— Mama, komm bitte her. Es ist wirklich schlimm.
Maria ist vierzig Minuten später dagestanden. Sie hat nicht angeläutet. Sie hat mit ihrem eigenen Schlüssel aufgesperrt und ist in die Wohnung gekommen, nicht wie ein Gast, sondern wie jemand, der hier jedes Recht der Welt hatte und nun rasch Ordnung schaffen musste.
In ihrem Gesicht lag kampfbereite, beleidigte Empörung. Als sie ihren Sohn gesehen hat, der noch immer verloren im Wohnzimmer stand, hat sie ihn nicht einmal begrüßt. Mit gesenkter, herrischer Stimme fragte sie nur:
— Wo ist sie? Was bildet sich diese…?
— In der Küche, sagte Lukas leise, ohne den Blick vom Tisch zu heben.
Maria ging mit festen Schritten hinüber. Anna saß am Küchentisch und trank langsam aus dem Glas Wasser. Sie sprang nicht auf, sie verteidigte sich nicht, sie griff niemanden an. Sie hob nur ruhig die Augen zu der Frau, die hereingekommen war. In diesem Blick lag keine Angst. Auch kein Hass. Nur eine grenzenlose, eisige Müdigkeit.
— Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht? begann Maria scharf und blieb in der Tür stehen. Sie holte bereits Luft, um weiterzureden, doch Anna kam ihr zuvor.
— Mit Ihrem Sohn? Gar nichts, Maria. Ich habe nur aufgehört, aus ihm einen Ehemann machen zu wollen.
Ihre Stimme klang gelassen, beinahe freundlich, und gerade deshalb trafen die Worte noch härter. Anna stellte das Glas auf den Tisch zurück und verschränkte die Finger ineinander.
— Sie sind vermutlich wegen dieser Liste gekommen. Keine Sorge, darum geht es nicht. Auch nicht um Ihre Cousine. Der Ring, den Ihr Sohn gleich holen und Ihnen geben wird — sagte sie, als wäre Lukas nicht mehr im Nebenzimmer, als gehörte er bereits zu etwas Vergangenem —, ist keine Geste einer hysterischen Braut. Er ist eine Diagnose. Die Diagnose unserer Familie, die nie entstehen konnte.
Ihr Blick glitt von Maria weg, dorthin, wo hinter der Wand Lukas stand. Ihre Stimme wurde noch leiser, aber schneidender.
— Ich wollte ihn wirklich heiraten. Lukas. Ich wollte mit ihm ein Leben aufbauen. Aber es hat sich herausgestellt, dass das unmöglich ist. Weil Sie immer mitkommen. Nicht als zukünftige Schwiegermutter. Nicht als Großmutter meiner Kinder. Sondern als Hauptanteilseignerin unserer Ehe, mit vollem Stimmrecht. Und Ihr Sohn ist nicht mein Partner. Er ist nur ein Geschäftsführer, der Angst hat, Sie zu kränken.
Maria öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus. Anna sprach nicht wie eine Frau, die einen Anfall hatte. Sie sprach wie eine Ärztin, die Angehörigen ruhig erklärt, dass eine Krankheit unheilbar ist.
— Verstehen Sie, ich will mein Leben nicht so verbringen, dass ich ständig über die Schulter schauen und auf Ihre Erlaubnis warten muss. Ob wir genau dorthin auf Urlaub fahren dürfen. Ob wir gerade dieses Möbelstück kaufen können. Ob wir unser Kind so nennen dürfen, wie es uns gefällt, und nicht so, wie es Ihnen recht wäre. Ich will nicht, dass Sie meine Entscheidungen zensieren. Unsere gemeinsamen Entscheidungen. Und mit Lukas wird es nie anders sein. Niemals.
Wieder sah sie in Richtung Wohnzimmer.
— Und er… er würde sein ganzes Leben lang zwischen uns stehen. Nicht als Mauer. Nicht als Beschützer. Nicht als Richter. Nur als Bote, der fremde Forderungen überbringt und dabei schuldbewusst die Augen niederschlägt. So einen Mann brauche ich nicht. Es tut mir leid. Aber dafür achte ich mich selbst zu sehr.
Sie stand auf. Ihre Tasche, die die ganze Zeit beim Sesselbein gestanden hatte, nahm sie an sich. Nichts an ihr wirkte hastig. Jede Bewegung war ruhig, gesammelt und endgültig. Sie ging um den Tisch herum zur Tür und blieb einen Augenblick neben der wie erstarrt dastehenden Maria stehen.
— Das Problem ist nicht, dass Sie Ihren Sohn lieben, sagte sie fast flüsternd. — Das Problem ist, dass in dieser Liebe kein Platz für einen anderen Menschen bleibt. Leben Sie wohl.
Dann ging Anna an ihr vorbei. Auch an Lukas vorbei, der sich keinen Schritt gerührt hatte. Sie ging zur Wohnungstür. Das Schloss gab mit einem leisen Klicken nach.
In der Wohnung blieb Stille zurück. Aber es war nicht mehr dieselbe Stille wie zuvor. Diese hier war schwer, zäh und voll von unausgesprochenen Vorwürfen.
Mutter und Sohn waren allein.
Maria drehte sich langsam zu Lukas um. Und zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie in seinen Augen weder Bewunderung noch Gehorsam. Da war etwas anderes. Etwas Leeres, Furchtbares.
Er aber sah sie an, die Quelle seiner Schwierigkeiten, seiner Ausreden, seiner ewigen Unentschlossenheit. Und in diesem Moment begriff er, dass die Frau, die gerade gegangen war, die Wahrheit gesagt hatte.
Eine Hochzeit würde es nicht geben.
Und es fühlte sich an, als würde auch vom Leben selbst nichts mehr übrig bleiben.
