Material kostet eben auch ein Vermögen.
— Schön für Sie. Dann haben Sie wenigstens bald einen warmen Balkon.
Katharina hat den Kühlschrank geöffnet und ihren Käse herausgenommen.
— Und was genau habe ich damit zu tun?
Barbara ist aufgestanden. Im gelblichen Lampenlicht sind ihre Falten noch tiefer gewirkt.
— Du lebst jetzt seit drei Jahren in unserer Familie. Ein bissl Respekt vor der Mutter deines Mannes wäre wohl nicht zu viel verlangt.
— Ich respektiere Sie am liebsten mit Abstand.
— Ich habe ihm Essen für drei Tage mitgebracht. Nudeln, Dosenfleisch.
— Hervorragend. Vergessen Sie danach nur nicht, den Topf abzuwaschen. Und meinen Herd gleich mit.
Barbara schnappte nach Luft, als hätte man sie beleidigt wie nie zuvor.
— Ich versuche, vernünftig mit dir zu reden, Katharina!
— Dann lassen Sie es besser gleich bleiben.
Katharina belegte sich ein Brot und goss sich Tee ein.
— Wenn Ihr Sohn es normal findet, sein ganzes Gehalt bei Ihnen abzuliefern, dann soll er auch bei Ihnen wohnen.
— Die Wohnung gehört euch beiden! — stieß Barbara hervor.
— Den Kredit zahle ich. Von meiner Gehaltskarte.
— Er hat hier renoviert!
Katharina verzog den Mund.
— Er hat im Vorzimmer zwei Rollen Tapete angeklebt. Ja, ein historischer Beitrag.
Aus dem Gang waren Schritte zu hören. Gleich darauf kam Sebastian in die Küche. Erst schaute er seine Mutter an, dann Katharina.
— Was ist denn hier los?
— Gar nichts, Sebastian, — presste Barbara hervor. — Ich gehe schon. Iss deine Nudeln. Sonst macht dich die da noch ganz fertig.
Hocherhobenen Hauptes rauschte sie an Katharina vorbei, streifte sie absichtlich an der Schulter und schlug kurz darauf die Wohnungstür zu.
Sebastian setzte sich an den Tisch, zog den Topf zu sich heran und häufte sich Nudeln auf den Teller.
— Zufrieden? Du hast meiner Mutter den ganzen Abend verdorben.
— Deiner Mutter geht es blendend. Sie bekommt neue Fenster am Balkon. Auf meine Kosten.
— Das war mein Geld! — Sebastian schlug mit der Faust auf die Tischplatte.
Die Gabel klirrte gegen den Teller.
— Dein Geld gibt es hier nicht. Hier ist alles von meinem bezahlt.
— Du bist eine geldgierige Hexe, Katharina. Dir geht es doch nur um Kohle.
— Mir geht es um einen Partner. Nicht um einen Blutegel.
Sie trank ihren Tee aus, stand auf und ging ins Zimmer. Dort klappte sie den Laptop auf und startete eine Serie. Von da an lebten sie nebeneinander her wie zwei Fremde: ein paar kurze Sätze, müde Blicke, Schweigen. In der Luft hing bereits dieses dumpfe Gefühl, dass etwas endgültig auseinanderbrechen würde.
Der Donnerstag verging ohne Streit. Sebastian aß seine Nudeln, Katharina machte sich Salate. Am Freitagabend kam auf ihrem Handy eine Benachrichtigung.
„Abbuchung: 12,50 €. Lieferando.“
Mitten auf der Straße blieb sie stehen und starrte auf das Display. Der Kontostand hatte sich verändert. Ihre Karte war noch immer mit dem gemeinsamen Konto in der Liefer-App verbunden. Katharina öffnete sofort die Bestellhistorie.
Pizzalieferung. Adresse: ihre Wohnung. Besteller: Sebastian.
Sie lachte kurz trocken auf und tippte auf „Karte sperren“.
Eine Stunde später kam sie heim. Sebastian saß auf dem Sofa. Neben ihm lag eine leere Pizzaschachtel, auf dem Fernseher flimmerte irgendein Film.
— Mahlzeit.
Sebastian zuckte zusammen und drehte sich um.
— Ah. Servus.
Katharina warf die Schlüssel auf das kleine Kästchen im Vorzimmer.
— War die Pizza gut?
— Schon okay. Die Nudeln sind mir halt zum Hals rausgehangen.
— Für fast fünfzehn Euro sollte sie auch gut sein. Besonders, wenn es meine fünfzehn Euro sind.
Sebastian runzelte die Stirn.
— Fang nicht schon wieder damit an. Am Fünfundzwanzigsten krieg ich meinen Vorschuss, dann gebe ich es dir zurück.
— Nein. Wirst du nicht.
Katharina ging ins Zimmer, öffnete den Kasten und holte eine alte Schuhschachtel heraus. Darin hatten sie Bargeld aufbewahrt: die eiserne Reserve für schlechte Zeiten und für den Urlaub. Stück für Stück hatten sie etwas hineingelegt. Es hätten 1.200 Euro drinnen sein müssen.
Sie hob den Deckel ab. Die Schachtel fühlte sich viel zu leicht an.
Drinnen lag nur Staub. Und zwei Fünf-Euro-Scheine.
Katharina erstarrte. Ein dumpfer Schmerz zog tief durch ihren Bauch.
Mit der Schachtel in der Hand ging sie zurück ins Wohnzimmer und warf sie neben Sebastian aufs Sofa. Dumpf prallte der Karton auf die Polsterung.
— Wo ist das Geld, Sebastian?
Er sah auf die Schachtel. Sein Gesicht verlor jede Farbe.
— Welches Geld?
— Die 1.200 Euro. Unser Urlaub in Wien. Das Geld, das wir ein Jahr lang zusammengespart haben.
Sebastian schluckte und schob die Schachtel ein Stück von sich weg.
— Katharina, ich kann dir das erklären.
— Dann erklär. Die Zeit läuft.
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Sein Blick sprang unruhig durch den Raum.
— Die Arbeiter haben mehr verlangt. Das Material ist teurer geworden. Dann hat sich herausgestellt, dass die Bodenplatte verstärkt werden muss.
Katharina sah ihn nur an. In ihr drinnen fiel etwas zu. Endgültig. Wie ein Schloss, das mit einem klaren, harten Klicken einrastet.
— Du hast unser Urlaubsgeld genommen und in den Balkon deiner Mutter gesteckt.
— Ich zahle alles zurück!
— Wann? Vom Vorschuss?
— Ich nehme einen Kredit auf. Gleich morgen.
Katharina lachte kurz auf. Nicht, weil es lustig war, sondern weil diese Dummheit kaum zu fassen war.
— Das heißt, du willst einen Kredit aufnehmen, um mir mein eigenes Geld zurückzugeben?
