„Mamas Ring gebe ich nicht ins Pfandhaus. Nicht für einen Tag und nicht einmal für eine Stunde“, sagte Anna, stellte ihr Häferl auf den Tisch und drehte sich wieder zum Herd

Herzzerreißend, zugleich rücksichtslos und zutiefst unverantwortlich.
Geschichten

„Sie hat dir ausrichten lassen, wie dankbar sie ist. Einen goldenen Sohn hast du, hat sie gemeint.“

Felix hat geschluckt und ist auf den Hocker gesunken.

„Anna, ich kann dir das erklären …“

„Lass es. Ich habe es längst begriffen. Es hat keine Schulden gegeben. Keine Gläubiger, keine Notlage. Es hat nur eine Reise für deine liebe Mama gegeben, für die dir das Geld gefehlt hat. Und den Ring deiner Frau, der ja angeblich nur nutzlos herumgelegen ist. So hast du doch gerechnet, oder?“

„Sie ist alt! Sie hat das Meer noch nie gesehen! Ich wollte ihr eine Freude machen, und mein Gehalt ist später gekommen! Ich hätte dir einen neuen gekauft, einen schöneren! Wenn du willst, fahren wir morgen gleich los. Du suchst dir irgendeinen aus, egal welchen, und ich zahl ihn.“

Anna hat kurz gelacht, aber es war kein fröhliches Lachen.

„Irgendeinen. Felix, nach elf Jahren weißt du noch immer nicht, wer ich bin. Gold kann man kaufen. Aber wo kaufst du mir meine Mama? Ihre Stimme? Ihre Hände? Die Erinnerung an sie? Diesen Ring hat sie vierzig Jahre lang getragen. Er hat ihre Wärme in sich gehabt. Begreifst du das überhaupt?“

„Versteh doch auch mich! Ich habe nur eine Mutter!“

„Ich hatte auch nur eine!“, ist es aus ihr herausgebrochen, die Tränen haben ihr die Kehle zugeschnürt. „Ich hatte eine, Felix! Jetzt ist sie nicht mehr da. Und dank dir ist mir nicht einmal das geblieben, was noch von ihr übrig war.“

Felix ist aufgesprungen und wollte sie an sich ziehen. Anna ist zurückgewichen.

„Nimm deine Sachen und geh. Wohn eine Weile bei deiner Mutter, sie wird sich freuen. Die Scheidung reiche ich selber ein.“

„Bist du wahnsinnig? Wegen eines Rings willst du unsere Familie zerstören?“

„Zerstört hast du sie. In dem Moment, als du in meinen Sachen gewühlt hast. Als du mir mit den Schulden ins Gesicht gelogen hast. Als du beim Ankauf unterschrieben hast, obwohl du gewusst hast, dass der Ring für immer weg ist. Du hast all das getan und kein einziges Mal angehalten. Das war deine Entscheidung, Felix. Jetzt leb damit.“

Noch lange ist er vor der Tür gestanden, hat geläutet, gebettelt, geschworen, sie solle aufmachen. Dann ist er müde geworden und weggefahren.

Einen Monat später ist Felix in Annas Arbeit aufgetaucht, mit einem kleinen Samtetui in der Hand. Darin lag ein Ring, alt wirkend, mit einem ähnlichen Muster. Er musste ihn in Antiquitätengeschäften gesucht und sicher nicht wenig dafür ausgegeben haben.

„Anna, schau. Fast derselbe. Ich bin durch die ganze Stadt gefahren. Verzeih mir. Fangen wir noch einmal an.“

Anna hat den Schmuck betrachtet und das Etui wieder zugemacht.

„Er ist schön. Schenk ihn deiner Mutter. Sie braucht ihn ja dringender.“

Die Scheidung ist rasch erledigt gewesen; viel zu teilen gab es nicht. Manchmal hat Anna abends das leere Schmuckkästchen geöffnet und mit ihrer Mutter gesprochen. Sie hat sie um Verzeihung gebeten, weil sie den Ring nicht beschützt hatte. Und eines wusste sie nun ganz genau: Eine Ehe endet nicht immer mit einem Seitensprung und auch nicht mit einem großen Streit. Manchmal endet sie mit einer einzigen Tat, die man weder vergessen noch vergeben kann.

Hedis Stube