„Dann wirst du heute am Balkon essen. Bei Barbara.“ warf Sebastian wütend das Handy auf den Tisch

Dieser Geiz ist feige, respektlos und erbärmlich.
Geschichten

— Geld, das du vorher gestohlen hast? Und wer zahlt dann diesen Kredit ab? Wieder wir beide, aus dem gemeinsamen Budget?

— Ich zahl ihn allein!

— Von dem Geld, das du deiner Mutti hinüberträgst?

Sebastian fuhr hoch. Die Pizzaschachtel rutschte vom Sofa und klatschte auf den Boden.

— Was hackst du dauernd auf meiner Mutter herum? Ihr geht’s schlecht! Sie ist eine ältere Frau.

— Und ich bin offenbar ein Lastvieh. Mir darf’s eh nie zu viel werden.

Katharina bückte sich, hob die Schachtel auf und stellte sie auf den Tisch.

— Pack deine Sachen.

— Was?

— Deine Sachen. Du kannst auf dem neuen, warmen Balkon wohnen gehen.

Sebastian verzog den Mund zu einem schiefen, nervösen Grinsen.

— Die Wohnung gehört uns beiden. Die Hälfte ist meine. Gesetzlich. Du kannst mich nicht einfach hinauswerfen.

Katharina nickte nur.

— Gesetzlich gehört dir dann auch die Hälfte vom Wohnkredit und von den Zahlungen. Morgen gehen wir zum Notar. Wir regeln die Aufteilung. Ich zahl dir deinen Anteil aus, abzüglich deiner offenen Betriebskosten und Schulden. Und dann lassen wir uns scheiden.

Sebastian wurde kreidebleich.

— Bist du deppert? Scheidung wegen einem Balkon?

— Nicht wegen dem Balkon. Wegen einer Ratte. Du bist eine Ratte, Sebastian. Du bestiehlst deine eigene Familie.

— Ich geh nirgendwohin.

Er ließ sich wieder aufs Sofa fallen, verschränkte die Arme vor der Brust und setzte die Miene eines gekränkten Buben auf.

— Gut.

Katharina drehte sich um, ging in die Küche und holte ein Müllsackerl. Die Pizzaschachtel fegte sie hinein. Danach ging sie ins Schlafzimmer, schob den Riegel vor und legte sich aufs Bett.

In dieser Nacht haben sie in getrennten Zimmern geschlafen. Er auf dem Sofa im Wohnzimmer. Sie im Schlafzimmer.

Am Samstag in der Früh war Katharina schon zeitig wach. Sebastian schnarchte noch auf der Couch, der Fernseher lief stumm vor sich hin.

Sie ging ins Wohnzimmer. In der Ecke stand ein kleines Kastl, und darauf thronte Sebastians größter Schatz: seine Spielkonsole. Das neueste Modell. Weiß, glänzend, makellos. Vor einem halben Jahr hatte er sie gekauft, für siebenhundertfünfzig Euro, von seiner Prämie.

Katharina trat zum Kastl, zog die Stecker aus der Steckdose und wickelte die Kabel zusammen. Dann nahm sie die Controller, packte alles in einen festen Sportrucksack und hob ihn hoch. Er war schwer.

Sie zog sich an, nahm die Schlüssel und verließ die Wohnung.

Es war neun Uhr. Draußen biss die Kälte in die Haut, der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Katharina ging zur nächsten Pfandleihe. Sie machte erst um zehn auf. Vierzig Minuten lang ging sie durch die Höfe und Nebenstraßen, dann trat sie ein.

Hinter der Glasscheibe saß ein gelangweilter junger Mann mit Brille.

— Nehmen Sie eine Konsole an? fragte Katharina.

Der Mann nickte.

— Haben Sie Unterlagen dazu?

— Die Schachtel ist daheim. Meinen Ausweis hab ich mit.

Er prüfte die Seriennummer, schaltete das Gerät ein, drückte ein paar Mal auf den Controllern herum.

— Zustand ist perfekt. Vierhundert Euro geb ich Ihnen.

— Sechshundert.

Er schnaubte leise.

— Auf Willhaben vielleicht. Wir kaufen an. Vierhundertfünfzig. Mehr geht nicht.

Katharina überlegte. Vierhundertfünfzig Euro. Weniger, als er aus dem Versteck genommen hatte. Weniger, als er für diesen Balkon überwiesen hatte.

Aber es ging nicht um die Zahl.

Es ging um Gerechtigkeit.

— Machen Sie die Papiere fertig.

Sie unterschrieb, nahm das Bargeld entgegen und steckte die Scheine in ihre Geldbörse.

Der Mann stellte den Pfandschein aus.

— Wollen Sie sie später auslösen?

— Nein.

Katharina ging hinaus. Danach machte sie noch im Supermarkt Halt. Sie kaufte ein schönes Stück Rindfleisch, frisches Gemüse, Käse und ein kleines Döschen teurer Gesichtscreme. Vierzig Euro ließ sie dort.

Gegen zwölf war sie wieder daheim.

Sebastian war inzwischen wach. Er lief nervös im Wohnzimmer auf und ab. Als er Katharina sah, stürzte er auf sie zu.

— Wo ist sie?!

— Wer? fragte Katharina ruhig und zog sich die Schuhe aus.

— Die Konsole! Katharina, bist du jetzt völlig durchgedreht? Wo hast du sie versteckt?

Katharina ging in die Küche, stellte die Sackerl ab, legte das Fleisch auf den Tisch und nahm ein Messer heraus.

— Ich hab sie nicht versteckt.

— Wo ist sie dann? Ich wollte spielen. Ich hab frei.

Sie wusch sich die Hände, griff in die Jackentasche und zog den Pfandschein heraus. Dann ging sie zu ihrem Mann und hielt ihm das graue Papier hin.

Sebastian nahm es, senkte den Blick und las. Sein Gesicht wurde lang, sein Unterkiefer sackte nach unten.

— Du… du hast sie versetzt?

— Verkauft.

— Für vierhundertfünfzig Euro? Die ist siebenhundertfünfzig wert!

— Mir hat grad noch Geld fürs Fleisch gefehlt.

Sebastian zerknüllte den Zettel in seiner Faust. Er machte einen Schritt auf Katharina zu, die Augen rot vor Wut.

— Du bist doch eine völlig fertige Kreatur. Das war meine Sache! Du hattest kein Recht, sie auch nur anzurühren!

— Und du hattest kein Recht, mein Urlaubsgeld anzurühren, sagte Katharina scharf. — Meine Arbeit. Meine Ersparnisse. Du hast mir tausendzweihundert Euro gestohlen. Ich hab mir vierhundertfünfzig zurückgeholt. Eigentlich bist du noch glimpflich davongekommen.

— Ich geh zur Polizei! Ich zeig dich an!

Katharina blieb vollkommen ruhig stehen.

Hedis Stube