„Halt den Mund, und wag es ja nicht, mir in meiner eigenen Wohnung Vorschriften zu machen!“ fauchte Anna, während sie auf den Laminatplatten kniete und Florian angewidert mit der Schuhspitze das hellste Muster anstieß

Ihre entbehrungsreiche Hoffnung verdient mehr Achtung.
Geschichten

Das Brett gab ein trockenes, scharfes Knacken von sich, als es auf dem Holz aufschlug.

— Halt den Mund und führ dich hier nicht auf, als könntest du in meiner Wohnung Befehle erteilen! Ich werde dich ganz sicher nicht um Erlaubnis fragen, welche Renovierung ich mache und wie!

— Aha. Also bin ich für dich hier schon gar nichts mehr?

— Drei Jahre lang hast du keinen Finger gerührt, um mir auch nur ein bissl zu helfen! Du hast dich in alles Fertige hineingesetzt wie ein Parasit! Also kannst du dir deine Meinung über mein Geld und meine Renovierung genau dorthin stecken, wo auch dein Einkommen fürs Auto geblieben ist!

Einen Augenblick lang sah es aus, als würde er zuschlagen. Sein Oberkörper schnellte nach vorne, die Faust war so fest geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Doch er hielt inne. Gewalt wäre zu simpel gewesen. Zu rasch. Zu plump.

Sie hätte ihm nicht jene Genugtuung verschafft, nach der sein gekränkter Stolz verlangte. Stattdessen entspannte er sich langsam, beinahe theatralisch, und auf seinem geröteten Gesicht breitete sich ein verzerrtes, boshaftes Grinsen aus.

— Na schau, die Königin hat gesprochen — zog er höhnisch die Worte in die Länge und lehnte sich mit der Schulter an den Türstock. Er stand da, als gehöre ihm die ganze Lage, als betrachte er von oben herab den Aufstand einer Dienstmagd. — Meine Wohnung, mein Geld … Anna, hörst du dir eigentlich selber zu? Du klingst wie eine Marktfrau. Wo ist denn deine Weiblichkeit geblieben, hm? Zwischen diesen Brettern stecken geblieben?

Er schlenderte durchs Zimmer, warf demonstrativ einen Blick hinter das alte Sofa, als würde er dort etwas suchen.

— Und was genau willst du hier aufführen? Diese deine „Arktische Eiche“ — er deutete mit dem Kinn auf das Muster, das auf dem Couchtisch lag — ist der billigste Geschmack, den man sich nur ausdenken kann. Spießbürgerlicher Kitsch. Glanz fürs Dorf. Damit dann die Nachbarn hereinkommen und in Ohnmacht fallen: „Mei, Anna, bei dir schaut’s aber nobel aus!“ Ist es das? Willst du Applaus von diesen grauen Mäusen, die keinen Deut anders sind als du?

Seine Worte waren nicht bloß Beleidigungen. Er zielte mitten hinein in den empfindlichsten Kern ihres Traums. Er wollte ihr nicht nur das Geld wegnehmen. Er versuchte, die ganze Vorstellung zu beschmutzen, drei Jahre Verzicht lächerlich zu machen, ihren Wunsch nach Schönheit und Geborgenheit als armselige, geschmacklose Laune hinzustellen.

Anna schwieg. Sie sah ihm zu, wie er über ihren künftigen Boden ging, durch den Raum, den sie sich mühsam erkämpft hatte, und ihn mit jedem Satz bespuckte. Sie schrie nicht zurück. Die Wut, die eben noch aus ihr herausgebrochen war, verflüchtigte sich. Zurück blieb eine kalte, helle Leere — und ein Gedanke, klar wie Glas.

— Mein Geschmack, Florian, ist meine Angelegenheit — sagte sie ruhig, ohne das geringste Zittern in der Stimme. Sie trat zum Tisch, nahm dasselbe Muster in die Hand und wischte mit zwei Fingern behutsam den schmutzigen Abdruck seines Stiefels davon. — Deinen Geschmack haben wir ja schon kennengelernt. Erinnerst du dich, als du die Wände „auberginefarben“ streichen wolltest? Weil es in der Garage von deinem Spezi Markus so ausschaut und das angeblich „männlich“ ist.

In seinem Mundwinkel zuckte das Grinsen. Mit dieser sachlichen, ätzenden Antwort hatte er nicht gerechnet.

— Verdreh mir nicht die Worte! — knurrte er. — Ich rede von einer vernünftigen Investition! Ein Auto ist ein Wert! Bewegungsfreiheit! Deine Bretter dagegen sind totes Kapital! Geld, das du im Boden vergräbst! Ich sehe das als Mann strategisch, du aber nur mit deinen Gefühlen! Du hast deine Groschen zusammengekratzt und sitzt jetzt darauf wie ein Drache auf seinem Schatz.

— Groschen? — Anna neigte leicht den Kopf, und in ihren Augen flackerte etwas Gefährliches auf. — Ja, Groschen. Drei Jahre lang habe ich sie von meinem erbärmlichen Gehalt weggelegt, während ich im Büro Papier von links nach rechts geschoben habe, wie du so gern sagst. Und wie viel hast du mit deinen „strategischen“ Projekten in unsere Haushaltskassa eingebracht? Rechnen wir doch einmal nach.

Die Idee vom Krypto-Schürfen am Balkon im Vorjahr. Wie hoch war der Gewinn noch gleich? Ach ja. Minus fünfzig Euro für den Installateur, weil dein genialer Miner die ganze Leitung durchgebrannt hat. Und davor? Sportwetten? Was ist da herausgekommen, mein Stratege? Ich erinnere mich nur daran, dass du mich um Geld angepumpt hast, damit du deine Schulden begleichen kannst.

Jedes einzelne Wort war wie ein kleiner, spitzer Nagel, den sie mit ruhiger Hand in sein aufgeblasenes Ego trieb. Sie wurde nicht lauter. Sie zählte nur Tatsachen auf. Trockene, unanfechtbare, beschämende Tatsachen.

Florian erstarrte mitten im Zimmer. Sein Gesicht lief erneut dunkelrot an. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch es kam kein Wort heraus. Sie hatte ihm die Waffen aus der Hand genommen. Seine großspurige Männlichkeit, diese Pose des Familienoberhaupts, zerfiel unter der Last ihrer stillen, gnadenlosen Wahrheit zu Staub.

Hedis Stube