Sie erkannte in ihm nicht mehr ihren Bräutigam, nicht mehr den Mann, mit dem sie ihr Leben hatte verbringen wollen. Ihr Blick ruhte auf ihm wie der einer Wissenschafterin auf einem missglückten Versuch: mit kühlem Bedauern, aber ohne jede persönliche Anteilnahme. In ihren Plänen hatte er keinen Platz mehr, in ihrer Welt ebenso wenig. Er war nur noch ein Mensch, der in ihrem Zimmer stand. Ein Fremder. Und in seiner Schwäche geradezu lächerlich durchschaubar.
Ohne ein Wort drehte sie sich langsam um und ging zum Tisch. In ihren Bewegungen lag plötzlich eine fremde Würde; alles Scharfe, Ruckartige war daraus verschwunden. Sie wirkte, als vollziehe sie ein Ritual, das sie seit Jahren auswendig kannte. Der Raum, der eben noch vor Spannung beinahe geborsten war, wurde auf einmal weit und still. Lukas starrte auf ihren Rücken. Er brachte weder einen Schritt noch einen Laut zustande. Er spürte, dass jetzt etwas Endgültiges geschah, etwas, das sich nicht mehr zurückholen lassen würde. Doch die Kälte, die von ihr ausging, lähmte seinen Willen vollständig.
Anna blieb an jener Stelle stehen, an der ihre sorgfältig ausgearbeiteten Sitzpläne lagen. Einen Moment betrachtete sie sie, dann die Muster der Einladungen, danach die Kostenaufstellung — lauter Bruchstücke eines künftigen Lebens, das es nicht mehr gab. Schließlich fiel ihr Blick auf das absurde, vierfach gefaltete Blatt aus einem Heft, das Lukas mitgebracht hatte. Es lag schief da, wie ein Fremdkörper, wie ein Virus, der ein gesundes System von innen heraus zerstört hatte.
Sie hob die linke Hand. Im Licht des Lusters blitzte matt der glatte Reif ihres Verlobungsrings auf, in dem ein kleiner, aber klarer Diamant saß. Sie selbst hatte ihn ausgesucht, stolz auf ihren Geschmack. Sie erinnerte sich daran, wie ihre Finger gezittert hatten, als er ihn ihr damals im Dachrestaurant angesteckt hatte. Jetzt zitterte nichts. Ihre Hand war vollkommen ruhig. Mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand fasste sie den Ring und zog ihn ab. Er glitt mühelos von ihrem Finger, ohne den geringsten Widerstand.
Zwischen zwei Fingern hielt sie ihn, als wäre er ein seltsames Insekt, und hob ihn über die Liste. Für einen Augenblick verharrte sie so, reglos, als gäbe sie Lukas die Möglichkeit, bis ins Letzte zu begreifen, was hier gerade geschah. Dann ließ sie los. Der Ring fiel mit einem leisen, trockenen Klacken auf das Papier. Dieses kaum hörbare Geräusch klang in der tauben Stille des Zimmers lauter als ein Schuss.
Der kleine goldene Kreis mit dem funkelnden Stein lag genau in der Mitte des Blattes, direkt über der verschnörkelten Handschrift seiner Mutter.
Mit einem einzigen Finger schob Anna die ganze Anordnung — das Blatt und den Ring darauf — über die glatte Tischfläche von sich weg, Lukas entgegen. Die Bewegung war leicht, beinahe angewidert. Erst unmittelbar vor ihm kam alles zum Stillstand.
„Da“, sagte sie. Ihre Stimme war völlig eben, ohne jede Regung, wie die einer Sekretärin, die Unterlagen zur Unterschrift weiterreicht. „Gib das deiner Mutter. Das ist jetzt die Einladung. Soll sie dich heiraten, wenn sie ohnehin besser weiß, wie dein Leben einzurichten ist.“
Sie schwieg kurz, damit der Satz in die Luft, in die Wände und in sein Bewusstsein einsickern konnte.
„Eine Hochzeit wird es nicht geben.“
Dann wandte sie sich ab. Sie ging jedoch nicht ins Schlafzimmer, um ihre Sachen zusammenzupacken. Sie knallte auch nicht die Wohnungstür hinter sich zu. Mit ruhigen, abgemessenen Schritten machte sie sich auf den Weg in die Küche. Lukas hörte, wie sie einen Kasten öffnete, ein Glas herausnahm und danach das Wasser aus dem Hahn laufen ließ. Dieses alltägliche, häusliche Geräusch war vor dem Hintergrund seiner zusammengebrochenen Welt das Entsetzlichste, was er je gehört hatte. Sie machte keine Szene.
Sie strich ihn einfach aus ihrem Leben und ging Wasser trinken.
Er aber blieb allein im Zimmer zurück, mitten zwischen den toten Plänen, und starrte auf den Ring, der auf der lächerlichen Liste lag wie ein Grabstein auf dem Grab ihrer gemeinsamen Zukunft.
In den ersten Minuten rührte Lukas sich nicht. Wie angewurzelt stand er da und sah auf den glänzenden Reif auf dem Heftblatt hinunter. Das Rinnen des Wassers, dann das leise Absetzen des Glases auf der Küchenarbeitsfläche — das waren die einzigen Geräusche in der Wohnung. Für ihn klangen sie ohrenbetäubend laut und auf eine unanständige Weise gewöhnlich.
Sein Kopf weigerte sich, das Geschehene zu erfassen. Er fand keine passenden Gedanken, keine richtigen Worte. In dieser Leere, in dieser lähmenden Panik tat er nur das Einzige, was er in Krisen immer tat: Er zog sein Handy hervor und wählte die erste Nummer in der Kurzwahl.
