinnerte sie ihn. — Ich weiß noch recht gut, wie das ausgegangen ist. Manche Dinge bekommt man kein zweites Mal zurück. Zähne zum Beispiel. Oder Vertrauen.
— Anna, ich fleh dich an…
— Das Schloss hab ich heute zu Mittag tauschen lassen, — sagte sie ganz sachlich. — Such also gar nicht erst nach deinem Schlüssel. Der sperrt nirgends mehr. Leb wohl, Lukas. Und grüß deine Mama von mir. Ihr habt jetzt ja einiges gemeinsam: denselben Kasten und dieselbe Bleibe.
Die Leitung war tot. Lukas ließ sich auf die Stufe neben das Sofa sinken, das dreißig Jahre lang im Zimmer seiner Mutter gestanden war. Maria schaute von oben auf ihren Sohn hinunter und begriff nicht, was hier eigentlich geschah.
— Lukas, — sagte sie leise. — Und wohin gehen wir jetzt? Hier im Stiegenhaus ist es kalt.
— Ich weiß es nicht, — presste er hervor. — Gleich… gleich fällt mir etwas ein.
Er hockte vor der verschlossenen Tür und rechnete im Kopf. Die Wohnung der Mutter — verkauft. Das Auto — um ein Butterbrot verscherbelt. Das Geschäft — geplatzt wie eine Seifenblase. Anna — hinter einem neuen Schloss. Sophie — hinter einer zugeschlagenen Tür.
— Wie hab ich das nur geschafft, — murmelte er und wiegte sich leicht vor und zurück. — Wie hab ich bloß alles so vergeigen können? Es war doch alles da. Eine Frau. Ein Dach über dem Kopf. Die Mutter untergebracht. Und ich… ich Depp, was hab ich eigentlich gewollt?
— Lukas, mit wem redest du? — fragte seine Mutter.
— Mit mir selber, — er nahm die Hände nicht vom Gesicht. — Mit wem denn sonst noch?
Von unten kamen die schweren Schritte der Möbelpacker herauf. Sie trugen die zweite Schachtel wieder Richtung Lift, weil es schlicht keinen Ort gab, an dem man sie hätte abstellen können.
— Wohin damit, Chef? — rief einer. — Entscheiden musst dich schon, wir haben noch zwei Adressen vor uns.
— Ich weiß es nicht, — stöhnte Lukas. — Ich weiß gar nichts mehr.
— Na servas, — brummte der Möbelpacker. — Ein Mann mit einem ganzen Kasten, aber ohne Platz zum Unterkommen. Dann laden wir den Rest halt hier auf den Gang. Was danach passiert, ist deine Sache.
Lukas gab keine Antwort. Er saß da, die Arme um die Knie geschlungen, und bewegte nur noch lautlos die Lippen, als würde er einen Zauberspruch wiederholen, der längst jede Wirkung verloren hatte:
— Idiot. Was für ein Idiot ich bin. Ich hatte alles, wirklich alles, und ich hab’s mir selber, mit meinen eigenen Händen…
