Und das neue Jahr würde diesmal kein Neubeginn sein, sondern der Punkt, ab dem alles gezählt wurde.
Lukas ist am fünften Jänner zurückgekommen. Nicht am ersten, nicht am zweiten – ausgerechnet am fünften, wenn der Feiertagsnebel sich schon langsam lichtet und nur dieses schwere, klebrige Gefühl im Kopf bleibt, dass etwas gründlich schiefgelaufen ist.
Er hat die Tür mit seinem eigenen Schlüssel aufgesperrt. Langsam, ohne sie ins Schloss fallen zu lassen. So, als hätte er schon vorher gewusst, dass Lärm jetzt fehl am Platz war.
„Ich bin daheim“, sagte er ins leere Vorzimmer.
„Ich hab’s gehört“, kam Annas Stimme aus dem Wohnzimmer. „Zieh dir die Schuhe aus.“
Er trat ein, stellte seine Schuhe ordentlich nebeneinander, genau so wie früher, als er noch geglaubt hatte, dass solche Kleinigkeiten etwas retten konnten. Die Jacke hängte er sorgfältig auf. Ein Sackerl mit Geschenken hatte er nicht dabei.
„Frohes neues Jahr noch“, sagte er unbeholfen, während er in die Türöffnung schaute.
„Dir auch“, antwortete Anna, ohne vom Sofa aufzustehen. „Wie geht’s deiner Mama?“
„Eh gut“, sagte er viel zu rasch. „Der Nachbar hat ihr mit der Heizung geholfen. Vorläufig halt.“
„Vorläufig ist bei euch ja meistens der Normalzustand“, meinte Anna und nickte knapp. „Setz dich. Wenn du schon da bist.“
Lukas setzte sich. Für ein paar Sekunden schwieg er, als müsste er erst den Mut zusammensammeln.
„Anna“, begann er schließlich. „Wir müssen reden. Ohne Geschrei. Vernünftig. Wie Erwachsene.“
„Da bin ich sofort dabei.“ Sie sah ihn direkt an. „Ich will auch nicht mehr schreien. Ich will endlich Klarheit.“
„Du hast dich verändert“, sagte er. „Früher warst du weicher.“
„Nein“, erwiderte sie ruhig. „Früher hab ich geschluckt.“
„Das ist doch dasselbe.“
„Nein, Lukas. Geduld hat man, wenn man weiß, wofür. Ich hab nur ausgehalten, weil ich Angst vor Streit gehabt hab.“
„Und jetzt hast du keine Angst mehr?“
„Doch. Aber vor etwas anderem. Davor, dass ich in fünf Jahren aufwache und begreife, dass ich nicht mein eigenes Leben gelebt hab.“
Er senkte den Blick.
„Mama sagt, du hast sie aus deinem Leben gestrichen.“
„Ich hab niemanden gestrichen“, sagte Anna müde. „Ich will nur nicht nach ihrem Drehbuch leben.“
„Sie ist alt.“
„Sie ist fünfundsechzig. Wenn sie etwas will, hat sie mehr Energie als wir beide zusammen.“
„Das ist unfair.“
„Kann sein. Aber es ist ehrlich.“
Lukas atmete scharf aus.
„Weißt du, was sie mir am ersten Jänner gesagt hat?“
„Ich kann’s mir vorstellen.“
„Sie hat gesagt: Wenn du dich für sie entscheidest, verlierst du mich.“
Anna hob langsam die Augenbrauen.
„Und du bist jetzt gekommen, um mir das auszurichten?“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin gekommen, weil ich begriffen hab, dass ihr mich beide vor eine Wahl stellt. Du und sie.“
„Ich hab dich vor gar keine Wahl gestellt“, sagte Anna hart. „Ich hab nur gesagt, wo meine Grenze ist.“
„Und was ist das, wenn keine Wahl?“
„Das sind die Bedingungen, unter denen ich leben kann.“
„Du stellst dich immer an die erste Stelle“, sagte er bitter. „Und ich? Und meine Mutter?“
„Irgendwer muss mich ja an die erste Stelle stellen“, antwortete sie ruhig.
