„Lukaserl, ich hab beschlossen, bei euch vorbeizuschauen“ verkündet Theresa – Lukas erstarrt, seine Partnerin schwört Widerstand

Ihre Einmischung war unverschämt und zutiefst verletzend.
Geschichten

„Weil sie nicht bekommt, weswegen sie hergekommen ist. Sie wollte das Kommando übernehmen. Nur macht diesmal keiner mehr mit.“

Am dritten Tag, in der Früh, ist Theresa bereits fertig angezogen zum Frühstück erschienen. Nicht in Hauskleidung, nicht bequem, sondern in genau jener Bluse, in der sie angekommen war. Die Haare ordentlich gelegt, die Ohrringe drin.

Ich habe es begriffen, noch bevor sie den Mund aufgemacht hat.

„Ich hab beschlossen, heute heimzufahren. Bei Barbara sind die Enkerl krank, sie braucht Unterstützung.“

Barbara. Ausgerechnet jene Barbara, bei der sie sich am Telefon ausgeweint hatte. Offenbar ihr vorbereiteter Notausgang.

Krank war dort niemand, da war ich mir sicher. Aber als Begründung klang es elegant genug. Nicht: Ihr habt mich nicht bedient. Sondern: Ich werde woanders gebraucht. Das Gesicht blieb gewahrt, der Rückzug hübsch verpackt.

Lukas hat ihr ein Taxi gerufen und die Koffer hinuntergetragen. Beide. Dieselben bleischweren Koffer, mit denen sie für vier Tage angereist war. Oder für eine Woche. „Je nachdem, wie es sich ergibt“, hatte sie gesagt.

Jetzt hatte es sich ergeben.

Bei der Tür ist sie noch einmal stehen geblieben und hat sich zu mir umgedreht.

„Anna, du bist anders geworden.“

Kein „Danke für die Gastfreundschaft“. Kein „Kommt uns bald besuchen“. Nur: Du bist anders geworden. Und in ihrer Stimme habe ich nicht einmal Kränkung gehört. Eher Verwunderung. Sie war an eine andere Version von mir gewöhnt. An die, die sofort in die Küche gelaufen ist, den Tisch gedeckt hat und jede Bemerkung mit einem Lächeln geschluckt hat.

„Ja“, habe ich gesagt. „Bin ich.“

Mehr nicht.

Das Taxi ist weggefahren. Lukas hat die Tür zugemacht. Wir sind im Vorzimmer gestanden und haben vielleicht zehn Sekunden lang kein Wort gesagt.

Dann hat er gemeint:

„Pasta?“

„Pasta“, habe ich genickt.

Das Mittagessen haben wir gemeinsam gemacht. Er hat Gemüse geschnitten, ich habe die Spaghetti gekocht. Der Kater ist endlich unter dem Bett hervorgekrochen und hat sich aufs Fensterbrett gelegt, breit ausgestreckt in der Sonne. Im Radio ist irgendein Unsinn aus den Neunzigern gelaufen, und wir haben mitgesungen, völlig daneben, aber mit Begeisterung.

Niemand hatte etwas an den Vorhängen auszusetzen. Niemand ist mit dem Finger über die Regale gefahren, um Staub zu suchen. Niemand hat erwartet, dass ich Bedienung spiele.

Am Abend hat Lukas Wein eingeschenkt und plötzlich gesagt:

„Weißt du was? Ich ruf sie in einer Woche an. Ich sag ihr, dass wir sie gernhaben. Aber Besuche gibt’s künftig nur, wenn wir sie einladen. Und höchstens für zwei Tage.“

Fast wäre mir das Glas aus der Hand gerutscht. Nicht wegen des Inhalts seiner Worte. Sondern wegen der Ruhe, mit der er sie ausgesprochen hat.

„Bist du dir sicher?“

„Sie ist kein schlechter Mensch, Anna. Sie ist nur daran gewöhnt, dass alles nach ihren Regeln läuft, und glaubt, die anderen müssten sich danach richten. Müssen wir aber nicht.“

Ich habe nicht widersprochen. Und ich habe mich auch nicht triumphierend gefühlt. Es war kein Sieg über Theresa. Es war etwas anderes.

Nein zu sagen ist leicht, wenn man innerlich schon brennt. Viel schwieriger ist es, ruhig Nein zu sagen. Ohne Lautwerden, ohne Groll, ohne lange Rechtfertigung. Einfach: Nein, das mache ich nicht. Fertig.

Theresa hat dann selbst angerufen, fünf Tage später. Ihre Stimme war hell und munter, als wäre nie etwas gewesen.

„Lukas, bei Barbara ist wieder alles in Ordnung. Die Enkerl sind gesund. Ich hab mir gedacht, vielleicht komm ich zu Silvester zu euch?“

Lukas hat mich angeschaut. Ich habe zwei Finger gehoben.

„Komm gern, Theresa. Für zwei Tage. Aber bitte sag vorher Bescheid.“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause. Lang wie eine Winternacht.

„Na ja … gut. Zwei Tage, dann eben zwei Tage.“

Sie hat zugestimmt.

Ich habe meine Pasta fertig gegessen und gedacht: Vier Monate haben wir von diesem Urlaub geträumt. Drei Tage lang haben wir eine kleine Invasion überstanden. Und trotzdem haben wir uns erholt.

Weil Urlaub nicht unbedingt ein Ort ist. Und auch nicht bloß eine Zeitspanne.

Urlaub ist ein Zustand.

Der Moment, in dem man endlich begreift, dass man das Recht hat, so zu leben, wie man selbst es möchte.

Wenigstens daheim.

Hedis Stube