„Halt den Mund, und wag es ja nicht, mir in meiner eigenen Wohnung Vorschriften zu machen!“ fauchte Anna, während sie auf den Laminatplatten kniete und Florian angewidert mit der Schuhspitze das hellste Muster anstieß

Ihre entbehrungsreiche Hoffnung verdient mehr Achtung.
Geschichten

Diese Runde hatte Florian auf ganzer Linie verloren, und zwar auf eine schiache, demütigende Art. Gleichzeitig begriff er, dass es keinen Sinn hatte, mit Anna weiter zu streiten. Mit Worten kam er gegen sie nicht an. Also musste er anders vorgehen. Niederträchtiger.

Die Niederlage war vollständig. Florian stand noch immer mitten im Zimmer, während Annas ruhige, sachliche Verachtung ihn umgab wie kaltes Wasser. Sein Gesicht, eben noch vor Zorn glühend, war fahl geworden, fleckig, beinahe krank. Vor ihren Augen war er gescheitert. Die Autorität, die er sich als angebliches Familienoberhaupt angemaßt hatte, war von ein paar präzisen Sätzen zertrümmert worden.

Ein anderer Mensch hätte vielleicht geschwiegen. Wäre hinausgegangen, um wenigstens den letzten Rest Würde zu retten. Aber Florian war nicht so einer. Für ihn bedeutete eine Niederlage nicht, dass der Kampf vorbei war. Sie hieß nur, dass man die Waffe wechseln musste. Zu einer schmutzigeren.

Einige Sekunden blieb er reglos stehen, den Blick starr auf einen Punkt gerichtet. Dann griff er, ohne ein Wort zu sagen, in die Tasche seiner Jeans und zog sein Handy heraus. Anna beobachtete ihn misstrauisch. Diese Bewegung war zu ruhig, zu kontrolliert, zu zielgerichtet. Er hatte nicht aufgegeben. Er bereitete nur den nächsten Angriff vor, diesmal von einer anderen Seite.

Florian entsperrte das Display, suchte einen Kontakt heraus und startete den Anruf über Lautsprecher. Ein scharfes, unangenehmes Freizeichen durchschnitt den Raum. Anna sah ihn an und verstand noch nicht, was er vorhatte.

„Servus, Tobias, grüß dich!“, rief Florian absichtlich laut und fast heiter ins Telefon. Dabei schaute er Anna unverwandt an. In seinen Augen flackerte eine gehässige Vorfreude, als koste er den kommenden Moment schon im Voraus aus. „Du, deswegen ruf ich an. Weißt eh noch, der Logan, den wir angeschaut haben? Der graue. Reservier ihn uns. Ja, fix. Die Geldsache ist erledigt.“

Aus dem Lautsprecher kam Tobias’ überraschte, freundschaftliche Stimme: „Echt jetzt? Hat Anna endlich nachgegeben?“

Florian lachte auf. Laut, breit, so dass es durch die ganze Wohnung hallte.

„Wohin hätt sie denn sonst sollen?“, sagte er und zwinkerte Anna zu. „Du kennst ja die Frauen. Zuerst ein bissl Theater, ein bissl Hysterie, und am Ende machen sie’s dann doch so, wie der Mann es sagt. Ich hab ihr halt in Ruhe erklärt, wie die Dinge laufen. Also ja, ich hab meine schon überzeugt. Morgen nach dem Mittagessen fahren wir hin und erledigen das. Passt, servus, wir reden noch.“

Er beendete das Gespräch. Dann lächelte er.

Es war das Lächeln eines Mannes, der glaubte, in einem schmutzigen Spiel soeben Schachmatt gesetzt zu haben. Er hatte ihre Worte nicht bloß ignoriert. Er hatte sie vor einem Zeugen als hilflose Närrin hingestellt, als launische Frau, die man nur lange genug bearbeiten müsse, bis sie klein beigebe.

Er hatte eine Lage geschaffen, in der jeder Widerspruch von ihr wie ein banaler Ehestreit gewirkt hätte, den sie peinlicherweise vor anderen austrug. Genau darauf setzte er. Dass Anna verstummen würde. Dass sie zurückwich. Dass sie sich nicht trauen würde, ihn vor seinem Freund bloßzustellen. Er war überzeugt, sie in die Ecke gedrängt zu haben.

Er irrte sich.

Anna schrie nicht. Sie weinte nicht. Sie begann auch nicht, irgendetwas zu erklären oder zu rechtfertigen. Sie stürzte sich nicht auf ihn. Ihre Bewegung war glatt, beinahe langsam, wie die einer Raubkatze, die lange gewartet hatte. Zwei Schritte trat sie auf ihn zu, und noch bevor Florian reagieren konnte, riss sie ihm das Handy aus der locker hängenden Hand. Sein selbstzufriedenes Lächeln erstarrte zu einer hässlichen Grimasse.

Sie blieb stumm, während sie das Display entsperrte. Ihre Finger glitten schnell und sicher über den Bildschirm. Sie öffnete die Liste der letzten Anrufe, fand den Namen „Tobias“ und drückte auf Rückruf. Florian machte eine Bewegung auf sie zu, blieb jedoch stehen, als er ihr Gesicht sah. Es war das Gesicht eines völlig fremden Menschen. Kühl. Hart. Unnahbar.

Wieder ertönte das Freizeichen. Diesmal wurde fast sofort abgehoben.

„Ja, Flo, was gibt’s noch?“

Anna hob das Handy an die Lippen. Ihre Stimme war ruhig und klar, kalt wie Winterluft.

„Servus, Tobias. Anna hier.“

Am anderen Ende der Leitung entstand für einen Augenblick völlige Stille.

„Es wird kein Auto geben. Florian hat dich angelogen. Alles Gute.“

Sie legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Mit derselben eisigen Gelassenheit legte sie das Handy auf den Couchtisch, direkt neben die Platte im Dekor „Arktische Eiche“. Die Luft im Zimmer wurde schwer, zäh und klebrig wie Harz. Sie drückte nicht einfach auf sie herab, sie legte sich um beide, nahm ihnen den Raum für einen normalen Atemzug.

Florian starrte Anna an. In seinem Gesicht war weder Wut noch Selbstzufriedenheit übrig. Etwas anderes war dort erschienen. Etwas Dunkles, Uraltes. Das Gesicht eines Menschen, der nicht nur besiegt worden war, sondern öffentlich, sichtbar und endgültig ausgelöscht.

Die Stille nach diesem Anruf war schlimmer als jedes Geschrei. Sie war dicht, beinahe greifbar, füllte den Raum bis in die Ecken und verdrängte die Luft. Florian stand da, als hätte ihn der Blitz getroffen, und starrte auf sein Handy, das nun auf dem Tisch lag.

Es wirkte, als würde er nicht einmal atmen.

Hedis Stube