„Für jeden einzelnen Schritt? Du hast aus unserer Wohnung das Einzige weggetragen, was mir von meiner Mutter geblieben ist!“
Felix hat die Tür zugeknallt und ist ins Wohnzimmer zum Schlafen gegangen. Anna ist bis in die Früh in der Küche sitzen geblieben. In ihr war alles wie ausgebrannt, leer und still. Immer wieder hat sie die Hände ihrer Mutter vor sich gesehen, und an einem Finger diesen Ring. Wie sie Teig geknetet hat und das Gold im Mehl kurz aufgeblitzt ist. Wie sie Anna vor dem Einschlafen über den Kopf gestrichen hat. Und jetzt trug irgendein fremder Mensch dieses Stück Erinnerung, ohne auch nur zu ahnen, dass er da nicht bloß Schmuck, sondern ein ganzes Leben in Händen hielt.
Die Wahrheit hat Anna zwei Wochen später eingeholt. Sie ist gerade vom Einkaufen zurückgekommen, das Sackerl schwer in der Hand, als sie vor dem Hauseingang auf ihre Schwiegermutter gestoßen ist. Elisabeth hat gestrahlt, braun gebrannt und erholt, mit einem neuen, grell bunten Tuch um die Schultern.
„Annerl! Genau zu euch wollt ich! Ich bin direkt vom Zug her, den Koffer hab ich nicht einmal heimgebracht! Ach, was für ein Kurhotel, was für ein Meer! Zehn Tage wie im Paradies! Massagen, Bäder, Essen fünfmal am Tag!“
Anna hat ihr zugehört und gespürt, wie in ihr etwas langsam eiskalt geworden ist.
„Was für ein Kurhotel, Elisabeth? Sie haben doch gesagt, die Pension reicht nicht einmal für die Medikamente.“
„Na, der Felix hat alles bezahlt!“, hat die Schwiegermutter stolz verkündet. „Den Aufenthalt, die Fahrt, und für die Anwendungen hat er mir auch noch extra was mitgegeben! So einen Sohn muss man erst einmal großziehen! Gold ist er, kein Bub! Alles tut er für seine Mutter!“
Das Einkaufssackerl hat Anna den Arm nach unten gezogen. Sie hat in Elisabeths glückliches Gesicht geschaut und im Kopf begonnen, die Summen zusammenzurechnen.
„Also Ihnen war er etwas schuldig“, hat sie leise gesagt. „Das waren also seine furchtbaren Gläubiger. Elisabeth, wissen Sie eigentlich, woher Felix dieses Geld gehabt hat?“
„Verdient natürlich! Woher denn sonst? Mein Sohn ist fleißig!“
„Er hat den Ring meiner verstorbenen Mutter verkauft. Er hat ihn aus dem Versteck genommen und versilbert. Mir hat er etwas von Schulden erzählt, von Problemen. Er hat gebettelt, Druck gemacht, und am Ende hat er ihn einfach aus der Wohnung getragen. Für Ihre Massagen und Ihre fünf Mahlzeiten am Tag.“
Einen Augenblick lang ist Elisabeth aus der Fassung geraten. Dann hat sie sofort das Kinn gehoben.
„Na und? Wegen so einem Ringerl! Ich hab’s nötiger gehabt! Mein ganzes Leben hab ich für die Familie geschuftet und mir den Rücken kaputtgemacht. Darf ich im Alter nicht auch einmal für mich leben? Du bist jung, du wirst schon wieder zu etwas kommen!“
„Nötiger“, hat Anna wiederholt. „Die Erinnerung an meine Mutter ist Ihnen natürlich gleichgültig. Danke für Ihre Ehrlichkeit. Wenigstens sagt in Ihrer Familie jemand offen, was Sache ist.“
Sie ist an der Schwiegermutter vorbeigegangen und ins Stiegenhaus hinein. Seltsam: Tränen sind keine gekommen. In ihr war alles klar und kalt geworden, wie Wasser im Winter.
Am Abend ist Felix in die Wohnung gekommen und im Vorzimmer stehen geblieben. Dort haben fertig gepackte Taschen gewartet. Seine Taschen.
„Was soll das heißen?“
„Ich habe deine Mutter getroffen“, sagte Anna. „Sie hat sich wunderbar erholt. Massagen, Meer, fünf Mahlzeiten am Tag.“
