„Sollen sie halt gehen“, meinte Barbara und schenkte sich seelenruhig noch ein Glas Wein ein. „Hier braucht keiner so tun, als wär er vom Hochadel. Lukas, du solltest lieber an uns denken, an deine eigene Familie, und nicht an irgendwelche fremden Leute.“
Anna begleitete ihre Eltern bis zur Wohnungstür. In Katharinas Augen glänzten Tränen, Florian sagte kein Wort; nur an seinem verkrampften Kiefer sah man, wie sehr er sich beherrschen musste.
„Es tut mir so leid“, flüsterte Anna. „Ich hab nicht geglaubt, dass sie sich so aufführen würden …“
„Anna, du kannst nichts dafür“, sagte Katharina und zog ihre Tochter fest an sich. „Pass gut auf dich auf. Und überleg dir, ob du dir das wirklich weiter antun willst. Den Kleinen nehmen wir jederzeit zu uns.“
Als ihre Eltern gegangen waren, blieb Anna einen Moment im Vorzimmer stehen. Dann holte sie tief Luft und ging zurück ins Wohnzimmer. Barbara und Theresa saßen bereits wieder beisammen und redeten lebhaft darüber, wie eingebildet und anstrengend Annas Eltern doch seien.
„Seid ihr jetzt zufrieden?“, fragte Anna mit eisiger Stimme.
Barbara hob die Augenbrauen, als verstünde sie die Frage nicht. „Was soll denn jetzt wieder sein? Ich hab nur ausgesprochen, was Sache ist. Wenn sie das nicht vertragen, ist das nicht mein Problem.“
„Sie haben meine Eltern beleidigt“, sagte Anna langsam. „Menschen, die Ihnen nie etwas getan haben.“
„Anna, mach jetzt bitte kein Drama daraus“, mischte sich Lukas ein. „Mama hat halt ihre Meinung gesagt.“
Anna drehte sich zu ihm um. „Ihre Meinung? Meinen Vater, einen Universitätsprofessor, einen Mann, der sein ganzes Leben ehrlich gearbeitet hat, als Schmarotzer hinzustellen – das nennst du Meinung?“
Lukas zuckte unsicher mit den Schultern. „Na ja, besonders wohlhabend sind sie nun einmal nicht. Und Mama hat schon recht, dass ich viel Geld für unsere Familie ausgebe.“
„Für UNSERE Familie, Lukas!“, fuhr Anna auf. „Nicht für meine Eltern! Für dich, mich und unser Kind!“
„Jetzt reicht’s aber mit dem Herumgeschrei!“, schnappte Barbara. „Immerhin hat mein Sohn heute Geburtstag, nicht deine Eltern!“
„Meine Eltern sind gegangen, weil Sie sie vor allen gedemütigt haben“, erwiderte Anna. In ihr begann etwas zu kochen, heiß und gefährlich.
Theresa schnaubte verächtlich. „Mei, sind die empfindlich. Sieht man gleich, lauter feine Herrschaften. Gewöhnt, dass alle auf Zehenspitzen um sie herumschleichen.“
Der Abend war endgültig zur Qual geworden. Barbara und Theresa blieben noch bis gegen Mitternacht sitzen und zerpflückten mit sichtlichem Genuss die angeblichen Fehler von Annas Eltern. Lukas sagte kaum etwas. Ab und zu nickte er nur, als wäre Schweigen die bequemste Lösung, und brachte es nicht zustande, seiner Mutter auch nur einmal zu widersprechen.
Als die Gäste endlich weg waren, begann Anna wortlos den Tisch abzuräumen. Teller klirrten leise, Gläser wurden zusammengestellt, Servietten landeten im Müll. Lukas kam von hinten zu ihr und wollte seine Arme um sie legen.
„Anna, jetzt sei nicht eingeschnappt“, murmelte er. „Mama meint das nicht böse. Sie ist halt so.“
Anna entzog sich seiner Berührung.
„Lukas, deine Mutter hat meine Eltern beleidigt. Sie hat sie Schmarotzer genannt. Und das, obwohl sie selbst in einer Wohnung lebt, die du gekauft hast, und sich jeden Monat Geld von dir geben lässt.“
„Das ist etwas anderes!“, sagte Lukas sofort. „Sie ist meine Mutter.“
„Und meine Eltern sind was? Niemand?“ Anna wandte sich ihm zu. „Sie haben nie ein schlechtes Wort über deine Familie verloren, obwohl es genug Gründe gegeben hätte. Und heute bekommen sie dafür Spott und Erniedrigung.“
Lukas verzog das Gesicht. „Deine Eltern sind einfach übertrieben stolz. Sie hätten wegen des Geburtstags auch einmal schlucken können, statt so demonstrativ aufzustehen und zu gehen.“
Anna starrte ihn an, als hätte sie sich verhört.
„Schlucken? Beleidigungen schlucken? Lukas, hörst du dir eigentlich selber zu?“
„Ich sage nur, sie hätten ein bissl lockerer sein können. Man muss nicht aus jeder Kleinigkeit gleich eine Tragödie machen.“
„Eine Kleinigkeit?“ Ihre Stimme bebte vor Zorn. „Deine Mutter nennt meinen Vater vor allen einen Nichtsnutz – einen angesehenen Lehrenden, der sein Leben lang gearbeitet hat – und für dich ist das eine Kleinigkeit?“
„Na, Nichtsnutz hat sie ja nicht direkt gesagt, sondern nur …“ Lukas stockte.
„Nur was?“, fragte Anna scharf. „Sprich es ruhig aus.“
Er wich ihrem Blick aus. „Nur, dass sie eben nicht besonders gut gestellt sind. Und neben uns wirken sie halt … bescheiden.“
Anna sah ihren Mann an und erkannte ihn kaum wieder. War das wirklich derselbe Lukas, der ihr vor sieben Jahren gesagt hatte, wie sehr er die Bildung, Ruhe und Würde ihrer Familie bewundere?
„Weißt du was, Lukas“, sagte sie leise, aber jedes Wort war hart. „Meine Eltern werden sich sicher nicht mit deiner Mutter und deiner Schwester auf dieses Niveau hinunterlassen. Sie stehen über solchen billigen Streitereien.“
Lukas’ Gesicht verfinsterte sich. „Wag es nicht, so über meine Mutter zu reden.“
„Und sie darf über meine Eltern herziehen?“ Anna konnte sich nun nicht mehr bremsen. „Deine Mutter ist eine streitsüchtige, neidische Frau, die es nicht erträgt, wenn andere Menschen anders leben als sie. Und Theresa ist genau ihr Abbild, nur jünger.“
„Anna!“
„Was, Anna?“ Sie lachte bitter auf. „Tut die Wahrheit weh? So hast du es doch vorhin von deiner Schwester gehört. Meine Eltern haben ihre Würde behalten und sind gegangen, ohne sich auf euer Niveau hinunterziehen zu lassen. Weil sie Anstand haben – im Gegensatz zu deiner Verwandtschaft.“
„Meine Familie …“
„Deine Familie, Lukas, ist ein Haufen neidischer Leute, die nichts anderes können, als über fremdes Geld zu reden und ständig zu suchen, wer angeblich auf wessen Kosten lebt!“ Anna spürte, wie all das, was sich über Jahre in ihr gesammelt hatte, endlich an die Oberfläche drängte.
