„Halt den Mund, und wag es ja nicht, mir in meiner eigenen Wohnung Vorschriften zu machen!“ fauchte Anna, während sie auf den Laminatplatten kniete und Florian angewidert mit der Schuhspitze das hellste Muster anstieß

Ihre entbehrungsreiche Hoffnung verdient mehr Achtung.
Geschichten

Dann kam wieder Farbe in sein Gesicht, aber keine gesunde. Die Blässe wich langsam einem dunklen, kränklichen Rot, das ihm bis in die Wangen stieg. An seinem Kiefer zuckte ein Muskel. Florian sah Anna an, und in seinen Augen war nichts mehr von gekränktem Stolz oder dem alten Drang, alles beherrschen zu wollen. Dort war nur noch Hass. Klar, bitter, bis auf den Grund ausgekocht.

Als er endlich den Mund aufmachte, klang seine Stimme fremd. Tief, gepresst, als müsste sie sich durch Schlamm und Finsternis kämpfen.

„Du … was hast du getan? Du hast mich vor Tobias bloßgestellt. Mich!“

Er machte einen Schritt auf sie zu. Anna wich nicht zurück. Sie blieb einfach stehen und sah ihn an. Vielleicht war es gerade diese Ruhe, diese vollkommen undurchdringliche Gelassenheit, die ihn noch mehr rasend machte als das, was sie getan hatte. Einen Meter vor ihr blieb er stehen. Sein ganzer Körper bebte.

„Du glaubst jetzt, du hast gewonnen, ja? Du meinst, nur weil das hier dein Loch ist, bist du hier die Herrin?“ Mit einem irren Blick fuhr er durch den Raum, als würde ihn jedes Möbelstück persönlich beleidigen. „Ich verachte das alles! Deine armseligen Träume! Diese Bretter, diese Tapeten, deinen elenden kleinen Komfort! Drei Jahre habe ich in diesem Saustall ausgehalten, hab dein Essen gerochen und so getan, als wär das alles für mich in Ordnung! Als wärst du eine Frau und nicht ein Taschenrechner mit Ambitionen!“

Etwas in ihm war endgültig durchgebrannt. Keine Bremse hielt mehr. Alles, was sich vermutlich jahrelang in ihm angesammelt hatte, brach heraus: eine schmutzige, trübe Flut aus Verachtung.

„Das Auto hab ich gebraucht, damit ich von hier wegkomm! Damit ich wenigstens ein paar Stunden am Tag dein saures Gesicht und diese abgewohnte Hölle nicht sehen muss! Und du klammerst dich an deine paar Euro, als wär das deine große Lebensleistung! Aber das ist keine Leistung. Das ist ein Urteil. Ein Urteil über dein jämmerliches Leben, in dem nichts vorkommt außer Arbeit und dieser staubige Karton hier!“

Anna schwieg. Sie hörte jedes Wort, aber es traf sie nicht mehr. Es glitt an ihr vorbei, als käme es aus einem schlecht eingestellten Radio in einem anderen Zimmer. Sie betrachtete ihn wie einen unangenehmen Fremden, der aus irgendeinem Grund in ihrer Wohnung stand und schrie.

In ihr hatte sich etwas endgültig verschoben. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern sauber und unwiderruflich. Da war keine Kränkung mehr. Kein Schmerz. Nur eine kalte, klare Erkenntnis: Es war vorbei. Dieser Mensch musste aus ihrem Leben verschwinden. Nicht irgendwann. Jetzt.

„Du glaubst, ich lass mir von dir hier Befehle geben?“ kreischte Florian, als er merkte, dass seine Worte keine Wirkung mehr hatten. Er zeigte mit dem Finger auf sie. „Halt den Mund und wag es nicht, in meiner Wohnung so aufzutreten! Ich bin hier der Mann! Ich entscheide, wie wir leben! Ich mach dir dein Leben zur Hölle, deine Renovierung, alles, bis du mir das Geld von selber bringst und mich anbettelst, dass ich es annehm!“

In genau diesem Moment begann Anna zu handeln.

Ohne ein Wort drehte sie sich um und ging hinaus ins Vorzimmer. Florian verstummte für einen Augenblick, irritiert, aus dem Tritt gebracht. Anna trat zum eingebauten Kasten, in dem sie Werkzeug aufbewahrte, und öffnete die Tür. In einer Lade, die nach Maschinenöl und altem Eisen roch, suchten ihre Finger kurz herum, bis sie den schweren, vertrauten Griff eines Hammers ertasteten. Sie hob ihn heraus. Ein gutes Werkzeug. Echt. Zweckmäßig. Keine Dekoration.

Dann kam sie zurück ins Zimmer.

Florian starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Er begriff nicht sofort, was sie vorhatte. Seine Schimpftirade blieb irgendwo in seiner Kehle hängen.

„Bist du jetzt völlig wahnsinnig?“ brachte er heiser hervor, als Anna zum Couchtisch ging.

Sie antwortete nicht. Sie legte den Hammer auf die Tischplatte. Danach nahm sie das Muster „Arktische Eiche“, das noch dort lag: das Sinnbild ihres Traums, das er mit seinen dreckigen Schuhen entwürdigt hatte. Sie platzierte es genau in der Mitte des Tisches.

Dann griff sie nach seinem Handy. Nach diesem kleinen Gegenstand, aus dem eben die Demütigung gekommen war. Nach der Verbindung zu jener Welt, in der er der lustige, lässige Kerl war und nicht der Mann, der sich aushalten ließ. Behutsam legte sie es mit dem Display nach oben auf das helle Laminatstück. Das schwarze, glänzende Rechteck auf dem blassen Holz wirkte wie eine Opfergabe auf einem Altar.

Anna nahm den Hammer wieder in die Hand.

Florian zuckte nach vorn, als wollte er ihr das Gerät entreißen. Doch mitten in der Bewegung erstarrte er. Er hatte ihren Blick gesehen. Leer. Tot. Unverrückbar. Da verstand er.

Der Schlag war nicht wild, nicht einmal besonders kräftig. Aber er war präzise und schwer. Keine große Ausholbewegung, nur ein kurzer, entschlossener Stoß aus dem Handgelenk nach unten. Ein trockenes, hässliches Knacken durchschnitt die Luft. Es klang nicht wie splitterndes Glas, eher wie das innere Brechen von etwas Kompliziertem, das auf einmal aufgab. Über das Display liefen Risse wie ein Spinnennetz, winzige Splitter sprangen unter dem Hammerkopf hervor.

Anna legte den Hammer wieder hin und sah Florian direkt in die Augen. Er stand da wie versteinert. In ihrem Blick lag kein Zorn. Kein Triumph. Nur Müdigkeit und ein endgültiger Schlussstrich.

„Jetzt kannst du anfangen, Geld zu verdienen. Für ein Handy. Für ein Auto. Für alles. Aber nicht hier.“

Hedis Stube